„Ich möchte nicht aus dem Rat herausgetragen werden“

Nachrodt-Wiblingwerde - Niemals geht man so ganz. Oder doch? „Nein, beim Bürgerbus mache ich weiter“, verspricht Johannes Illerhaus. Und doch kommt jetzt ein riesiger Einschnitt.

Nach 32 Jahren in der Kommunalpolitik gibt Johannes Illerhaus zum 31. März den Fraktionsvorsitz bei der UWG ab und legt auch sein Ratsmandat nieder. „Ich möchte auch nicht aus dem Rat herausgetragen werden oder dummes Zeug erzählen“, schmunzelt Illerhaus, der vielleicht sogar aus der Gemeinde wegziehen will. Das AK sprach mit ihm über seinen Werdegang, Politik und die Tücken, über Gesundheit und Reisen.

Herr Illerhaus. Sie wollen wirklich den Fraktionsvorsitz und das Mandat gleichermaßen abgeben? Ein Rundumschlag?

Illerhaus: Ich hatte das schon nach der letzten Kommunalwahl angekündigt, weil es absehbar war, dass ich in den Ruhestand versetzt werde und meine Frau in die Altersteilzeit geht. So ändern sich unsere Lebensumstände und Lebenplanungen. Wir haben vor, viel zu reisen und möglicherweise bleiben wir auch nicht dauerhaft in Nachrodt-Wiblingwerde.

Wo wird es Sie denn hinziehen?

Illerhaus: Möglicherweise wieder nach Dortmund, wo ich großgeworden bin. Da gibt es doch andere Freizeit- und Kulturangebote.

Aber Sie sind doch eigentlich ein Urgestein in Nachrodt, oder irre ich da?

Illerhaus: Ja, ich bin gebürtiger Nachrodter, Als ich sieben Jahre alt war, ist unsere Familie dann nach Dortmund gezogen.

Und was hat sie später dann wieder nach Nachrodt verschlagen?

Illerhaus: Durch den Schuldienst, per Zufall. Meine Frau kommt aus Oberrahmede. Und wir konnten nach dem Staatsexamen vier Wünsche äußern, wo wir eingesetzt werden wollen. Dortmund, Bochum, Kreis Unna und der vierte Wunsch war der Märkische Kreis. Und prompt kam ich 1980 nach Nachrodt an die Hauptschule. Ich habe es nie bereut. Da war ich bis 1987, dann wurde ich Konrektor am Breitenhagen für fünf Jahre. 1992 bin ich als Schulleiter zur Grundschule Klagebach in Schalksmühle und später dann 2001 (bis 2011) mit meiner Konrektorin zur Spormecke. Dann wurde hier die Schulleiterstelle frei. Ich habe lange mit mir gerungen. Es zwar klar, dass sich sonst niemand bewerben würde. Und dann war mir meine Heimatgemeinde doch lieber. Allerdings hat es Reibungsverluste gegeben, weil einige Kollegen im Rat und Schulausschuss nicht auseinander halten konnten, wann ich als Schulleiter sprach und wann für die UWG. Es gab doch einige Anfeindungen, wenn ich für die Schule etwas erreichen wollte.

Das war sicher schwierig...

Illerhaus: Ja, das war ein Problem in verschiedenen Rollen. Unnötige Diskussionen und auch Unverständnis waren die Folge. Und ich habe mir schon manchmal gedacht, dass ich von Schalksmühle aus als Schulleiter das eine oder andere Problem nicht gehabt hätte.

Wann sind Sie in den Ruhestand gegangen?

Illerhaus: Am 1. Januar 2015 – aus gesundheitlichen Gründen. Das ist auch ein Grund, warum ich jetzt mit der Ratsarbeit aufhöre. Ich bin schwerbehindert und das macht mir auch ein bisschen zu schaffen.

Man sieht und merkt Ihnen nichts an...

Illerhaus: Ich bin Diabetiker. Ich spritze schon seit zehn Jahren – habe wohl die verkehrten Gene geerbt.

Und die Krankheit bestimmt sicher das Leben...

Illerhaus: Es ist ein labiler Drahtseilakt.

Seit wann sind Sie eigentlich in der UWG?

Illerhaus: Seit 1984, da bin ich das erste Mal im Wahlbezirk Brenscheid angetreten. Ich war dann fünf Jahre als sachkundiger Bürger im Schulausschuss und Sportausschuss. Jetzt bin ich 64 Jahre und bin also 32 Jahre in der Kommunalpolitik. Ein halbes Leben reicht dann auch.

Aber es wird Ihnen doch fehlen, oder nicht?

Illerhaus: Ich habe mich mit dem Gedanken ja schon eine Weile angefreundet. Jetzt geht es demnächst auf die Azoren.

Erfüllen Sie sich mit dem Reisen langersehnte Wünsche?

Illerhaus: Nein. Ich hatte niemals das Gefühl, etwas in meinem Leben verpasst zu haben. Sicherlich haben drei Kinder unsere Reisemöglichkeiten eingeschränkt, Campingurlaube in Griechenland und in den Niederlanden und vor allem Skiurlaube mit den Kindern haben uns viele tolle Erlebnisse beschert. Meine Frau und ich wollen jetzt andere Ziele ansteuern und das geht gut außerhalb der Schulferienzeiten. Wir haben schon seit langer Zeit einen Wohnwagen, mit dem wir viel unterwegs sind.

Wer wird Ihr Nachfolger bei der UWG?

