Gasthof Schweitzer: Begegnung und Integration

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Ob Ehrenamtler oder Flüchtling: Man versteht sich gut in der Flüchtlingsunterkunft Gasthof Schweitzer

Küntrop - In erster Linie gehe es um Sprache, Begegnung und Freizeit – das seien die wichtigsten Standbeine, um eine Integration zu ermöglichen, betonte Sandra Horny gestern bei einem Treffen in der Flüchtlingsunterkunft Gasthof Schweitzer in Küntrop.

Gemeinsam mit Stephan Drüeke dient sie dort als Ansprechpartnerin für die Ehrenamtlichen und koordiniert die Arbeit. Die frischen Eigentümer des Gasthofes, das Unternehmerehepaar Ruth und Jürgen Echterhage, betreuen gemeinsam mit ihren Mitarbeitern und den Ehrenamtlichen die Flüchtlinge. Der Gasthof wird von der Stadt Neuenrade zu diesem Zweck angemietet.

15 Flüchtlinge seien derzeit in den Zimmern untergebracht, weiß Ruth Echterhage. Diese Zahl könne sich aber schnell ändern. „Man muss zugeben, dass die meisten Flüchtlinge bei uns junge Männer sind. Wir hatten aber auch schon vermehrt Familien hier“, erzählte Sandra Horny. Derzeit gebe es etwa acht bis zwölf aktive Ehrenamtler, die für die Betreuung zuständig sind. „Es ist eigentlich den ganzen Tag jemand da“, so Ruth Echterhage.

Auf jeden Fall ist der Alltag im Gasthof Schweitzer für die Flüchtlinge Strukturiert.

Dass aber noch einige Ehrenamtler folgen müssten, um auch künftig so gut organisieren zu können, ergänzte Sandra Horny. Innerhalb der Unterkunft gibt es einen Plan, der den Tagesablauf für alle regelt – unter anderem zeigt er die Küchen- und Reinigungszeiten auf. „Manchmal ist es wie in einem Studentenwohnheim“, erzählten die Mitarbeiter schmunzelnd. „Es funktioniert, wenn wir sie direkt anleiten, von alleine erledigen sie die Arbeiten nicht immer.“ Dann gebe es aber auch keine Widerworte. Im Gegenteil: „Sie helfen immer gerne mit.“ Um Integration zu ermöglichen, sei Verständigung der erste Schritt, so Horny.

Zwar würden offizielle Deutschkurse von der Volkshochschule für Flüchtlinge angeboten, allerdings fänden diese nur sporadisch statt. Deshalb bieten einige der Ehrenamtler im Gasthof Schweitzer Deutsch- und Alphabetisierungskurse an, um schon vorab eine gute Grundlage zu schaffen und den Einstieg in die fremde Sprache für die Flüchtlinge zu erleichtern. „Hier leben 15 Menschen, aber sie vertreten sieben Nationen“, sagte Jürgen Echterhage. „Syrer, Iraker, Afghanen, Marokkaner sowie Leute aus Ghana, Guinea und Eritrea – zusammen mit den Küntropern ist das ne gute Mischung.“ An den Deutschkursen nähmen alle Flüchtlinge teil.

Der Alphabetisierungskurs sei für jene, die das lateinische Alphabet noch nicht beherrschen. „Wir beobachten, wie die Männer und Frauen die Lautschrift unter die Wörter schreiben, um sich die Aussprache anzueignen“, so Echterhagen. Die Sprache sei aber bei weitem nicht die einzige Hürde für die Flüchtlinge – die Gestaltung der Freizeit spiele eine wichtige Rolle für die Integration. „Es dauert oft Monate bis die Flüchtlinge einen Termin zur Anhörung bekommen. Bis dahin dürfen sie nicht arbeiten und haben oft nicht einmal Ansprüche auf Integrationskurse. Sie haben also den ganzen Tag Zeit und müssen beschäftigt werden“, weiß Stephan Drüeke. Sportangebote wie Fußball seien daher eine gute Option und sollen weiter ausgebaut werden.

 Außerdem seien bereits Fahrräder gespendet worden, die sich die Bewohner ausleihen könnten, sowie eine Tischtennisplatte in einem der zwei Gemeinschaftsräume. Außerdem biete der Gasthof noch eine Kegelbahn, die mitgenutzt werden könne und habe mittlerweile einen W-Lan-Zugang. Zusätzlich zu den Gasthofzimmern werden derzeit noch drei Wohnungen renoviert, um sie für Familien bewohnbar zu machen. Insgesamt erwarten die Helfer zukünftig um die 35 Flüchtlinge in der Unterkunft. „Eine Kommune wie Neuenrade könnte das alles ohne Ehrenamtler nicht schaffen“, betonte Jürgen Echterhage. „Die Bundeskanzlerin schafft eher uns, wenn sie nichts an dem unbegrenzten Zustrom ändert.“ Jede Unterstützung an Personal und Ideen sei daher hilfreich „Das sind Pflicht und Kür: wir machen hier die Pflicht und die Ehrenamtler machen die Kür.“

 Über die Hilfsarbeit hinaus müssen die Mitarbeiter und Ehrenamtlichen aber auch mit anderen Problematiken umgehen: in einer kleinen Ortschaft würden auch schnell Vorurteile über Flüchtlinge wegen angeblicher Kriminalität oder der Belästigung von Frauen entstehen. „Es kam schon vor, dass mein Streifenwagen vor dem Gebäude gesehen wurde und die Leute direkt annahmen, dass wegen den Flüchtlingen eingegriffen werden musste“, erzählte Michael Hammer, der ebenfalls in der Unterkunft mitwirkt. Dabei habe es noch nie einen Vorfall gegeben, zu dem die Polizei gerufen wurde.

Überhaupt sei es in der Unterkunft nie zu Respektlosigkeiten gekommen – auch nicht gegenüber Frauen. „In der Anonymität der Großstadt ist das vielleicht eine ganz andere Sache“, so Sandra Horny. Die Mitarbeiter in Küntrop sind überzeugt: „Hier sind die Leute begleitet.“ Übergriffe wie die jüngst in Köln, seien der Situation und falschen Strukturen geschuldet. „Wir haben einen persönlichen Bezug in den kleinen Kommunen – es geht hier um Zusammenwachsen und Zusammengehören. Jeder kennt jeden und wir kümmern uns.“

Deshalb solle bald regelmäßig ein Begegnungscafé im Gasthof stattfinden, bei dem sich die Küntroper Bürger und Flüchtlinge kennenlernen können. Die Mitarbeiter nehmen nach Bedarf auch Bewohner mit nach Neuenrade in die Stadt. Außerdem fahren feste Shuttles dienstags in den Kleiderladen vom Deutschen Roten Kreuz (DRK). „Die Flüchtlinge erhalten einmalig einen Gutschein vom DRK und können sich Kleidung kaufen“, sagte Horny. Teilweise hätten sie bei der Ankunft nichts dabei, weder eine Jacke oder Schuhe. „Das Handy ist für die Flüchtlinge tatsächlich am wichtigsten. Immerhin ist es ihre einzige Kontaktmöglichkeit nach Hause“, so Drüeke. Ansonsten stünde ihnen nur eine staatliche Hilfe zu. „Ich kenne den genauen Betrag nicht, aber er liegt unter dem Sozialhilfesatz“, weiß Horny. „Die Flüchtlinge sind nicht anspruchsvoll, sondern sehr zufrieden und vor allem dankbar. Sie geben immer gerne etwas an uns zurück, auch wenn sie selbst nichts haben.“

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