Raucherbein und Totenbett: Fotos schockieren

Nachrodt-Wiblingwerde - Geteerte Lungen und Raucherbeine, schwarze Zähne, Eltern, die am Totenbett ihres Kindes stehen: Schlimmer geht es nimmer. Es ist tatsächlich schockierend, was jetzt peu a peu – aber unaufhaltsam – von den Zigarettenschachteln direkt ins – entsetzte – Auge springt. Weder Tabak-Verkäufer, wie Elke Schmalenbach in ihrem Lotto-Toto-Geschäft in Nachrodt, noch die Raucher sind amüsiert. Das sollen sie auch nicht sein.

Rauch schädigt die Lungen, verstopft die Arterien, kann das ungeborene Kind töten, mindert die Fruchtbarkeit und verursacht Herzanfälle. Das sind keine Neuigkeiten. Doch das Wissen hält nicht vom Qualmen ab.

Ob die neuen Verpackungen eine Anti-Rauch-Haltung erreichen? Die Mehrheit der Deutschen glaubt nach Ergebnissen des aktuellen ARD-Deutschlandtrends dies nicht. Und auch die Nachrodt-Wiblingwerder sind skeptisch. Doch der erste „Hieb“ hat gesessen: „Ich war wirklich entsetzt“, sagt Elke Schmalenbach und trifft damit die aktuelle und allgemeine Gefühlslage.

 Die Verpackungen von Zigaretten und Tabak in Deutschland müssen bis zu zwei Dritteln mit Schockbildern und Warnhinweisen versehen werden. Mit den schärferen Regeln setzt Deutschland die EU-Tabakrichtlinie um. Die Tabakindustrie hatte vor der Verschärfung noch einmal so viele alte Verpackungen wie möglich produziert.

Der Deutsche Zigarettenverband beklagt einen Wettbewerbsnachteil gegenüber den Konkurrenten vor allem aus den osteuropäischen Nachbarländern. Dort hätten die Hersteller mehr Zeit und so Wettbewerbsvorteile. Polen, Tschechien oder Ungarn können die EU-Vorgaben später umsetzen.

Derzeit gibt es eine Bilderbibliothek mit drei Gruppen zu je 14 Motiven. Die Bilder wurden laut Süddeutscher Zeitung von einer Kommunikationsagentur entwickelt, das Budget der EU habe etwa 600000 Euro betragen. Es ist nicht bekannt, welche Agentur die Schockfotos gemacht hat und ob auf den Bildern echte Patienten zu sehen sind. Um einen Gewöhnungseffekt zu minimieren, sollen die Motive nach einem Jahr ausgetauscht werden.

 Die Richtlinie für Tabakerzeugnisse trat am 19. Mai 2014 in Kraft und wurde am 20. Mai 2016 in den EU-Mitgliedstaaten geltendes Recht. Betroffen ist alles, was qualmt: Dazu gehören Zigaretten, Drehtabak, Pfeifentabak, Zigarren, Zigarillos, nicht zum Rauchen bestimmter Tabak, elektronische Zigaretten und pflanzliche Raucherzeugnisse.

Doch während die einen noch auf Bilder mit hustenden Kindern und amputierten Gliedmaßen starren, gibt es schon die ersten „Gegenbewegungen“: „Es werden immer mehr Zigaretten-Etuis oder -Schachteln gekauft“, sagt Elke Schmalenbach. „Überzieher“ gibt es aktuell aber noch nicht für – losen – Tabak in Nachrodt.

Einige Tankstellen und Geschäfte sind dazu übergegangen, kleine Schilder aufzustellen, hinter denen die gruseligen Zigarettenschachtel-Motive verschwinden.

Apropos Wirkung: Im zweiten Quartal 2016 sank die Menge der in Deutschland hergestellten Zigaretten im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 15,4 Prozent auf 17,2 Milliarden Stück. Insgesamt wurden im Zeitraum April bis Juni Tabakwaren im Verkaufswert von 5,9 Milliarden Euro versteuert. Das waren 0,6 Milliarden Euro weniger als im zweiten Quartal 2015.

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