Redaktions-Gesprächsrunde: drei Syrer und der Kummer

Nachrodt-Wiblingwerde

Nachrodt-Wiblingwerde - Sie sitzen auf heißen Kohlen. Seit Monaten. Doch bis auf ihre Erstregistrierung halten Wagih Junbullat, Hassan Age und Ammar Hoshaimc nichts in den Händen. Die Syrer möchten Asylanträge stellen – laufen aber, so beklagen sie, beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) und bei der Ausländerbehörde des Kreises in Lüdenscheid gegen Mauern. Über ihren Kummer, aber auch über die Übergriffe auf Frauen in der Silvesternacht in Köln und das Bild der Syrer über Deutschland vor und nach ihrer Flucht sprachen sie gestern in der AK-Redaktion. Mit dabei waren auch Wilfried Alberts von der Flüchtlingshilfe Nachrodt und Nadja Mehari als Dolmetscherin.

Seit sechs Monaten wohnt Wagih Junbullat in Nachrodt – erst in der Unterkunft an der Hagener Straße 114/116, „wo keine Tiere leben wollen“, jetzt gemeinsam mit drei anderen Männern in einer Wohnung an der Bachstraße. Der 54-Jährige ist allein nach Deutschland geflüchtet. Er sorgt sich um seine Frau und seine beiden Kinder in seiner Heimat. 6500 Euro hat die Flucht gekostet, „alles, was ich hatte.“ Um die Familie mitzunehmen, habe das Geld nicht gereicht. „Ich wusste in Syrien, dass Deutschland ein wirtschaftlich starkes Land ist und dass man hier in Frieden leben kann.“ Besonders für seine Kinder wünscht sich Wagih Junbullat eine bessere Zukunft. Doch das Warten zermürbt ihn. Ängste plagen ihn. Das ist auch der Grund, warum er und seine zwei Mitstreiter um ein Gespräch in der Redaktion gebeten hatten. Während andere, die gleichzeitig gekommen seien, schon Anträge gestellt hätten oder sogar anerkannt seien, fühlt sich Junbullat vergessen.

Und nicht nur das: Bei der Ausländerbehörde werde man nicht freundlich behandelt. Dies empfinden auch Ammar Hoshaimc und Hassan Age so. Die Ämter seien telefonisch nicht erreichbar, Briefe würden nicht beantwortet. Vorwürfe, die Wilfried Alberts bestätigt. „Leider ist bei den meisten Flüchtlingen keine Entwicklung im Verfahren festzustellen“, sagt der Vertreter der Flüchtlingshilfe, der von den Syrern immer wieder im Gespräch den größten Dank bekommt. Auch die Anstrengungen der Gemeindeverwaltung wird von den Flüchtlingen gesehen. Über den Nachrodt-Wiblingwerder Tellerrand hinaus, passiere allerdings nichts.

„Kommen Sie ein anderes Mal“, sei die einzige Auskunft, die sie bei der Ausländerbehörde bekommen würden. In anderen Städten würde das eindeutig besser laufen. „Der Kritik begegnet Hendrik Klein als Pressesprecher des Märkischen Kreises mit folgenden Worten: „Wir suchen 15 neue Leute für die Ausländerbehörde. Das ist im Stellenplan beschlossen und zeigt deutlich, wie viel Arbeit dort zu bewältigen ist. Natürlich dauert auch bei uns manches zu lange. Aber wir stehen beim Märkischen Kreis mit der Problematik nicht allein da. Auch andere Kommunen suchen Leute. Hinzu kommt, dass die Zahl der Abschiebungen zugenommen hat. Auch darum müssen sich unsere Leute kümmern. Im Märkischen Kreis sind aktuell mehr als 8000 Flüchtlinge. Da kann es im Einzelfall lange und aus deren Sicht zu lange dauern. Unsere Leute wissen nicht, wie sie der Lage Herr werden sollen. Sie gehen auf dem Zahnfleisch.“

Dass die Ämter vor großen Herausforderungen stehen, wollen die drei Nachrodter Syrer gern verstehen. Und doch sehen sie in erster Linie ihre eigene Situation. Keiner der drei Männer bedauert seine Flucht nach Deutschland. Alle wollen bleiben. Wollen sich nach eigenem Bekunden integrieren, die Bräuche der Deutschen kennenlernen und sind entsetzt über die Vorfälle in der Silvesternacht. „Es gibt gute Menschen, es gibt schlechte Menschen. Bei den Syrern wie bei allen anderen auch. Man darf den Vorfall bitte nicht allen Flüchtlingen anlasten. Die, die das getan haben, müssen eine hohe Strafe bekommen“, sagt Hassan Age. Er ist gerade mal 20 Jahre alt. Wäre er in Syrien geblieben, so sagt der junge Mann, der allein geflüchtet ist, dann hätte man ihn zum Militär gezogen. Und dann sei er jetzt im Krieg. Seine Schwester und sein Bruder seien in der Nähe von Berlin, aber es sei zu teuer, sie zu besuchen. Hassan möchte dringend Deutsch lernen, eine Ausbildung machen, am liebsten im Bereich von Computer und Handy.

Über Syrien mit dem Bus in den Libanon, von dort mit dem Schiff in die Türkei, mit dem Schlauchboot nach Griechenland. Dann nach Mazedonien, zu Fuß und mit dem Bus nach Kroatien. Schließlich mit dem Zug nach Österreich und dann nach Deutschland: Das war die dramatische Flucht von Ammar Hoshaimc, der mit seiner Frau und seinem 13-jährigen Sohn gekommen ist. „Wir bleiben zusammen, egal was unterwegs passiert“, war die Hoffnung der Familie, es irgendwie zu schaffen. Als jetzt an Silvester Raketen und Böller gezündet wurden, hatten alle Angst. Der Sohn besucht die internationale Förderklasse am Burggymnasium Altena, „spricht schon besser Deutsch als ich“, sagt der 35-Jährige.

Die Mentalität und Sitten der Deutschen sind für die Syrer zum Teil fremd – vor allem der Händedruck bei der Begrüßung. „Wir möchten das alles kennenlernen“, sagt Ammar Hoshaimc. Für ihn ist es unvorstellbar, dass „einige Flüchtlinge so ein Bild vermitteln, dass deutsche Frauen jetzt Angst haben. Wir würden doch auch nicht wollen, dass unsere Töchter Angst haben. All die, die für die Übergriffe verantwortlich sind, müssen ins Gefängnis oder ausgewiesen werden.“ Und Wagih Junbullat ergänzt: „Es tut uns leid, was da passiert ist.“

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