Neuenrader Schellenbaum ist frisch restauriert

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Der frisch restaurierte Schellenbaum wurde jüngst vor der Villa am Wall übergeben.

Neuenrade - Dass die Neuenrader Schützengesellschaft (NSG) ein Traditionsverein ist, das ist den Hönnestädtern bewusst. Doch wie geschichtsträchtig einzelne Elemente des Vereins sind, das wissen nicht viele. Der Schellenbaum führt jeden Festumzug mit an und stammt vermutlich aus dem Jahre 1829, als sich die Schützen in Neuenrade neu gründeten, berichtet Domenic Troilo. Jetzt ist er wieder frisch restauriert in den Händen der Neuenrader Schützengesellschaft.

 Ob er wirklich aus dem Jahre ist oder ein paar Jahre später erworben oder gestiftet wurde, weiß keiner, da hierüber keine Dokumente existieren. Eines ist sicher: Er stammt auf jeden Fall aus dem vorletzten Jahrhundert und die Fahnenabteilung ist stolz darauf, einen so alten Schellenbaum besitzen zu dürfen. Da gibt es nur noch ganz wenige Vereine oder Bruderschaften im Sauerländer Schützenbund.

Doch mit der Zeit kam er in die Jahre: Die Lyra hatte nur noch drei statt vier Stäbe, die Kugeln war perforiert und zerbeult, der Aufnahmestab verrostet, der Holzstab zum Tragen beschädigt, die große Glocke war schwer in Mitleidenschaft gezogen worden, die Halbmonde geknickt, die Schweife sichtlich ausgedünnt und alle anderen Elemente waren nach über eineinhalb Jahrhunderten nicht mehr das, was sie einmal waren. Das größte Problem stellte jedoch der Adler dar: Er war nicht nur deformiert, sondern am Fuß gebrochen und drohte während des letzten Festumzuges abzufallen. Es war ein Trauerspiel und dieses wichtige Relikt war nur noch ein Schatten seiner selbst.

Den Schützen war auf der letzten Jahreshauptversammlung klar, dass hier keine Politur mehr hilft, hier müssen größere Maßnahmen getroffen werden. Also ging es an die Arbeit: Die Fahnenabteilung, verantwortlich für die Aufbewahrung, sowie Pflege und Präsentation der Utensilien, hat einen spezialisierten Restaurator in Leipzig ausfindig gemacht. Als das Angebot auf dem Tisch und lag und klar war, was alles getan werden muss, ging es ans Geld sammeln. Domenic Troilo, verantwortlicher Offizier für die NSG-Sponsoren, zeigte sich erfreut, dass die Sparkasse Neuenrade als Hauptfinanzierer fungieren wollte. Die restliche Summe sammelten die beiden Sprecher der Fahnenabteilung, Peter Raphael und Achim Schulz, in ihrer Truppe ein. Jörg Kittelmann vom gleichnamigen Malerbetrieb war selbst mal Schellenbaumträger und stiftete die neue Lackierung des Aufnahmestabes. Damit stand die Finanzierung und Troilo brachte den Schellenbaum in die sächsische Kulturhochburg Leipzig.

Der Neuenrader Schellenbaum.

Der dort ansässige Restaurator Joachim Lippert kam, so Troilo, aus dem Staunen nicht mehr heraus, als er den Neuenrader Schellenbaum das erste Mal sah. Der älteste, den er je restaurieren durfte, war knapp 100 Jahre alt. Doch schon beim ersten Blick auf den der NSG konnte er sehen, welchen geschichtlichen Wert die neue Restaurierungsaufgabe hatte. Seinen Vorschlag, einen speziellen Koffer anfertigen zu lassen, um zukünftige Transportschäden zu vermeiden, ist die NSG nachgekommen. So gibt es zukünftig auch bei der Reise zu auswärtigen Festen keine Probleme und umfallen kann er im Koffer auch nicht mehr. Über einen Monat dauerte das Restaurieren und dank der Spendenbereitschaft konnten fast alle historischen Bestandteile des Schellenbaumes gerettet und aufgearbeitet werden. „Lediglich ein kleines Einzelteil war derartig lädiert, dass es ersetzt werden musste“, schreibt Troilo. Klaus-Dieter Braun, ehemaliger Sprecher der Fahnenabteilung und eine Art „Archivarus“ der NSG, hat pünktlich zur Fertigstellung die Geschichte des Schellenbaumes zusammengefasst. Da sind auch die einen oder anderen amüsanten Storys im Detail zu finden. Die Schrift ist online auf der Homepage der Neuenrade Schützen  zu lesen und steht zum Download bereit. Die symbolische Übergabe des runderneuerten Schellenbaumes übernahmen Tomislav Majic und Udo Brockhagen von der Vereinigten Sparkasse Neuenrade, die den Hauptsponsoren-Spendenscheck in Höhe von 1000 Euro an Falk Pump überreichten. Er ist seit einigen Jahren schon Schellenbaumträger der Schützengesellschaft und strahlte mit seinem glitzernden Arbeitsgerät um die Wette. Genau an der Stelle, wo er übergeben wurde, werden der Schellenbaum und Falk Pump ihr Comeback feiern: Beim Abholen des Königspaares Jens Gaude und Sylvana Weßoly am Festsonntag an der Villa am Wall.

Hintergrund zu Schellenbäumen: Wie Klaus-Dieter Braun in seiner Abhandlung darstellt, stammen die verzierten Schellenbäume ursprünglich aus der osmanischen Janitscharenmusik und wurden vor rund 250 Jahren übernommen. Seit 1800 gehören Schellenbäume demnach zum Inventar von Militärkapellen. Erst im Heer habe der Schellenbaum seine äußeren Wesensmerkmale erhalten. Die Glöckchen erinnern daran, dass er ursprünglich als Lärminstrument diente, um die Feinde zu demoralisieren. Neben dem Halbmond seien es die eingefärbten Rossschweife, welche die osmanische Abstammung unterstreichen. Sie wurden von damaligen hohen Militärs übernommen. Deshalb sei der Schellenbaum auch als „Mohammeds Fahne“ bezeichnet worden, sei auch wie eine Fahne vorangetragen worden oder wurde vor dem Zelt aufgestellt.

Heutzutage ziert der preußische Adler die Schellenbäume aber auch ein Halbmond ist integriert. „Das alte asiatische Kultinstrument“, so Braun, gehöre zum offiziellen Erscheinungsbild des Wachbataillons der Bundeswehr in Berlin.

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