Elisabeth Kynast und ihre Hilfe für Menschen, die unter Folgen der Katastrophe leiden

Tschernobyl – und kein Ende

Elisabeth Kynast mit Olga und dem Sohn ihrer verstorbenen Schwester.

Neuenrade - „Ich bin nur eine von vielen“, sagt Elisabeth Kynast. Und immer wieder betont sie: „Ich hätte all das ohne die Hilfe der Neuenrader niemals geschafft.“ Die Küntroperin, die im April gerade erst 74 Jahre alt wurde, ist bescheiden. Und doch: Seit 30 Jahren hilft sie, wo sie nur kann.

Am 26. April 1986 geschah das Unfassbare: der erste sogenannte Super-GAU. Der „größte anzunehmende Unfall“ in einem Kernkraftwerk war von der hypothetischen Annahme zur grausigen Realität geworden. Das ukrainische Tschernobyl erlangte so ungewollte Berühmtheit. Angesteckt von ihrem Erstgeborenen Matthias begann Kynast, sich für die Opfer und besonders die Kinder einzusetzen.

Seit gut 20 Jahren organisiert die Altenaerin Ulla Klüppel jährlich Urlaube für stets rund 80 Kinder im Sauerland. Kynast nimmt Jahr für Jahr zwei der Mädchen und Jungen bei sich auf. Einige kamen mehrmals, weil sie fortlaufende medizinische Behandlungen in Deutschland genossen. Zumeist achtete die Küntroperin aber darauf, immer wieder andere Kinder bei sich zu beherbergen. „An die 30 mögen es mittlerweile gewesen sein.“ Im kommenden Herbst werden wieder welche auf diese Art und Weise Neuenrade kennen lernen.

Kynast umsorgt die oft schwer kranken Heranwachsenden und macht täglich mit ihnen Ausflüge – im Sauerland, nach Köln und auch weitere Touren. Sie kauft für sie Kleidung ein und gibt ihnen nach dem drei-, vierwöchigen Aufenthalt Lebensmittel mit. Doch: „Ich habe Ihnen immer gesagt, dass das hier kein Alltag für sie ist.“ Damit erreicht die Küntroperin, was sie will: „Sie fahren alle wieder gerne nach Hause. Das macht mich glücklich.“

Aus den Augen – aus dem Sinn? Weit gefehlt. Zu beinahe allen Kindern, die einst bei ihr in Neuenrade waren, hat Kynast, sofern die vormaligen Mädchen und Jungen noch leben, weiterhin Kontakt. „Vor allen Dingen an Weihnachten rufen sie alle an.“ Manche schreiben auch Briefe. Die 74-Jährige kramt in Schubladen und zeigt dann ein Foto: „Das ist Olga. Die ist jetzt selbst Mutter.“ Das Bild zeigt eine junge Frau mit einem Baby vor einem Weihnachtsbaum. Ein Bild aus Weißrussland.

Dort – genauer: in Pinsk, nahe der ukrainischen Grenze – war Kynast auch selbst einige Male zu Besuch. Vor zehn Jahren hat sie dort etwa ein Krankenhaus besucht. „Ich habe viele Frühchen gesehen – fast alle mit Missbildungen.“ Auch 30 Jahre nach der Reaktorkatastrophe im 200 Kilometer entfernten Tschernobyl ist keine Normalität in Pinsk eingekehrt. „Die Stadt gehört zu den am meisten verseuchten Gebieten“, weiß Kynast. Und noch immer sterben viele Neugeborene. Die Küntroperin berichtet: „Aber die meisten Eltern sagen: ‘Der liebe Gott will es so’. Das ist beeindruckend.“ Etlichen kranken Kindern und Jugendlichen hat Kynast mit ihrem unermüdlichen Einsatz geholfen. Ob der erst einjährige Antonie-Klemens, der 2011 von einem Münchener Spezialisten am Herzen operiert werden konnte, weil die Neuenraderin für ihn 10 000 Euro sammelt, oder die seinerzeit 22-jährige Iryna, die 2013 von einem Arzt in Hellersen kostenlos operiert wurde. Die einst an Schilddrüsenkrebs erkrankte junge Frau ist heute Deutschlehrerin.

Dann erzählt Kynast von einem Telefonat mit einer jungen Frau, die heute selbst Mutter sei. Deren Sohn habe Krebs im Endstadium. Ihm sei nicht mehr zu helfen. Er lebe nur noch mit Morphium. Kynast hat deutlich hörbar mit den Tränen zu kämpfen.

Das von ihr organisierte Neuenrader Café International bekam von den Neuenrader immer wieder viel Geld – „vor allen Dingen von Arnold Menshen“. Sie spannte die Hilfsorganisationen „Ein Herz für Kinder“ und die Carreras-Stiftung in ihre Arbeit mit ein. Sie fand Stammzellenspender für Hilfsbedürftige in Tübingen, die ein weißrussischer Arzt dann in Dresden abholte. Wie viel sie im Laufe der Jahrzehnte gesammelt hat, weiß die 74-Jährige nicht: „Viel Geld“, sagt sie noch weiter überlegend. Und dann holt sie tief Luft und gesteht: „Ich habe auch selbst viel Geld dazu gegeben. Man nimmt ja am Ende nichts mit.“

Auch Hilfstransporte nach Weißrussland haben die Altenaerin Klüppel, Kynast und weitere immer wieder organisiert. „Auch drei Jahrzehnte später hat die Anteilnahme in Deutschland nicht nachgelassen“, ist die Küntroperin erleichtert.

Kynast stammt aus Schlesien, kam 1964 nach Deutschland, zog 1967 nach Werdohl und 1973 dann nach Neuenrade. Sie hielt den Kontakt in die alte Heimat. Als sie mit ihren dortigen Freunden dann Mitte der 80er-Jahre über die Katastrophe in Tschernobyl reden wollte, erschrak sie: „Die wussten gar nichts davon, obwohl sie 1000 Kilometer näher dran waren als wir hier.“

Die Küntroperin arbeitete einst als Helferin im Werdohler St.-Michael-Kindergarten. Klar war also sofort, dass sie sich für Kinder aus dem Umland von Tschernobyl einsetzen würde. „Diese Mädchen und Jungen sind sehr, sehr dankbar“, hat Kynast beobachtet. Doch mehr als anrufen und schreiben können sie heute nicht mehr: „Die sind doch alle enorm arm, leben von 100 Euro im Monat. Und ein Visum bekommen sie sowieso nicht.“

Ist Kynast aber in Weißrussland, wird sie überall reich bewirtet. „Dann erfahre ich oft, dass die sich Geld geliehen haben, um es mir gut gehen zu lassen.“ Das ist ihr sichtlich unangenehm. Denn auch heute noch gelte: „Kein Kind, dass dort zur Welt kommt, ist gesund. Belastet sind sie alle.“

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