Amüsante Medienerziehung auf der Theaterbühne

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Activity-TV bot Darstellungsarten zum Aussuchen: Claudius (Dr. Michael Podworny) und die verblichene Amoene (Frauke Römer) zeigen hier die Variante „Klassisches Liebesstück mit tragischem Ende“.

Nachrodt-Wiblingwerde -   Das Brettken am Drögen Pütt wagt sich auf das schwierige Terrain der Medienerziehung: „TV-Nonstop“ heißt die neue Komödie aus der Feder von Thorsten Böhner. Das Premierenpublikum zeigte sich angetan von dem unterhaltsamen und turbulenten Rundgang durch die Zumutungen einer durchschnittlichen Glotze.

Von Thomas Krumm

„Es geht um Seifenopern, Krimis, Werbung, Opern“, versprach Horst Schröder den Besuchern zu Beginn der großen Brettken-Fernsehshow, die mehr sein sollte als reine Unterhaltung. „Sie sollen einen kurzweiligen Abend haben, aber Sie sollen gleichzeitig etwas lernen.“ Und so ging es mitten hinein in das europäische Standardwohnzimmer von Jutta (Petra Kara), die eine große Liebe zum Bildschirm pflegt, und Gregor (Horst Schröder), der noch weitergehende Ideen und Pläne hinsichtlich eines gelingenden Ehelebens hegt. Die Zuschauer blicken dabei auf die Rückwand eines Fernsehers neuester Bauart und in das Gesicht einer enthusiastischen TV-Liebhaberin, die auf ihrem Gesicht und in ihren Gesten jenes Programm spiegelt, das dem Publikum live und auf der Bühne vorgestellt wird. Petra Kara machte das richtig gut mit jenem gelangweilten bis süchtigen Gesichtsausdruck, der den wahren Freund des Zappens durch die Kanäle auszeichnet: „Ich lass mir doch von einem kaputten Fernseher nicht vorschreiben, wann ich mit dir ins Bett gehe“, verkündet sie ihrem Ehemann. Und von einem intakten Gerät schon gar nicht.

Die benachbarten Programme durften also alles geben, was der gepflegte Fernsehabend so hergibt: Von der Werbung für den „Flashmop“ im Zehnerpack bis zum Gerichtsmedizinthriller über das „Leiden der Eingeweide“, das die Leiche endgültig hinter sich hat. Gregor wirbt unverdrossen um seine Gattin und meldet leise Zweifel an der Qualität des Programms an: „Wie kannst du dir den ganzen Tag diesen Mist reinziehen?“ Doch weiter geht’s mit dem Krimi, dessen Verbrecherboss „Vietnam, Korea, Iran, Irak und drei Ehefrauen“ überlebt hat und nun in brisanter Lage, mit der Wumme in der Hand und der Geliebten an der Seite, an sprachlichen Feinheiten des Deutschen arbeitet. Beruhigend wirkt nach dieser Action der Kreißsaalreport inklusive durchgeknallter Väter, den die Fernsehliebhaberin souverän verschläft. Doch wach – und nah am Wasser gebaut – ist Jutta sogleich wieder, als der „Emotion Channel“ die rührende Suche einer jungen Frau nach ihren leiblichen Eltern zeigt. Raum für ein wenig experimentelles Theater bot schließlich der Liebesfilm von der DVD, die den regulären Ablauf der Szene arg durcheinanderbrachte. Auch „Activity-TV“ bot der TV-Glotzerin interaktive Möglichkeiten, um die beiden Liebenden auf verschiedenen Wegen einander näher zu bringen: Klassische Tragödie oder Western, Oper, Daily Soap oder Bayerische Heimatszene. Bei so viel Einsatz gemeinsam mit seiner geliebten Amoene (Frauke Römer) zeigte sich Claudius (Dr. Michael Podworny) empört über das Geknister vor dem Apparat: „Wir spielen uns hier einen Wolf, und Sie rascheln mit der Chipstüte!“

40 Jahre nach seiner Gründung sei das Amateurtheater zu seinen kabarettistischen Wurzeln zurückgekehrt, fasste Regisseur Michael Podworny das kurzweilige Programm zusammen, das den Akteuren viel Raum zum schauspielerischen Ausprobieren gab.

Das „Brettken“ zeigt „TV-Nonstop“ am Samstag (2. Mai) ab 20 Uhr in der Rastatt. Weitere Aufführungstermine (immer ab 20 Uhr): 3., 6., 9. und 10. Mai, jeweils ab 20 Uhr. Der Eintritt kostet 8 Euro für Erwachsene und 4 Euro für Kinder und Jugendliche.

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