Auf einer langen Bildungsreise

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Auf ihrer Walz sind die Handwerker ein beliebtes Fotomotiv.

Neuenrade - Mit ihren Kopfbedeckungen, den Rucksäcken und den knorrigen Knotenstöcken fallen sie auf. Sie sind Hingucker, die Leute drehen sich nach ihnen um. Junge Frauen lassen sich sogar gemeinsam mit den beiden fotografieren und posten es gleich weiter in ihren Communities.

Frederik (23 Jahre alt), Sattlergeselle und Jeremias (27), Zimmerer-Geselle, sind auf der Walz. In Küntrop sind sie gerade auf der Durchreise, per Anhalter versuchen sie weiterzukommen, wollen arbeiten, lernen und sich auf diese Weise weiterbilden – fachlich und menschlich. Sie sind sozusagen auf Bildungsreise, die insgesamt drei Jahre und einen Tag dauert. Dabei unterwerfen sie sich den Regeln ihrer jeweiligen Zunft: Demnach müssen sie ledig sein, haben ihre Tour anzutreten, bevor sie 30 Jahre alt sind. Schuldenfrei müssen sie sein, vorbestraft dürfen sie nicht sein und nie länger als drei Monate an einem Ort verweilen.

In den Heimatort zurückzugehen ist tabu. Da gibt es einen Bannkreis von 50 Kilometern. Dafür gibt es, was die Reiseziele anbelangt, keine Beschränkungen. Theoretisch können sie weltweit unterwegs sein. Und dabei gilt immer: Für Kost und Logis dürfen sie kein Geld ausgeben. Bei diesem Hintergrund ist klar, dass der Geselle auf der Walz nur das Nötigste dabei hat: „Frische Socken, Wäsche, Schlafsack und Werkzeug – das muss reichen.“ Und Handy und Laptop oder ähnlichen Schnickschnack haben sie nicht. Sie schreiben noch Postkarten. Dem weltweiten Netz scheinen sie aber nicht gänzlich abhold zu sein, über eine E-Mail-Adresse verfügen die beiden Gesellen dann doch schon.

Aus dem Hessischen, aus der Umgebung Dillenburg/ Wetzlar/Gießen kommen Jeremias und Frederik – die beiden, sind nun wieder gemeinsam unterwegs, haben sich auf ihren Touren wieder getroffen. Jeremias, der Zimmerer, erläutert weitere Umstände der Walz: „Wir sind immer bereit zu arbeiten. Wir laufen Betriebe an, die unserem Fach entsprechen“. Dabei hat es Jeremias als Zimmerer („Ich baue alle Arten von Holzkonstruktionen“) einfacher als sein Kollege, der als Sattler einen Job suchen muss. Doch, auch der weiß sich zu helfen. Er kann zum Beispiel in Oldtimern die lederne Innenausstattung erstellen oder reparieren. Auch ein Sattel oder Gürtel sind natürlich für ihn kein Problem.

Wenn sie einen Job suchen, präsentieren sie sich mit einem kleinen traditionellen Spruch: „Als fremder, frei-reisender Sattler/Zimmerer.“ Doch auch die beiden Freigeister kommen nicht ohne gewisse Erfordernisse des Sozialstaates aus. Sie müssen sich selbst krankenversichern, es sei denn sie sind unterwegs bei einem Handwerker eingestellt.

Frederik und Jeremias haben durchaus Sendungsbewusstsein. Jeremias sagt, dass er die Tradition aufrecht erhalten wolle aber auch an jüngere weitergeben möchte. Fachlich habe man Vorteile, lerne bei den verschiedensten Meistern oder den unterschiedlichsten Kollegen. Und: „Es gibt internes Wissen, das nur unter unseresgleichen weiter geben wird“, betont Jeremias. Der nimmt es hin, dass die wenigsten Gesellen noch auf Reisen sind. Nur rund 500 Kollegen seien es wohl deutschlandweit“. Wie auch immer: Frederik und Jeremias sind unterwegs. Als fernes Ziel haben sie Leipzig im Visier. Mit dabei ein Satz Karten. „Das ist mein Navi“, sagt Jeremias, bevor er sich wieder an den Straßenrand stellt und den Daumen in den Wind hält. Per Anhalter dürfen sie fahren.

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