Urgroßeltern stammen aus Neuenrade

Kabarettistin Uta Rotermund im Interview

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Uta Rotermund

Neuenrade - Die Kabarettistin Uta Rotermund eröffnet mit ihrem Programm „50 Plus! Seniorenteller?“ am Sonntag, 9. Oktober, um 17 Uhr die Neuenrader Kultursaison 2016/2017, die unter dem Motto „Jung und Alt – gemeinsam sind wir stark“ steht.

Im Gespräch äußerte sich Rotermund zu dem Ursprung ihres Programms, ihrer Show-Philosophie, Frauen auf der Kabarett-Bühne – und zu ihren Neuenrader Wurzeln.

Der Titel ihres Programms lautet „50 Plus! Seniorenteller?“ War das Seniorenalter für Sie ein naheliegendes Thema?

Uta Rotermund: Wenn Sie sich umschauen, natürlich. Die Bevölkerung altert. Und nach meiner Erfahrung ist es so, dass man die Altersgruppe, in der man sich selbst befindet, auch stärker wahrnimmt als andere. Eine Mutter zum Beispiel sieht überall nur Mütter, denn sie hat ja auch Kontakt zu anderen Müttern. Man sieht immer zuerst das, was für einen auch relevant ist. Dem Programm ging folgende Situation voraus: Ich war mit meiner alten Tante, einer weißhaarigen Dame, die bald 90 Jahre alt wird, in einem richtig edlen Restaurant. Dort bedienten auch nicht irgendwelche Wesen mit Ring durch die Nase, sondern gelernte Kellner. Das Restaurant war so vornehm, dass sie sich noch gastronomisch ausgebildete Kellner leisten konnten. Und dann kam einer dieser Kellner zu uns an den Tisch, klappte vor mir – nicht vor meiner fast 90 Jahre alten Tante – die Karte auf und sagte: „Und für unsere Seniorinnen ab 50 haben wir den Osteoporose-Teller im Angebot.“ Ich habe ihn daraufhin gefragt, ob es für die Herren ab 50 auch einen Prostata-Teller gäbe. Es ist doch so: Wenn man sich Fotografien von früher ansieht, dann sieht man, dass die Frauen damals mit 50 alt waren. Heute ist man mit 50 nicht mehr alt und das liegt zum einen an der gesünderen Ernährung und der besseren medizinischen Versorgung, aber auch an der politischen Situation. Meine Generation war die Erste, die keinen Krieg erlebt hat. Die Generation meiner Grossmutter hat sogar zwei Kriege erlebt und diese Erfahrungen und die Angst graben sich natürlich im Gesicht ein.

Ihr Programm thematisiert hauptsächlich die Perspektive der Frauen. Worauf können sich denn ihre männlichen Besucher freuen?

Rotermund: Die meisten Männer in meinem Publikum sind klassischerweise zwischen 50 und 80 Jahren alt. Sie sind also meistens verheiratet und heterosexuell, das heißt, jeder Mann kennt eine Frau in dem Alter beziehungsweise war oder ist mit einer zusammen. Es braucht also keiner die Befürchtung zu hegen, dass es ein reines Frauenprogramm ist und denken: „Ach, die armen Jungs kommen gar nicht zum Zug.“ Die sind natürlich auch immer mit im Boot. Ich erinnere mich sogar mit Grausen an einen Auftritt vor einem reinen Frauenpublikum mit dem Programm „Können Männer denken?“ Das waren alles Lesben und die interessieren sich natürlich nicht dafür, wie Männer denken. Ich bestehe daher immer auf einem gemischten Publikum.

Sie haben eine schauspielerische Ausbildung. Inwiefern beeinflusst das ihre Auftritte? Sie wechseln ja zum Beispiel recht oft die Kostüme.

Rotermund: Auf der Bühne kann man das Leben anderer skizzieren und porträtieren, ohne es aushalten zu müssen. Wenn ich in eine Vorstellung gehe, tue ich das, um etwas zu sehen. Die Herren auf der Bühne stellen sich meistens in irgendeinem Hemd und einer Hose dahin – da kann ich mir auch ein Hörspiel anhören. Die wechselnden Rollen und Kostüme erleichtern den Transport einer Geschichte. So ist es viel leichter, das Publikum zu erreichen. Wenn Sie zum Beispiel hohe Schuhe tragen, gehen Sie auch anders. Wenn ich mir eine bestimmte Figur ausdenke, spielen also auch schauspielerische Techniken eine Rolle. Viele männliche Kabarettisten machen das nicht, das ist einfach ein Unterschied in der Präsentation. Wozu bezahle ich denn Eintritt zu einer Vorstellung? Um jemanden in einem Anzug zu sehen, den er vielleicht schon bei der Anreise getragen hat? Nö.

Wenn man sich die Rezensionen ansieht, kommen Sie mit ihren Programmen sehr gut an. Gleichzeitig gibt es vergleichsweise wenig Frauen in der Comedy und im Kabarett. Werden Frauen vielleicht als weniger lustig wahrgenommen?

