Frauenfrühstück zum Thema Sterbehilfe

Gerlinde Sülberg-Müller (l.) überreichte Referentin Merle Vokkert als Dankeschön einen Blumenstrauß.

Nachrodt-Wiblingwerde - Um den Wunsch nach und das Recht auf einen selbstbestimmten Abschied aus dem Leben drehten sich die Gespräche beim Frauenfrühstück des ökumenischen Arbeitskreises in Nachrodt.

Von Thomas Krumm

Mit einem Knall schied der frühere MDR-Intendant Udo Reiter Anfang Oktober 2014 aus dem Leben. Er erschoss sich auf der Terrasse seines Hauses und hinterließ eine Erklärung zu seinem Suizid: „Nach fast 50 Jahren im Rollstuhl haben meine körperlichen Kräfte in den letzten Monaten so rapide abgenommen, dass ich demnächst mit dem völligen Verlust meiner bisherigen Selbstständigkeit rechnen muss. Vor allem die Fähigkeit, aus eigener Kraft die Toilette zu benutzen und das Bett zu erreichen und wieder zu verlassen, schwindet zunehmend. Parallel dazu beobachte ich auch ein Nachlassen meiner geistigen Fähigkeiten, das wohl kürzer oder später in einer Demenz enden wird. Ich habe mehrfach erklärt, dass ein solcher Zustand nicht meinem Bild von mir selbst entspricht und dass ich nach einem trotz Rollstuhl selbstbestimmten Leben nicht als ein von anderen abhängiger Pflegefall enden möchte. Aus diesem Grund werde ich meinem Leben jetzt selbst ein Ende setzen.“

„Harte Worte“, kommentierte die Altenaer Pfarrerin Merle Vokkert dieses Statement zu Beginn ihres Vortrags zum Thema „Leben – bis zuletzt?“. Und aus der Runde der Frauen, die sich zuvor im Evangelischen Gemeindehaus Nachrodt mit einem Frühstück gestärkt hatten, kam prompt eine Ergänzung zu den „harten Worten“: „Aber wahr!“ Reiters Standpunkt einer souveränen, autonomen Entscheidung gegenüber dem eigenen Leben stand auf der einen Seite der Skala, die Merle Vokkert detailliert entfaltete. Auf der anderen Seite des Spektrums befindet sich die Position der katholischen Kirche, die prinzipientreu, aber ein bisschen lebensfremd zum Thema „Sterbehilfe“ Stellung bezieht: „Kein Mensch darf über sein Leben selbst bestimmen“, verkündete Kardinal Karl Lehmann.

Dass es zwischen den beiden Extrempositionen ein breites Feld mit großem Klärungsbedarf und vielen Zwischentönen gibt, machte Merle Vokkert in ihrem Vortrag deutlich. Die Möglichkeiten reichen von der passiven Sterbehilfe, der Beendigung lebensverlängernder Maßnahmen, über die indirekte Sterbehilfe, die den vorzeitigen Tod nach der Einnahme schmerzlindernder Mittel in Kauf nimmt, bis zur Beihilfe zur Selbsttötung, dem assistierten Suizid. Letzterer wird von der Bundesärztekammer abgelehnt, ist in Deutschland aber nicht strafbar. Aus strafrechtlicher Sicht problematisch ist in der BRD die aktive Sterbehilfe, das Töten auf Verlangen. Weitgehend einig sind sich die Bundestagsparteien, die derzeit an einer Novellierung der Gesetzeslage arbeiten, vor allem in einem Punkt: Die geschäftsmäßige Suizidhilfe durch kommerzielle Anbieter soll verboten werden.

Kein Mensch lebt nur für sich selbst. Und so akzeptabel die autonome Entscheidung, seinem Leben ein Ende zu setzen, auch sein muss, so darf sie doch kein Muster für die Entscheidung anderer sein: „Kein Mensch soll sich rechtfertigen müssen, weil er noch lebt“, nannte Merle Vokkert einen der Gründe, warum die Evangelische Kirche von Deutschland jede Form organisierter Sterbehilfe ablehnt. Die Kirche müsse vielmehr „Werbung für das Unperfekte“ betreiben,

„Krankheit und Leiden in das Leben integrieren“. Wäre der Wunsch, von eigener Hand möglichst schnell aus dem Leben zu scheiden, derart verbreitet, wenn dem Todkranken Schmerzfreiheit und ein Hospizplatz sicher wären? „Was wäre, wenn die Gesellschaft sich all das richtig was kosten ließe?“, fragte die Pfarrerin. Ihr Vortrag löste eine rege Diskussion mit dem Publikum aus. Besucherinnen hoben die Bedeutung der Palliativmedizin, einer fachkundigen Pflege „nicht auf Minijob-Basis“ und der Beratung der Angehörigen hervor. Einigkeit bestand darüber, dass es gut ist, dass das Tabu eines offenen Gesprächs über Tod und Sterbehilfe in den vergangenen Jahrzehnten geschwunden ist. „Es ist immer gut, mit seinen Liebsten – Familie und Angehörigen – zu sprechen“, betonte Merle Vokkert.

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