Ein Leben für den Circus

Am Treppenaufgang in Dickels Haus werden Besucher von einem Circus-Direktor begrüßt. - Foto: Koll

NEUENRADE - Ein Paket bekam eines Tages der seinerzeit 15-jährigen Philipp Dickel: Darin enthalten etliche Circus-Souvenirs und ein handgeschriebener Brief. Der gebürtige Neuenrader mochte das Treiben in der Manege vorher schon. Doch durch diese Post entflammte in ihm eine bis dahin nur schwelende Leidenschaft.

Paket und Brief kamen von Bernhard Paul, dem Direktor des Circus Roncalli. Dickel erinnert sich: „Meine Mutter hatte ihm geschrieben, weil sie ein Buch suchte. Nun schickte er mir ein paar recht nette Zeilen, wo er von seiner eigenen Kindheit berichtete.“

Seit einem Vierteljahrhundert lebt Dickel für den Circus. 20 bis 40 Aufführungen besucht er im Jahr „im Umkreis von 200 Kilometern. Weiter entfernte Gastspiele verbinde ich mit einem Urlaub.“ In den Niederlanden, Frankreich, Skandinavien, Österreich und der Schweiz sei er so schon gewesen. Demnächst wolle er sich in Tschechien umschauen: „Die haben gerade eine aufstrebende Szene.“

Die weiteste Tour machte Dickel 2007 nach Helsinki zum Circus Finlandia: „Da ist das noch ein richtiges Ereignis und die Bude rappelvoll. Deren Material ist flammneu und die Manege blitzsauber“, schwärmt der Manegen-Freund.

Eine Reise zum Circus-Festival in Monte Carlo sei ihm immer zu teuer gewesen. Irgendwann würde ihn aber der Besuch einer Vorstellung in den USA reizen: „Doch die spielen nur in Hallen. Für mich muss Circus aber im Zelt sein. Ich bin mal in der Westfalenhalle bei einem Circus gewesen. Das hat mir nicht so zugesagt.“

Dickel überlegt: „In Deutschland gibt es noch 300 bis 400 Unternehmen. 100 davon habe ich mit Sicherheit gesehen.“ So sei er auch bei den Circus-Leuten bekannt. Das führe dazu, dass er während der Vorstellung in die Manege gebeten werde. „Einmal habe ich mich in Werdohl von einem Elefanten rasieren lassen. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass sie mich herauspicken“, blickt er zurück. „Sonst wäre ich stiften gegangen. Glücklicherweise kannte ich die Nummer und wusste, was auf mich zukommt.“

Ihn fasziniere „der Dreiklang aus Artistik, Tierprogramm und Clownerie“, den seiner Meinung nach der Circus Krone am besten repräsentiere. „Den Cirque du Soleil habe ich mir auch mal angesehen. Das ist schon toll gemacht“, sagt er über deren Show, die ausschließlich auf Artistik setzt. „Doch mir fehlt da die Abwechslung.“

Kein Hobby nur für Kinder

Der von Dickel bevorzugte Programm-Dreiklang sorge dafür, dass „für jeden etwas dabei ist“. Sein Hobby, da ist er sich sicher, sei keineswegs nur etwas für Kinder, betont der 37-Jährige. „Als ich sechs Jahre alt war, gastierte direkt neben unserem Haus ein Circus.“ Seine Mutter wusch damals die Wäsche der Circus-Leute. „Ich bekam schnell Kontakt zu den Kindern dort und half mit, Klappstühle ins Zelt zu schleppen und Manegenbegrenzungen zu positionieren. Dafür bekam ich eine Freikarte.“

Dabei sei das fahrende Volk eigentlich recht scheu. „Die haben selten Kontakt zu Bürgerlichen, wie sie unsereins bezeichnen.“ Er aber habe schon abends stundenlang mit Circus-Leuten zusammen gesessen: „Da spricht man über Klatsch und Tratsch aus der Szene: Wer ist schwanger? Wer wechselt den Circus? Wer ist mit wem zusammen?“

Heute verbringe er die Zeit während einer Vorstellung „auch ganz bewusst hinter dem Zelt, schaue zu, wie die Artisten sich umziehen und die Tiere in die Manege geführt werden“. Auch den Abbau eines Zeltes habe er mal verfolgt: „Die fingen damit schon an, als die Vorstellung noch lief. Das war eine straffe Organisation, wo jeder Handgriff saß.“

Dickel beschäftigt sich täglich mindestens eine Stunde mit seinem Hobby. In seiner Wohnung im elterlichen Haus finden sich Elefanten- und Kamel-Modelle sowie unzählige Circus-Plakate. Die 1300 CDs umfassende Sammlung enthält Indie-Musik. The Cure sei seine Lieblingsband. Ein Drittel der Alben aber beinhalten Circus-Musik.

„Ich bin mit einem Schweizer befreundet“, erklärt Dickel. „Der macht mit 20 Mikrofonen Live-Aufnahmen von Circus-Orchestern. Da kommt die Atmosphäre richtig authentisch rüber. Die spielen eine enorme Bandbreite: von aktuellen Hits bis hin zu Klassik. Ich habe etwa alle Programme vom Circus Knie von 1973 bis 1996 – jeweils auf einer Doppel-CD.“

Seit 1992 ist Dickel Mitglied in der Gesellschaft der Circusfreunde Deutschlands (GCD). Diese bringt monatlich ein Magazin heraus. „Darin werden auch so heikle Themen wie die Tierhaltung im Circus aufgegriffen.“

Im Magazin der GCD habe Dickel selbstgemachte Fotos veröffentlicht. Besonders stolz ist der Industriekaufmann, dass seine Bilder es bereits drei Mal auf die Titelseite des weltweit erscheinenden „Circus Photo Magazine“ schafften.

Circus-Modell für 1500 Euro gebaut

Rund 100 Euro investiere er monatlich. „Manche Raritäten, ganz alte Circus-Plakate, kosten in Internet-Auktionen auch mal ein paar Hundert Euro. Meine Schmerzgrenze liegt da aber bei 25 Euro.“ Dann gesteht Dickel: „Ich betreibe mein Hobby schon ziemlich intensiv.“

Herzstück seiner Sammlung ist ein Modell des Circus Sarrasani. „Das gibt es nirgendwo zu kaufen. Im Laufe der Jahre habe ich da bestimmt 1500 Euro reingesteckt“, erläutert der Single. „Wenn es hier im Haus einmal brennen würde, rettete ich das Modell zuerst.“

Auf seiner Internet-Seite zeigt Dickel auch Fotos vom Neuenrader Gertrüdchen: „Ich bin insgesamt ein Fan vom fahrenden Volk. Und beim Gertrüdchen steht immer ein China-Imbiss. Der gehört einer Familie, die auch viel im Circus-Bereich aktiv ist“, verrät der 37-Jährige. Sich selbst einen Job im Circus zu suchen, „war mir immer zu unsicher“, gibt es dann doch eine Grenze seiner Leidenschaft.

Von Michael Koll

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