Rotermund: Es gibt gar nicht so wenige, es ist eher die Frage, wie sie repräsentiert werden. Wenn Sie die Geschichte des Kabaretts zurückdrehen, sehen Sie, dass zu Zeiten von Hildebrand und der Münchner Lach- und Schießgesellschaft Frauen nur in Ensembles auftauchten. Weibliche Solisten gibt es erst seit 20 bis 30 Jahren, bis dahin waren sie mehr oder minder nur dekorativ und Beiwerk. Karolin Kebekus zum Beispiel wäre damals gar nicht denkbar gewesen. Frauen bekommen einfach weniger Angebote als Männer, das ist die klassische Ungleichheit, wegen der Frauen auch 25 Prozent weniger Gehalt bekommen als Männer. Die Wahrnehmung, dass es weniger Frauen im Kabarett gibt, ist nicht falsch – es stellt sich nur die Frage, warum Frauen nicht eingekauft werden. Das ist oft noch nicht einmal bösartig. Ich kann mich zum Beispiel nicht daran erinnern, dass jemand so schnell den Aufstieg geschafft hat wie Torsten Sträter und so schnell eine eigene Sendung gehabt hat („Sträters Männerhaushalt“, Anmerkung der Redaktion). Ich gönne ihm alles Glück und wünsche ihm, dass der Hype noch lange anhält. Aber haben Sie eine Solo-Kabarettistin abgespeichert, die 20 Jahre erfolgreich war und eine eigene Sendung bekommen hat? Ich jedenfalls nicht.

Was glauben Sie, kann getan werden, um diese Situation zu verändern? Oder wird sie sich vielleicht von allein weiterentwickeln?

Rotermund: So etwas kommt nicht von allein. Alles muss immer wieder neu verhandelt und besprochen werden. Es ist aber auch so, dass man als rückständig angesehen und belächelt wird, wenn man dieses Thema anspricht. Selbst Angela Merkel wird aufgrund ihrer Frisur, ihrer Jacke oder ihrer Schuhe kritisiert. Ist je thematisiert worden, welche Krawatte oder Schuhe Horst Seehofer trägt ? Da sehen Sie die unterschiedlichen Maßstäbe. Ich denke, dass dieses Verhalten zwischen Männern und Frauen erlernt ist und nicht in unseren Genen steckt. Ganz auffällig wird dies bei den konservativen Muslimen. Man kann mir nicht erzählen, dass ein 7-jähriges Mädchen glücklich ist, wenn es durch sein Kopftuch und die damit verbundenen Erwartungen eingeschränkt wird.

Sie haben Wurzeln in Neuenrade.

Rotermund: Ja, meine Urgroßeltern stammen aus Neuenrade. Meine Urgroßmutter habe ich noch kennen gelernt. Monika Arens, meine Veranstalterin in Neuenrade (Sachbearbeiterin für Kultur und Schulverwaltung) hat die Daten meiner Urgroßeltern, Johann Richard und Luise Lürbke, im Archiv ausfindig machen können.

Waren Sie schon einmal in Neuenrade? Freuen sie sich auf die Heimatstadt ihrer Urgroßeltern?

Rotermund: Nein, ich war noch nie dort. Ich hoffe ja, dass vielleicht irgendwelche verstreuten Verwandten in meinem Publikum sitzen werden.

Ihr Auftritt findet im Rahmen der Kultursaison Neuenrade statt, das unter dem Motto “Jung und Alt – zusammen sind wir stark“ steht. Was halten Sie von dem Motto?

Rotermund: Zumindest ist es ein frommer Wunsch und wenn das so funktioniert, ist das toll. Ich empfinde das aber eher als Aufforderung denn als Faktum. Ähnlich wie bei Männern und Frauen. Es wäre schön, wenn es funktionieren könnte.

Sie beschäftigen sich in ihrem Programm mit dem Alter ab 50. Welche Tipps würden Sie älteren Semestern geben?

Rotermund: Ich bin doch nicht das Dr. Oetker Kochbuch. Machen Sie ihr Ding, man lebt nur so kurze Zeit und ist so lange tot. Ich habe vor kurzem einen Freund beerdigt, der viel geraucht hat und inoperablen Lungenkrebs bekommen hat. Er kam in Behandlung, Chemo, und es ging ihm scheiße. Da sagte er: „Ich habe mein ganzes Leben lang geraucht. Ich kann nicht so tun, als hätte ich dieses Leben nicht gelebt. Ich habe die Chemo abgebrochen. Ich rauche jetzt wieder.“ Sein Motto war „Einatmen. Ausatmen.“ Mein Lebensprinzip ist, dass ich es bin, mit der ich es ein ganzes Leben lang aushalten muss. Ich muss morgens noch in den Spiegel schauen können. Wenn man das von sich sagen kann, dann ist das schon super. Aber ich kann keine Lebenstipps geben. Ich kann Menschen unterhalten und zum Lachen bringen, aber Lebensunterricht will und kann ich nicht geben.

Dann erübrigt sich wohl meine letzte Frage: Welche Tipps würden sie jungen Menschen geben?

Rotermund: Never give up. Wenn man 16, 17 oder 18 ist, denkt man schon mal, dass es kein Morgen gibt. Nicht umbringen. Es gibt immer noch einen zweiten oder dritten Weg. Wenn mir einer mit 18 gesagt hätte, was ich heute mache, hätte ich es mir nicht vorstellen können. Das Leben ist von so vielen Faktoren abhängig. Es ist kein Bausatz wie bei Lego. Man braucht Mut und man muss wissen, dass niemand auf dich wartet.

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