Selbsthilfegruppe als Rettungsanker

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Bei Problemen mit Alkohol ist die Selbsthilfegruppe eine Möglichkeit, auch für Angehörige

Neuenrade - Ihm macht so leicht keiner etwas vor. Über Alkoholiker weiß er so ziemlich alles, schließlich ist er selber einer. Aber er ist ein trockener Alkoholiker, ein zufriedener, trockener Alkoholiker. Und einer, der anderen Alkoholikern hilft.

24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr stehen er und sein Mitstreiter parat. Klaus Kowalik leitet die Selbsthilfegruppe für Alkohol- und Medikamentenabhängige mit Angehörigen, gemeinsam mit Klaus Decoen. Josef Rauch gründete am 30. September 1975 die Gruppe.

Er erkannte damals die Notwendigkeit, musste allerdings ein halbes Jahr warten, bis der erste Kunde kam. Seitdem hat sich diese Selbsthilfegruppe etabliert. Jetzt treffen sich die Mitglieder der Gruppe regelmäßig im Ev. Gemeindehaus.

Kowalik, der seit 16 Jahren Gruppenleiter ist, schätzt, dass in all der Zeit zwischen 150 bis 200 Alkoholiker die Selbsthilfegruppe passiert haben. Mal kurz, mal länger. Viele sind tot, einige konnten gerettet werden und sind trocken, andere nicht. Der Weg zur Erkenntnis, ein Alkoholiker zu sein und Hilfe nötig zu haben, ist lang und bitter. Und erst wenn man ganz unten ist – dann reift die Erkenntnis. Die Selbsthilfegruppe kann dabei wie ein Rettungsanker sein. Gruppenleiter Kowalik weiß das aus Erfahrung.

Auch er musste erst alles verlieren, auch seine Familie, bis er sich helfen ließ und am Ende auch seine Familie wieder gewann. Zudem weiß er, dass nur fremde Menschen den Alkoholikern am besten helfen können. Denn die eigenen Angehörigen würden daran zerbrechen. Nicht umsonst nenne man die Angehörigen auch Co-Abhängige. Deshalb biete die Selbsthilfegruppe diesen Menschen eben auch Hilfe und Halt. Die haben Co-Abhängige wohl nötiger als die Alkoholkranken. Denn die bekämen alles mit, der Kranke aber betäube sich.

So kann die Selbsthilfegruppe auf dem Weg aus der Alkoholsucht heraus ein wichtiger Baustein sein. „Wir steuern, wir nehmen die Menschen ans Händchen“, sagt Kowalik. Das muss nicht unbedingt immer im übertragenden Sinn gemeint sein. So haben sie schon mal eine Alkoholikerin buchstäblich an die Hand genommen und in eine Klinik verfrachtet, zwei Flaschen Bier für die Kranke dabei und Engelszungen, um den Transport in die Klinik zu ermöglichen. Auch sonst sind er und sein Team im Fall der Fälle als Interventionsteam unterwegs – immer, immer wird geholfen. Und dabei nimmt man schon mal Unannehmlichkeiten in Kauf. „Da wurde auch schon mal geschossen...“.

Kowaliks Geschichten über Alkoholismus sind erschütternd. Sie reichen von Frauen, die sich für Alkohol prostituieren über Alkohol-Verstecke in Wasserschläuchen, Wahnvorstellungen, schlimmen körperlichen Problemen, ein Mann, der seine Frau zum Trinken bringt bis hin zum Alkoholiker-Arzt. Die Treffen der Selbsthilfegruppe verlaufen nicht unbedingt nach den bekannten Mustern. Betroffen müssen in den Runden nichts sagen. Die Themen sind nicht vorgegeben. Es gibt nur drei Regeln, betont Kowalik. Alles, was in der Gruppe besprochen wird bleibt geheim, das Grundthema ist Alkohol/Medikamente und alle sprechen sich mit dem Vornamen an. So kann die Gruppe zur zweiten Familie werden, denn es gibt das gegenseitige Vertrauen.

 Ab wann man alkoholabhängig ist, das lässt sich wohl nicht scharf abgrenzen. Klaus Kowalik sagt: „Das kippt so schleichend, meistens merken es die Partner eher als die direkt Betroffenen. Ich sage immer: Wenn der Alkohol den Tag einteilt, dann ist es so weit. Und kontrolliert trinken – das geht nicht.“ Wer Beratung und Hilfe braucht oder mit jemandem über sein Alkohol-Problem sprechen möchte, kann sich bei Klaus Kowalik, Wieser Weg 73, Telefon, 02392/64795 oder bei Klaus Decoen, Bahnhofstraße 46, Telefon, 02392/62614, melden. Die Selbsthilfegruppe Alkohol- und Medikamentabhängige und Angehörige trifft sich dienstags um 19.30 Uhr im Ev. Gemeindehaus. -Von Peter von der Beck

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