Kabarett mit Martin Zingsheim in der Kulturvilla

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Martin Zingsheim in Aktion.

Neuenrade - Eines stellte Martin Zingsheim in der Villa am Wall zeitig und ein ganz kleines bisschen augenzwinkernd fest: John Irving habe sich natürlich auf ihn bezogen, als er seinen Roman „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ nannte.

 In der Villa wäre dann das Original zu bewundern gewesen: „Gottes Werk und Martins Beitrag“. Unter diesem Titel zusammengefasst waren nicht weniger als Zingsheims gesammelte Beiträge zur Lage der Welt, ihres göttlichen Sachwalters und vor allem zu Advent und Weihnachten.

 Der „putzige Hobby-Atheist am Klavier“, so die Selbsteinschätzung des Kabarettisten auf seiner Homepage, brachte tatsächlich Fähigkeiten mit, die den Erfolg begünstigen: Ein Mann am Klavier, der dazu noch singen kann – das kommt fast immer gut an. Religion und Kirche – zumal in der Weihnachtszeit – sind zudem ein dankbares Betätigungsfeld.

Es gab Anlaufschwierigkeiten: Das Grauen, das mit Dornenkranz, Nägeln und ausgeblasenen Eiern verbunden ist, gehörte doch eher zu einem anderen hohen Fest der Christenheit. Und ob der Song „I’m dreaming of a white Christmas” die Apartheit wirklich auf den Punkt bringt, war glücklicherweise recht zweifelhaft.

Ausgerechnet das Weihnachtsfest gibt Friedrich Nietzsche, einem der klügsten Kritiker des Christentums, und seiner Lehre von der ewigen Wiederkehr des Gleichen Recht: „Alle Jahre wieder kommt das Christuskind, und alle Jahre fragen wir uns wieder, ob das stimmt.“ Allen, die das Fest dennoch schätzen, gab der Hobby-Atheist einen Rat mit auf den Weg: „Materielle statt ideelle Geschenke!“ Gut – offene Ohren klingen in der Tat nach Blut, Schmalz und Operationen. Aber dem Menschen an seiner Seite „Zeit“ zu schenken, kann nicht wirklich von Übel sein.

Wer ins Kabarett geht, darf nicht empfindlich sein. Aber es tat schon weh, nach einem Schlenker über „beschissene Autoren“ den wunderbaren Joseph von Eichendorff durch den Kakao gezogen zu sehen: „Markt und Straßen steh’n verlassen, Still erleuchtet jedes Haus“ – das konnte das Publikum problemlos mitsprechen. Dass es im Gedicht aber um den Bevölkerungsschwund und das trotz Umzugs in den Westen nicht ausgemachte Licht ging, leuchtete nicht jedem ein. Aber es kam schlimmer: Eichendorffs Vers „An den Fenstern haben Frauen, Buntes Spielzeug fromm geschmückt“, verortete der Frevler im Rotlichtviertel von Amsterdam – auch so kann man das Fest der Liebe deuten.

Und doch gilt: Jesus – „der erste richtig gute Kabarettist“ – hatte es nicht leicht. „Gottes Sohn zu sein – das ist richtig viel Druck“. Zum Finale gab es eine wilde Sammlung biblischer Phrasen und eine Auffrischung der Weihnachtsgeschichte des Lukas. In diesem furiosen Stimmengewirr von Marcel Reich-Ranicki, Klaus Lage, Bushido, Gerd Rugenbauer und Bob Dylan zeigte Zingsheim sein parodistisches Talent und erntete nicht nur dafür langen Beifall.

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