Mit Leichtigkeit zum dreistelligen Millionenbetrag

(Symbolfoto)

Nachrodt-Wiblingwerde - Vor dem Amtsgericht Altena ist am Mittwoch der Prozess gegen den 56-jährigen Mann aus Nachrodt-Wiblingwerde fortgesetzt worden, dem vorgeworfen wird, zahlreiche Anleger um ihre Ersparnisse in Höhe von insgesamt rund 400 000 Euro gebracht zu haben. Dabei wurde ein interessanter Zeuge vernommen.

Jahrelang sammelte Ulrich E. unter falschen Versprechungen dreistellige Millionenbeträge von Anlegern, doch derzeit zählt er vor allem seine verbliebenen Haftjahre. Vor zweieinhalb Jahren verurteilte das Landgericht Mannheim den heute 54-Jährigen nämlich wegen Kapitalanlagebetrugs zu einer Haftstrafe von acht Jahren und sechs Monaten. Eine verfahrensverkürzende Absprache zwischen den Prozessbeteiligten und ein umfassendes Geständnis hatte einem, der damals als größter Dieb und einer der abgebrühtesten Anlagebetrüger Deutschlands gehandelt wurde, eine relativ milde Strafe eingebracht. Im Knast bewarb er sich erfolgreich um eine Ausbildung als Schreiner. „Ich mache als alter Sack das ganze Programm der Jungen durch – die Gesellenprüfung ist im November“ gab Ulrich E. gestern als Zeuge im Amtsgericht Altena Auskunft über sein derzeitiges Leben. Nun hoffe er auf eine vorzeitige Entlassung: „Die Hoffnung auf Zweidrittel ist immer groß.“

Im Amtsgericht sollte er aus seiner Perspektive das System schildern, dem der 56-jährige Angeklagte, der heute in Nachrodt-Wiblingwerde lebt, als kleiner Vermittler vor Ort angehört hatte. Nein, er kenne den Angeklagten nicht, versicherte der Zeuge. „Mehrere hundert Vermittler“ seien im Auftrag seines Finanzunternehmens tätig geworden, von denen er nur relativ wenige kennengelernt habe: „Ich habe nie jemanden eingeweiht, dass das ein Schneeball-Betrugssystem war. Und dann schilderte der Zeuge detailliert, wie er von Amerika aus mit schwindelerregender Leichtigkeit einen dreistelligen Millionenbetrag einsammelte. „Ich war der Initiator.“ Dazu kamen jene vier Männer, die der Zeuge hartnäckig die „Famous 4“ nennt.

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[11.08.2015]

Alles fing im Mai 2005 mit einer kleinen dreizeiligen Anzeige in überregionalen deutschen Tageszeitungen an: „Day-Trading – höchste Rendite bei 100-prozentiger Sicherheit“. Den Anlegern gaukelte der Zeuge vor, dass er lange Jahre bei einer amerikanischen Bank gearbeitet habe und nun mithilfe eines besonderen Computerprogramms einträgliche Tagesgeschäfte an der Börse abwickele. „Bis Juni/Juli 2005 hatten wir schon zehn Millionen eingesammelt.“ Der monatlich eingesammelte Anlagebetrag steigerte sich von fünf Millionen auf 20 bis 30 Millionen. Die Kunden konnten dabei zwischen zwei Modellen wählen: Entweder sie ließen sich die üppigen Zinsen monatlich auszahlen, oder sie wählten ein schatzbildendes Modell, bei dem die Zinsen wieder angelegt wurden. So jedenfalls lauteten die Werbeversprechen, die zur Täuschung der Anleger wohl auch für wenige Monate eingehalten wurden. Ulrich E. wickelte seine dubiosen Geschäfte über Konten bei US-Banken ab. Als ihm die Ermittler im Juli 2007 auf die Schliche kamen, ging der Betrüger auf die Flucht. Mit internationalem Haftbefehl zu Fahndung ausgeschrieben und zwischenzeitlich auch über die Fernsehsendung „Aktenzeichen XY ... ungelöst“ gesucht, ging er den Fahndern 2012 in Las Vegas ins Netz.

Für das Verfahren im Amtsgericht möglicherweise von Bedeutung war die Auskunft des Zeugen, dass ab diesem Zeitpunkt keine Buchungen mehr vorgenommen wurden – seine und die Konten seiner Stellvertreter waren ab Herbst 2007 geschlossen. Dennoch tätigte der 56-jährige Anlageberater aus Nachrodt weitere Anlagegeschäfte. Die Frage, wie es dazu kam, ist nicht die einzig offene im hiesigen Gerichtsverfahren, das noch fortgesetzt wird.

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