Illerhaus: Petra Triches wird Fraktionsvorsitzende. Sie ist nächste Nachrückerin auf der Reserveliste und ich habe sie gefragt, ob sie sich das zutraut. Petra Triches wurde dann auch einstimmig gewählt. Sie kann das auch, da bin ich fest überzeugt.

Ich hätte auf Frau Hammerschmidt getippt...

Illerhaus: Frau Hammerschmidt macht ja den Vorsitz, hat zwei kleine Kinder, ist engagiert in der katholischen Kirchengemeinde und beim Gartenhallenbad. Ich habe das eine Zeitlang gemacht, war UWG-Vorsitzender und Fraktionsvorsitzender. Da kommt dann etwas zu kurz. Es ist besser, das auf mehreren Schultern zu verteilen.

Was hat die UWG in Ihrer Amtszeit erreicht?

Illerhaus: Wir haben, und das war eine Zielsetzung, immer absolute Mehrheiten verhindert. Wir haben dafür gesorgt, dass diskutiert werden musste. Wir haben uns immer für die Sportstätten und für die Schulen eingesetzt. Ganz aktuell kann ich sagen, dass wir maßgeblich mit daran beteiligt waren, dass die Grundschule Wiblingwerde als Teilstandort erhalten blieb und dass es einen Schulverbund gibt. Zudem wurde die Lennehalle wieder aufgebaut – gegen erhebliche Widerstände. Das ging alles, weil es im Rat dann auch Einigkeit gab – trotz kontroverser Diskussionen.

Sie haben auch oft das Zünglein an der Waage gespielt?

Illerhaus: Durchaus.

Hat Ihnen Kommunalpolitik eigentlich immer Spaß gemacht?

Illerhaus: Nein. Ohne eine gewisse Frustrationstoleranz ist das nicht möglich. Dass man immer mit strahlendem Gesicht durch die Gegend läuft, vor allem dann, wenn auch unangenehme Entscheidungen anstanden, ist nicht möglich.

Es ist ein schwieriges Brot manchmal?

Illerhaus: Ja. Natürlich ist man in Entscheidungen eingebunden, hat Informationen aus erster Hand. Das gilt nicht nur für die Ausschuss- und Ratsarbeit. Ich bin in der Sparkassenverbandsversammlung, war immer sehr gern und bleibe es auch noch Ansprechpartner für den Awo-Kindergarten, weil die Gemeinde zum Teil auch Träger ist. Und wenn ich im Lande bin, werde ich auch weiterhin an UWG-Fraktionssitzungen teilnehmen. Ich gehe ja nicht im Zorn oder Streit. Es ist besser, jetzt zu wechseln: Dann kann sich die neue Truppe zusammenfinden. Inzwischen ist die UWG weiblich geworden – mit drei Ratsfrauen von fünf Mitglieder.

Ist Kommunalpolitik so ein schmutziges Geschäft wie allgemein der Politik vorgeworfen wird?

Illerhaus: Nein, kann ich nicht sagen. In unserer Satzung steht: Die UWG strebt ein gutes Verhältnis zu allen Fraktionen an. Das ist auch immer so gewesen. Dass es zwischendurch auch mal Auseinandersetzungen gibt, Reibereien, das ist klar. Aber wir haben nicht so den Lobbyismus hier wie man es aus der Landes- und Bundespolitik kennt, wo Gesetzesentwürfe nicht aus der Politik, sondern von Interessenvertretern kommen. Und wir haben auch keine Absprachen hinter dem Rücken anderer. Obwohl es das auch schon mal gegeben hat und ich als Kulturausschussvorsitzender ausgebremst wurde.

Das Ende der Hauptschule naht, an der Sie selbst unterrichtet haben. Schmerzlich?

Illerhaus: Ja, das tut weh. Die Hauptschule hat immer gute Arbeit geleistet. Rüdiger Grote ist der letzte der Kollegen, mit dem ich noch gearbeitet habe. Das war eine schöne Zeit.

Wie gehen Sie jetzt aus der Politik? Sagen Sie Gott sei Dank?

Illerhaus: Ich bin ein ziemlich rationaler Mensch, ich kann da gut mit umgehen.

Jetzt sind Sie 64. Sind Sie jemand, der mit dem Alterwerden hadert?

Illerhaus: Nein. Ich merke, dass ich einiges nicht mehr so kann wie mit 30. Manches geht auch langsamer. Ich habe jetzt eine Großbaustelle im Garten angefangen. Mehr als zwei/drei Stunden am Tag muss ich mich nicht mehr quälen. Meine Großmutter ist 96 geworden, mein Vater 93. Meine Mutter ist dann aufgrund einer Erkrankung mit 88 gestorben. Ich bin ganz optimistisch (lacht). Die waren alle drei bis zum Schluss geistig wach.

Sie möchten viel reisen. Gibt es Lieblingsziele?

Illerhaus: Eigentlich unterschiedlich. Wir haben jetzt einige Flug- und Busreisen gemacht. Aber Lieblingsziele bleiben Deutschland und das nahe Europa mit dem Wohnwagen. Wohnmobil wollen wir mal ausprobieren.

Und sie würden tatsächlich aus der Idylle in die Großstadt ziehen?

Illerhaus: Ja, zum Beispiel dann, wenn die Kräfte nicht mehr reichen würden, alles instand zu setzen und mir das Herz bluten würde, wenn es runterkommt. Und wenn wir nicht mehr Auto fahren können, dann ist man da oben verraten und verkauft. Dann kommt man da nicht mehr weg.

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