Musik: "Königsweg auch zu dementen Menschen“

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Marion Jeßegushier wird sie von Musikschulleiter Martin Theile unterstützt - hält stets Blickkontakt zu den Teilnehmern. -

Neuenrade - „Wenn der Frühling kommt, dann schick ich dir Tulpen aus Amsterdam“. Kraftvoll singt Marion Jeßegus diese Zeilen, dennoch legt sie viel Gefühl in die Worte. Dazu spielt die Werdohlerin die Melodie des Schlagers am Klavier. Ein Blick in die Runde der Senioren verrät: Den Klassiker aus dem Jahr 1956 kennt jeder im Raum.

Eine Bewohnerin des Evangelischen Altenzentrums (EAZ) lacht, schlägt den Takt begeistert auf der Triangel mit. Ihr gegenüber sitzt eine Seniorin, die bisher teilnahmslos wirkte. Jetzt verzieht sie die Mundwinkel, für einen kurzen Moment huscht ein Lächeln über ihr Gesicht. Damit ist eines der Ziele des Projektes „Musik tut gut“ bereits erreicht: „Wir möchten die Senioren aus der Eintönigkeit herausholen, die sie manchmal verspüren,“ sagt Stephanie Brettschneider vom Sozialen Dienst der Einrichtung. Sie betont: „Musik ist der Königsweg - auch zu dementen Menschen. Musik setzt Emotionen frei und löst Reaktionen aus.“

Das ist einer der Gründe, die den Förderverein des Altenzentrums dazu veranlasst haben, das Projekt zu finanzieren. „Es war uns ganz wichtig, dass nicht nur gesungen wird, sondern dass die Senioren auch musizieren können“, betont Lieselotte Ernst, die Vorsitzende des Fördervereins. Diese Vorgabe setzt Musikschulpädagogin Marion Jeßegus gerne um. Seit Februar besucht sie einmal wöchentlich die Einrichtung am Graf-Engelbert-Weg. Jeßegus singt und musiziert gemeinsam mit jeweils zehn bis zwölf Senioren - dementen und orientierten - und beschreitet damit auch für die Musikschule ganz neue Wege.

„Es handelt sich um ein Pilotprojekt“, erklärt Musikschulleiter Martin Theile, und berichtet weiter: „Einige unserer Musikschullehrer haben Fortbildungen in verschiedenen Bereichen absolviert, um ein solches Projekt leiten zu können.“ Nicht jeder sei einer solchen Aufgabe gewachsen, stellt der Musikschulleiter fest - und spricht Jeßegus ein großes Lob aus: „Das kann nur eine Lehrkraft, die sehr sensibel ist und mit Menschen in diesem Lebensabschnitt umzugehen weiß.“

Dennoch sei es für sie eine große Herausforderung, sagt Marion Jeßegus: „Ich glaube, dass man sehr spontan sein muss, um aus der Situation heraus zu reagieren.“ Sie beobachte die Reaktionen jedes Einzelnen deshalb sehr genau, suche stets Blickkontakt. „Ganz wichtig ist mir auch die persönliche Begrüßung und der persönliche Abschied von jedem Teilnehmer“, erklärt die Musikschullehrerin. Außerdem lege sie Wert auf einen roten Faden in jeder Stunde. „Deshalb haben wir immer ein Thema. Mal ist es Karneval, mal der Frühling“, erklärt die Werdohlerin. Um den Senioren das jeweilige Thema näher zu bringen, hat Jeßegus nicht nur passende Gedichte, sondern auch Utensilien zum Anfassen im Gepäck: „Als wir ,Im Märzen der Bauer’ gesungen haben, hatte ich zum Beispiel Dinkelkorn dabei,“ berichtet sie.

Wenn Marion Jeßegus singt, können die Senioren mit Instrumenten aus dem Elementarbereich dazu musizieren. „Dabei geht es darum, die Feinmotorik zu aktivieren, außerdem fördert es die Konzentration“, beschreibt Martin Theile. Auch die soziale Komponente des Projektes komme den Senioren zugute, ist Theile überzeugt: „Gerade in diesem Lebensabschnitt ist es gut, wenn sich Gemeinschaftsgefühl entwickeln kann.“

Gerne wolle die Musikschule ihr Angebot für Senioren ausweiten. „Wir überlegen, ob es möglich ist, mit Kindergartenkindern in Seniorenheime zu gehen und dann gemeinsam zu musizieren,“ berichtet der Musikschulleiter. Bei der Entwicklung beider Projekte arbeite die Musikschule Lennetal mit dem Institut für elementare Musikpädagogik zusammen. Für Martin Theile sind die Seniorenprojekte ein Schritt auf dem Weg zu einer Vision: „Ich wünsche mir, dass die Musikschule Lennetal das Zentrum für musikalische Bildung für Menschen in jedem Lebensabschnitt in unseren Städten wird.“ Auch deshalb hofft er, dass das finanzielle Engagement des EAZ-Fördervereins Nachahmer in anderen Städten findet.

Bei den Senioren komme das Angebot der Musikschule Lennetal sehr gut an, erzählt Stephanie Brettschneider. Und auch Marion Jeßegus ist schon für ihre Bemühungen belohnt worden: „Einige Senioren haben sich persönlich bei mir für die schöne Zeit bedankt.“

Von Carla Witt

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