Testfahrten für Senioren gefordert

Heinz Wagener will nach einem Zwischenfall das Fahrsicherheitstraining für Senioren überdenken.

Nachrodt-Wiblingwerde - Schlechter sehen, schwerer hören, langsamer reagieren – die Voraussetzungen für gutes Autofahren werden im Alter nicht besser. Und: Die Unfallhäufigkeit nimmt ab diesem Alter signifikant zu – behauptet die Unfallforschung der Versicherer (UDV) und fordert – ebenso wie die Grünen – Testfahrten für Autofahrer ab 75 Jahren. Ein Thema, das heute auf dem Deutschen Verkehrsgerichtstages in Goslar diskutiert wird. In Nachrodt findet sich dagegen kein einziger Zuspruch. Im Gegenteil.

„Ich erlebe nicht tagtäglich im Stadtverkehr, dass sich ältere Fahrer falsch verhalten“, sagt Günter Sorg. Der 65-Jährige, der sich mit dem Gedanken trägt, seine Nachrodter Fahrschule zum Ende des Jahres aufzugeben, hat so gut wie nie ältere Fahrschüler oder solche, die noch einmal ein paar Stunden nehmen möchten. „Nur wenn sie auffällig geworden sind, müssen sie Prüfungsfahrten machen.“ Sorg findet das ausreichend – würde sich eher wünschen, dass die Theorie nachgeschult würde. Denn die ändere sich durchaus.

Weder Peter Herbel (CDU) noch Peter Joergens (UWG) , beide über 70, können dem Testfahrten-Vorschlag irgendetwas abgewinnen. „Die Statistik sagt auch, dass ältere nicht mehr Unfälle verursachen als Jüngere. Ich kenne viele Leute, die noch sehr gut fahren. Und auf dem platten Land ist man richtig aufgeschmissen, wenn man nicht mehr mobil ist“, so Peter Herbel. Er glaubt, dass die Fahrer sich am besten selbst einschätzen können. „Ich würde schon merken, wenn ich ständig etwas übersehen würde. Und wenn nicht, würden die Familienangehörigen den Fahrer darauf aufmerksam machen.“ Herbel selbst, der in diesem Jahr 77 wird, sieht sich eher als zurückhaltender Fahrer. „Aber das war ich als junger Kerl auch schon.“

Als mündiger Bürger selbst entscheiden

Peter Joergens bewertet das Thema ähnlich. Als mündiger Bürger solle man selbst entscheiden – und könne das am besten selbst einschätzen. „Wenn ich merke, es geht nicht mehr, gebe ich den Führerschein auch ab“, sagt der 74-Jährige. Situationen wie vom vergangenen Freitag, als er im schlimmsten Miesepeter-Wetter von Dortmund über die Autobahn nach Hause fuhr, „brauche ich auch nicht jeden Tag.“ Die Grünen haben seiner Meinung nach immer besonders gute Vorschläge, so Joergens mit einem eher entsetzten Schmunzeln. „So lange es geht, möchte ich fahren.“

Symbolbild

Auch der Bürgerbusvereins-Vorsitzende Herbert Ferreau sagt: „Ich denke, dass man den über 70-Jährigen nicht generell unterstellen sollte, dass sie nicht mehr fahren können. Das ist Blödsinn und völlig verkehrt. Viele sind mit 70 noch irgendwo tätig und geistig fit.“ Die frühere Regelung, dass man nur bis 70 den Bürgerbus steuern durfte, wurde „glücklicherweise vor ein paar Jahren aufgehoben.“ 

Die Bürgerbusfahrer werden übrigens laufend untersucht: bis 60 alle paar Jahre, ab 65 jährlich, ab 70 zweimal jährlich. Dann geht es um körperliche Fitness, Seh- und Hörfähigkeit. Aber auch das Blut wird untersucht. Der Personenbeförderungsschein wird vom Straßenverkehrsamt ausgestellt und gilt für fünf Jahre. Ferreau selbst fährt übrigens nicht mehr den Bürgerbus. „Irgendwann war es genug“, erzählt er. „Zu meiner Zeit galt aber auch noch die 70er-Regelung.“ Die Bürgerbusfahrer, so sagt Herbert Ferreau, könnten sich gar nicht erlauben, schlecht zu fahren. „Wir stehen im Blickpunkt der Öffentlichkeit. Wenn da jemand zu schnell oder schlecht fahren würde, würde es sofort bemerkt. Und dann müsste man Gespräche führen.“

Fahrsicherheitstraining für Senioren

Einer, der sich sehr intensiv mit dem Thema Senioren im Straßenverkehr beschäftigt, ist Verkehrsreferent Heinz Wagener. Der Altenaer bietet regelmäßig beim MSC Altena ein Fahrsicherheitstraining für Senioren an. Das Angebot, einen Parcours in Begleitung zu durchfahren, richtet sich besonders an Fahrer und Fahrerinnen ab 60 Jahren. 

Symbolbild

„Man erreicht aber nur die, die sensibel für das Thema sind“, sagt Heinz Wagener, der eine gesetzliche Pflicht für Testfahrten trotzdem nicht sinnvoll findet. „Es gibt Leute, die schaffen so eine Prüfung mit 60 nicht, andere machen das mit 78 ganz locker. Und ich kenne einen Fall aus der Praxis: Eine Frau hat ihren Führerschein abgegeben, weil ihr Mann immer fuhr. Jetzt ist der ältere Herr verstorben. Und wenn sie ihren Führerschein noch hätte, hätte sie zwei, drei Fahrstunden nehmen können. Das geht jetzt nicht mehr.“ Es sei übrigens erwiesen, dass man Mängel durch ständiges Wiederholen wieder ausgleichen und man durchaus auch als Autofahrer wieder fit werden könne.

Dass jeder glaubt, er könne Autofahren, ist übrigens ein Problem, das auch Heinz Wagener in seiner Arbeit zu schaffen macht. „Wir hatten im vergangenen Jahr einen kleinen Zwischenfall. Ein Teilnehmer des Parcours war völlig uneinsichtig, hat fürchterlich geschimpft, mehrere Leute angerufen und sich über mich beschwert. Er hatte die größte S-Klasse von Mercedes, nur beherrschte er das Auto nicht. Wenn ich sehe, dass man fünf Minuten braucht, um in eine Parklücke einzufahren und sich nur auf seine elektronischen Helferlein verlässt, dann muss man das auch benennen dürfen. Niemand will den Leuten den Führerschein wegnehmen. Im Gegenteil. Unser Ziel ist es, sie so lange wie möglich mobil zu halten. Aber wenn es nicht mehr geht, dann sollte man auf den öffentlichen Personennahverkehr umsteigen“, sagt Heinz Wagener. 

Der Zwischenfall hat übrigens möglicherweise zur Folge, dass das Fahrsicherheitstraining für Senioren nicht mehr in der bekannten Form angeboten wird. „Es lässt mich nachdenken und die ganze Sache überdenken“, so Wagener. Er will sich nun mit den Partnerfahrschulen und der Verkehrswacht abstimmen.

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