Runder Tisch beschließt Maßnahmen-Paket

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Die Verwaltungsspitze, TuS-Chef Heinz Griesenbruch, CDU-Fraktionschef Mark Hantelmann, Marcus Dunker.

Neuenrade - Am Ende war es eine erfolgreiche Runde: Gut eineinviertel Stunden hatte es gedauert, da hatte man sich im Phillip-Neri-Haus auf eine Art Maßnahmepaket geeinigt. Der erste Runde Tisch zum Thema Flüchtlinge in Neuenrade war sicher erfolgreich.

Fast alle, die Bürgermeister Wiesemann eingeladen hatte, waren gekommen: Angefangen bei den Fraktionen und Parteienvertretern, Vertreterinnen der Frauenorganisation Karma bis hin zu Kirchenvertreter und Abgesandte des Türkisch islamischen Vereins. Klare Sache, dass auch die Verwaltungsspitze dabei war und Heinz Griesenbruch vom TuS Neuenrade. Die Moderation hatte Bürgermeister Wiesemann.

Der wies eingangs noch einmal drauf hin, dass es darum gehe für die Flüchtlinge eine Willkommenskultur zu entwickeln, Vorschläge und Hilfsangebote zu bündeln. Kurt Maurer, der sich bei der Verwaltung um den Bereich Soziales kümmert, präsentierte dabei noch einmal die Fakten: 65 Menschen, teils Asylbewerber, teils Ausreisepflichtige, teils Geduldete sind in der Stadt untergebracht. Familien sind darunter, Kleinkinder, Kinder, Jugendliche, Männer zwischen 20 und 40. Der Großteil kommt aus Syrien und Serbien, der Rest aus allen Ecken der Welt: von Bangladesh bis Ägypten. Wie viele Menschen noch zu erwarten sind, weiß niemand. Kommt Kurt Maurer morgens in sein Büro, so kann es sein, dass er eine E-Mail mit der Zahl der Flüchtlinge vorfindet, die noch am selben Tag kommen werden. Die Vorplanungszeit ist also dramatisch kurz.

Auch Hausmeister Reiner Groß, der Ansprechpartner für die Flüchtlinge ist und sich an der Eichendorffstraße und der Bachstraße kümmert, gab einen Einblick. Er erzählte von desillusionierten jungen Männern, die in Deutschland ihr Glück machen und arbeiten wollten und meist nicht dürfen; er erzählte vom Glück jener, die Ein-Euro-Jobs machen dürfen.

Auch Sandra Horny als Integrationsbeauftragte der Stadt, Leiterin der Bücherei und des Zelius (Zentrum für Integration und Sprache), stand natürlich im Fokus. Sie berichtete von den Erfahrungen mit den Flüchtlingen im Zelius, vom Deutschkursus und von der Idee der mehrsprachig aufgesetzten Neuenrade-Karte mit allen für Flüchtlinge relevanten Anlaufstellen von DRK-Kleiderkammer über Zelius bis hin zu Rathaus, Moschee, und Kindergärten. Was den möglichen Deutsch-Kursus anbelangt, so scheint es möglich, den bestehenden zu erweitern. Interessenten gibts genug, da ist man sich sicher. Was eventuelle Lehrbücher anbelangt, das sitzt man in der Bücherei natürlich an der Quelle. Doch es gibt hier noch Bedarf an Ehrenamtlern. Erfahrungsberichte gab es auch aus den Schulen: Sowohl die Gemeinschaftsschulleiterin Astrid Wagner-Tillmann, Quasi-Hauptschulleiter Heinz-Jürgen Stracke, und Grundschulleiter Awerd Riemenschneider berichteten fast hilfesuchend von ihren Erfahrungen mit Schulkindern, die plötzlich in der Klasse sitzen, ohne ein Wort Deutsch zu können.

Und bei den Lehrern fiel der Vorschlag der Ehrenamtsbörse, der aus dem Publikum kam und Claudia Kaluzas alten Vorschlag aufgriff, auf sehr fruchtbaren Boden. Mit Hilfe dieser Börse könne sicher viel bewegt werden. Da könne man hilfreiche Menschen anwerben. Wenn sich jemand fände, der sich mit Flüchtlingskindern beispielsweise in der Grundschule zwei bis drei Stunden pro Woche kümmern würde, so wäre das sehr hilfreich, hieß es. Auch seitens der Gemeinschaftsschule würde das gerne gesehen, in Absprache mit der Bezirksregierung würde man gern auf Ehrenamtliche zurückgreifen. Sozialarbeiter Thorben Schürmann machte dabei noch auf eine weitere Problematik aufmerksam - so seien die Kinder vielfach auch traumatisiert. Und da habe er gar fachliche Hilfe organisieren können

Faruk Göktas schließlich, vom Türkisch-Islamischen Verein hatte einen Vorschlag, der viel Aufmerksamkeit hervorrief. Er regte Patenschaften an. Ihm habe seinerzeit ein halbes Jahr, bei der sich eine deutschen Familie seiner annahm sehr, sehr viel geholfen. „Das war eine erfolgreiche Tat, man war gezwungen, die Sprache zu lernen“. Wiesemann erweiterte den Vorschlag, das müsse sich ja nicht auf Einzelpersonen beschränken, sondern könne auch Familien betreffen. Auch müsse ja immer auch die Chemie stimmen.

Auch seitens des TuS Neuenrade zeigte man sich aufgeschlossen über den Sport mit den Flüchtlingen zu kommunizieren, hier müssten aber noch versicherungsrechtliche Fragen geklärt werden.

Auch die Reaktivierung des Café International wurde noch angedacht. Für mehr Mobilität bei den Flüchtlingen durch Spenden-Fahrräder möchte man sorgen.

Doch auch die Flüchtlinge selbst sollen gefordert werden. So hieß es vom Frauenverein Karma, dass die Flüchtlinge auch begreifen müssten, dass sie sich auch engagieren sollten. Und es gibt die Menschen, die unbedingten Willen zeigen, hier etwas zu werden. So berichtete Faruk Göktas von einem Flüchtling und Ingenieurstudenten, dem man helfen wollte, seine fehlenden beiden Semester abzuschließen. Oder es wurde von jenem jungen Ehepaar aus dem Kosovo berichtet, das hier sein Glück machen will. Schon jetzt spreche der Mann perfekt Deutsch. Und Reiner Groß sagte: „Das wäre doch schade, wenn die zurück müssten“, hieß es frustriert angesichts der offensichtlich kontraproduktiven Flüchtlingspolitik.

Am Ende der Veranstaltung wurde nun ein Maßnahmenpaket beschlossen. Zentrale Anlaufstelle ist dabei die Bücherei (Tel. 02 39 2 / 61 48 7; E-Mail: stadtbuecherei@neuenrade.de). Ehrenamtliche mögen sich dort melden. Sandra Horny wird sich kümmern.

Einstweilen listete gestern Wiesemann noch einmal das Maßnahmenpaket auf: mehr Ehrenamtliche einsetzen, Patenschaften für Einzelpersonen und Familien, Wiederauflebenlassen des Café International, Beschäftigung für die Flüchtlinge Arbeit/Sport, mehrsprachiger Stadt- und Infoplan, Verstärkung der Rolle der Integrationslotsen. Bürgermeister Wiesemann will nach der Sommerpause im Rahmen des Runden Tisches dann Bilanz ziehen. - von Peter von der Beck

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