In den letzten Tagen weitgehend verschont

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So ein Flugblatt wurde in den letzten Kriegstagen über dem Sauerland abgeworfen.

Neuenrade - „Ich bin in die Waschküche gegangen“, erinnert sich Ludwig Sprenger an den Abend des 12. April 1945. „Von dort aus konnte ich ungefährdet die leergefegte Straße übersehen.“ Der damals 16-Jährige wohnte seinerzeit am Mühlendorf – dort, wo heute die Sparkasse ist. Am Sonntag jährte sich das, was er dann sah, zum 70. Male.

„Da kamen aus Richtung Küntrop ein paar Schwarze mit Maschinenpistolen“, berichtet Sprenger. „Dahinter fuhren drei amerikanische Panzer.“ Der 2. Weltkrieg war damit für Neuenrade beendet. Es war zwischen 19 und 20 Uhr an diesem Abend. „Mein Vater war gerade auf der anderen Straßenseite bei den Nachbarn.“ Erst einige Stunden später sei das Familienoberhaupt zurückgekehrt.

„Er war damals 56 Jahre alt und ganz stark kurzsichtig und somit nicht im Krieg.“ Über diesen geredet wurde nicht viel und wenn, allenfalls im Kreise der Familie: „Wir wussten ganz genau, wo die Front verlief. Und auch, dass der Krieg längst verloren war. Aber der Mainstream war eindeutig. Man wusste nicht, wem man vertrauen konnte“, verrät Sprenger. Innerhalb seiner Familie, „war man froh, dass es endlich vorüber war. Doch es wurde nicht allzu viel politisiert.“

Sprengers Gattin Gundula war 1945 „ein kleines Kind von fünf, sechs Jahren“. Sie wohnte damals mit ihrer Familie in Richtung Dahle. Den Einmarsch der Amerikaner bekam sie nicht mit. „In der Nacht auf den 13. April jedoch wurde unser Haus unter Granatenbeschuss beschädigt“, weiß sie noch. „Meine Mutter hatte meinen Bruder, der damals gerade ein Baby war, erst fünf oder zehn Minuten zuvor in den Keller geholt.“

Ludwig Sprenger erinnert sich, dass den gesamten 12. April über Scharen deutscher Soldaten mit Pferdegespannen auf dem Rückmarsch durch Neuenrade zogen. „Plötzlich flohen die Leute in Panik in die Seitenstraßen, die Stadt war mit einem Mal menschenleer.“ Der Jugendliche merkte, dass etwas passierte und versteckte sich also in der elterlichen Waschküche.

Stadtarchivar Dr. Rolf-Dieter Kohl kam erst 1976 in den Märkischen Kreis. Er stammt gebürtig aus Soest. Der 75-Jährige verfügt aber über ein Flugblatt, welches die Alliierten wohl in den letzten Kriegstagen über dem Sauerland abgeworfen haben sollen. Zwar war die Bevölkerung aufgefordert, derartige Flyer nicht zu behalten, sondern bei den Behörden abzuliefern. Einige Exemplare überlebten aber dennoch und gelangten so ins städtische Archiv.

„Ich fühle mich so frisch. Es kommt der Frühling“, steht auf der Vorderseite, ein vermeintliches Zitat Adolf Hitlers vom 24. Februar 1941. Daneben ein Bild des Diktators, welches ihn auf einem Meer von Toten stehend zeigt. Auf der Rückseite findet sich ein Brief „an die Soldaten der deutschen Wehrmacht“. Zitiert wird dort scheinbar eine Rede Stalins vom 23. Februar 1942. Hitler versperre den Deutschen den Weg zum Frieden, heißt es.

Noch bevor der Krieg letztlich beendet war, strandete ein britischer oder amerikanischer Pilot in der Gegend. „Das war an der Borke zwischen Küntrop und Affeln“, weiß Sprenger aus seinerzeitigen Erzählungen noch. Es ging die Theorie um, seinem Flugzeug sei der Sprit ausgegangen. Dr. Kohl kennt die Geschichte auch. Ein unterdessen verstorbener, einst stadtbekannter Mann habe sie ihm erzählt, verrät er, ohne Namen zu nennen.

Der Stadtarchivar erläutert: „Der Pilot ist wohl gefangen genommen worden. An der Ersten Straße stellte man ihn an eine Art Pranger.“ Der studierte Geschichtswissenschaftler und ausgebildete Archivar weiter: „Er wurde - bewacht von zwei deutschen Polizisten in Uniform – dem Volkszorn ausgesetzt, blieb aber körperlich unversehrt.“ Sprenger ergänzt: „Der Mann soll wohl angespuckt worden sein. Das war natürlich falsch.“

In Neuenrade gab es russische, französische und britische sogenannte Fremdarbeiter, also Kriegsgefangene. Als Besatzer traten später Amerikaner und auch Belgier auf. Der vormalige Bürgermeister der Stadt wurde interniert.

Sprenger blättert in den Memoiren eines Familienmitglieds. Darin heißt es, am 13. und 14. April habe es ganztägige Ausgangssperren gegeben. „Das weiß ich selbst nicht mehr“, fügt er hinzu. „Aber abends ab 21 Uhr gab es sicher ein ganzes Jahr lang Ausgangssperre.“

Doch der 16-Jährige war selbst glimpflich davon gekommen, auch wenn ihm das vermutlich erst später bewusst wurde. „Ich hatte in den letzten Kriegstagen – im März 1945 – einen Stellungsbefehl bekommen, musste mich in Lüdenscheid oder Iserlohn melden. Aber ich bin einfach nicht hingegangen.“

An die Front wollte der damalige Jugendliche nicht. „Sich nicht zu melden, war eine gefährliche Sache. Aber es ging zu der Zeit alles drunter und drüber. Wenn da noch was funktioniert hätte, hätten sie mich mit der Polizei geholt. Und dann hätte ich in den Bau gemusst“, ist er sich heute im Klaren.

Tatsächlich ging Ludwig Sprenger damals noch zur Schule – im wahrsten Sinne des Wortes. „Ab Juni 1944 fuhr kein Bus mehr. Und so musste ich Tag für Tag zu Fuß in die Mittelschule nach Werdohl.“ Doch nun stand Neuenrade unter ausländischer Verwaltung. Gundula Sprenger erinnert sich: „Die Amerikaner waren sehr freundlich zu uns. Sie schenkten mir Apfelsinen. Sowas hatte ich vorher noch nie gesehen.“

Was Krieg bedeutet habe, sei ihr als kleines Mädchen noch nicht bewusst gewesen. „Darunter konnte ich mir nichts vorstellen.“ Und auch gemerkt habe sie davon nicht viel. „Wir hatten doch alles. Wir hatten einen großen Garten und viele Tiere. Uns fehlte es an nichts.“ Weiter bilanziert sie: „Als Kind ist man unbefangen damit umgegangen.“ Und doch sagt sie heute: „Die Zeit war einprägsam und schrecklich.“ - Von Michael Koll

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