Neuenrade weltweit: Peltzer-Produkte finden sich fast überall

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André Ullrich arbeitet in der hauseigenen Werkzeugherstellung. Er bedient eine Erodiermaschine, die Formen für die Maschinen erstellt.

Neuenrade - Maria Cornicello arbeitet sehr schnell. Geschwind legt sie die Einzelteile in die Spritzgussmaschine. Dann schließt sich die Abdeckung und das Gerät beginnt zu rattern.

 Nach wenigen Sekunden hat eine Metallschraube ihren Kunststoffüberzug bekommen. Die Maschinenbedienerin hat bereits die nächsten Teile zum Einlegen in der Hand. Maria Cornicello gehört zu den insgesamt 65 Beschäftigten bei Peltzer & Co an der Industriestraße 12.

 1919 gründet die Familie Peltzer das Unternehmen in Neuenrade. Zunächst besteht die Belegschaft aus nur wenigen Familienmitgliedern. In den Anfangsjahren werden ausschließlich kleine Metalldrehteile hergestellt. Mitte der 1960er Jahre erfolgt eine Umstellung auf Kunststoffteile in Form von Kunststoffspritzgussteilen. Dabei werden Metall und Kunststoff kombiniert. Einen großen Teil der Produktpalette machen Griffe und Bedienteile in Form von Rändelschrauben, Bügelgriffen, Hutmuttern, Klemmhebeln, Stellfüßen und Sterngriffen aus. Diese kommen dort zum Einsatz, wo etwas verstellt, festgezogen oder höhenreguliert werden muss. Und so sind die überwiegend schwarzen Neuenrader Produkte an Bürostühlen ebenso zu finden wie an Rasenmähern, Heimwerkermaschinen, Leuchten und Möbeln. Dreh-, Fräs- und Stanzteile gehören ebenfalls zum Sortiment.

Nach der Umstellung auf Kunststoffteile wächst die Firma und schon bald werden auch ausländische Kunden auf die Neuenrader aufmerksam. „Die ersten Verhandlungen hat es Anfang der 1970er Jahre mit den USA und Frankreich gegeben“, sagt Jens Ludwig. 2002 übernimmt er mit seinem Geschäftspartner, Achim Buschhorn, das Unternehmen. „Innerhalb der Familie haben sich keine Nachfolger gefunden“, erklärt Ludwig. Während er für den kaufmännischen Teil zuständig ist, kümmert sich sein Partner um die Technik. Nach den USA und Frankreich seien die skandinavischen Länder schnell als Kunden dazugekommen.

 Inzwischen würden die Griffe und Bedienteile auch in der Schweiz, in Österreich, Italien, der Tschechischen Republik, den Niederlanden, den Vereinigten Arabischen Emiraten und in Spanien vertrieben. Seit dem vergangenen Jahr gehöre auch Singapur zu den Exportpartnern. „Die Kunden waren auf Deutschlandtournee und sind auf uns gestoßen. Sie haben uns in Neuenrade besucht, sich alles angesehen“, erinnert sich Ludwig. Die Metallteile würden ebenfalls im Ausland abgesetzt. So baue ein Kunde in den USA Neuenrader Produkte in Computern ein, in Österreich kämen Drehteile aus Edelstahl bei der Militärtechnik in Nachtsichtgeräten zum Einsatz, Messingdrehteile dienten in China als Bauelemente für Elektrogeräte, rumänische Kunden bekämen Kunststoffdrehteile für die Automobiltechnik geliefert. Und: „Höhenverstellbare Liegen in Krankenhäusern, andere medizinische Geräte und Rollstühle – das ist ein großes Einsatzgebiet unserer Produkte geworden“, sagt Ludwig.

Wie solche Teile aussehen können, ist in der Fertigungshalle zu sehen. Dort produzieren die Mitarbeiter gerade Halter, die auf Intensivstationen zum Einsatz kommen. Auftraggeber ist ein Kunde aus den USA, der Tragarme für das Befestigen von Monitoren herstellt. In der Halle nebenan bedient André Ullrich eine Erodiermaschine. Dort werden die Formen hergestellt, die später als Werkzeuge in die Spritzgussmaschinen eingesetzt werden, um die vom Kunden gewünschten Teile produzieren zu können. André Ullrich ist Werkzeugmacher bei Peltzer. Darüber hinaus sind Industriekaufleute, Kunststoffformgeber, Maschinenbediener und Konstrukteure für das Unternehmen tätig.

