Herkunftssprachlicher Unterricht in Nachrodt

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Nachrodt-Wiblingwerde - „Wer soll denn nicht fasten?“, fragt Hüseyin Yildirim – und alle Kinder wissen es. Schwangere Frauen nicht, Kinder nicht, kranke und/oder alte Menschen und solche, die auf der Reise sind. Mit einem Zeigestock deuten die Mädchen und Jungen auf die Bilder, die sie für den herkunftssprachlichen Unterricht zusammengestellt haben. Und doch: Es gibt auch in Nachrodt Kinder, die fasten – oder unbedingt fasten möchten.

 Auf dem großen Plakat ist übrigens auch ein Trommler zu sehen. Damit im Fastenmonat Ramadan kein Muslim den Zeitpunkt zur letzten erlaubten Mahlzeit verpasst, ziehen in manchen türkischen Städten in aller Frühe Trommler durch die Straßen. In Nachrodt aber nicht. Das wussten nicht alle Kinder, die herkunftssprachlichen Unterricht an der Grundschule Nachrodt bekommen.

 Jeden Freitag ist Hüseyin Yildirim an der Schule und unterrichtet die türkischen Kinder in ihrer Muttersprache. „Einige Begrifflichkeiten haben die Kinder erst heute gelernt“, schmunzelt Hüseyin Yildirim. Und er sagt: 90 Prozent der Kinder sprechen gerne Deutsch. Manchmal sogar lieber. Tatsächlich fällt auch im Türkisch-Unterricht immer wieder ein deutsches Wort.

Halbsprachigkeit nennt der Lehrer das Problem: „Die Kinder sprechen nicht immer sehr gut Deutsch, aber auch nicht immer sehr gut Türkisch.“ Sie würden oftmals ein Mischmasch sprechen. Falle ihnen das türkische Wort nicht ein, nehmen sie einfach ein deutsches. Dass die Kinder lieber Deutsch als Türkisch sprechen – diesen Eindruck hat Kathrin Richter, Sonderpädagogin an der Grundschule Nachrodt nicht. „Untereinander sprechen sie oft türkisch - und das ist für die deutschen Kinder nicht immer einfach“, sagt die Pädagogin und weiß, dass es ein komisches Gefühl hinterlässt, wenn man nichts versteht. „Vielleicht sprechen die ja über mich.“

Eine größere Sorge bereitet aber die Tatsache, dass sich auch schon Grundschulkinder am Fasten beteiligen möchten. Auch Hüseyin Yildirim weiß das und findet das nicht gut: „Die Hirnentwicklung ist bis zum zehnten Lebensjahr noch nicht abgeschlossen“, sieht er gesundheitliche Probleme für Kinder beim Fasten.

Allerdings kennt er die Beweggründe der Mädchen und Jungen, ebenso wie die Erwachsenen nichts zu essen und zu trinken. „Sie wollen den Erwachsenen nacheifern, wollen zeigen, dass sie das auch schon können. Es gelte das Motto: Ich bin groß, ich kann das.“ Kathrin Richter erzählt von einer dritten Klasse, in der von acht türkischen Kindern vier fasten. „Zumindest zu Beginn des Ramadan. Die anderen haben herzhaft in ihr Brot gebissen.“ Hüseyin Yildirim gibt zu, dass er selbst Schwierigkeiten beim Fasten hat.

Und weil das Fasten von Beginn der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang dauert, würden sich auch viele Menschen Urlaub nehmen, um die anstrengende Zeit zu schaffen. Die Fastenden sollen sich durch das Verzichten mehr auf das Wesentliche richten können, ihre Dankbarkeit Gott gegenüber zum Ausdruck bringen und zum anderen sollen Muslime diese Zeit als Chance für Abbitte ihrer Fehlverhalten nutzen. Nach muslimischem Glauben ist der Ramadan ein sehr gesegneter Monat. „Im Winter ist das Fasten leichter“, schmunzelt Hüseyin Yildirim, der auch mit den Eltern seiner Schüler spricht, um sie davon zu überzeugen, dass das Fasten für den kleinen Nachwuchs nicht gut ist.

Herkunftssprachlichen Unterricht gibt er auch in Altena, Herscheid und an der Hauptschule in Hemer. Und: Regionale Unterschiede sieht Hüseyin Yildirim durchaus. „Hier gehen nur wenige türkische Kinder später aufs Gymnasium. Das ist in Herscheid anders.“ Warum das so ist, kann er aber nicht sagen - und ist gespannt, wie die Schüler heute beim Test abschneiden, den er für sie vorbereitet hat.

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