Ihren Arbeitsplatz müssen die Mitarbeiter trotz vieler Geschäftsbeziehungen mit anderen Ländern nur äußerst selten verlassen, um bei den Partnern und Kunden im Ausland tätig zu werden. Das Internet mache die Präsenz vor Ort nahezu überflüssig, sagt Ludwig, nicht ohne einen Anflug des Bedauerns: „Es ist seltener geworden, dass man persönlichen Kontakt hat. Das ist schade.“ Aber es gehe darum, Zeit zu sparen, alles müsse schnell gehen. Schnell geht es auch bei Bärbel Helleberg zu. Sie sitzt vor einer sogenannten Kniehebelpresse. Auf ihr positioniert Helleberg eine Kunststoff- und eine Metallkomponente. Dann bedient sie mit dem Fuß einen Hebel und schon sind beiden Teile zu einem geworden. „Die Maschine kommt bei Aufträgen mit kleineren Stückzahlen zum Einsatz. Für größere Aufträge haben wir Rundtaktmaschinen“, erklärt Ludwig und zeigt auf eine Maschine, die an ein Karussell erinnert. Sowohl durch die Rundtaktmaschinen als auch durch die Kniehebelpresse würden Metall- und Kunststoff zusammengefügt. „Diese Verbindung ist wieder lösbar“, sagt Ludwig. Im Gegensatz zum Spritzgussverfahren, das die einzelnen Komponenten dauerhaft miteinander verbinde.

Bei manchen Aufträgen spiele eine Verbindung von Metall und Kunststoff jedoch keine Rolle. „Es gibt auch reine Kunststoffprodukte“, sagt Ludwig. An einem solchen arbeitet Giovanna Ketterl. Sie bearbeitet Ständerunterlagen aus Kunststoff. Genutzt werden diese in Motorradhäusern und bei Fahrzeugausstellungen. „Sie werden zum Beispiel bei Motorrädern unter die Ständer gelegt, um den Untergrund vor Kratzern zu schützen“, erklärt Ludwig. Um die Unterlegscheiben rutschfest zu machen, erhalten sie in einem weiteren Arbeitsschritt einen gummiartigen Überzug an der Unterseite. Ein paar Meter weiter ist ein Mitarbeiter an einer Spritzgussmaschine damit beschäftigt, Lüfterräder für Rasenmäher herzustellen. „Die werden später am Rasenmäher über dem Schneiderad montiert. Die sind für einen Kunden in Amerika“, sagt Ludwig. Vor der Verarbeitung liegt der Kunststoff in Granulatform vor.

Das Granulat kommt als Kügelchen in die insgesamt 45 Spritzgussmaschinen und wird dann erst erhitzt und verflüssigt. Darüber hinaus zählen vier Fräszentren, eine Hochgeschwindigkeitsfräsmaschine, vier Erodiermaschinen, zwei Schleifmaschinen und diverse kleinere Maschinen und Geräte zum Firmeninventar. Über mangelnde Arbeit kann sich Ludwig nicht beschweren. Immer wieder kämen neue Kunden aus In- und Ausland dazu: „Unsere Produkte sind überall vertreten, im Fitnessgerät in Amerika ebenso wie in Labor-Equipment in Dubai.“

DIE SERIE: Handkurbeln, Stahleinleger, Schweißmuttern, Rändelschrauben, Schalthebel – die Palette der in Neuenrade hergestellten Produkte ist breit gefächert. Die Erzeugnisse finden nicht nur in Deutschland Abnehmer. Auch im Ausland wissen die Kunden die Neuenrader Qualität zu schätzen. Der SV hat ortsansässige Firmen besucht, um herauszufinden, wo auf der Welt ein kleines Stück Neuenrade zu finden ist.

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