Jürgen Herche versucht 1300 Unterlagen zu retten

Nachrodt: Schimmelpilz im Aktenlager

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Ohne Schutzmaske ist ein Betreten des Aktenlagers erst seit Freitag möglich. Jürgen Herche (rechts) ist seit dem 24. August damit beschäftigt, die Akten der Gemeinde zu retten.

Nachrodt-Wiblingwerde - Der Zugang zum Keller ist im Amtshaus mit dicker Folie abgeklebt. Nur noch von außen kann man die Räume betreten – wenn man denn unbedingt muss. 

Denn mit ihm ist nicht zu spaßen: Stachybotrys chartarum heißt der Schimmelpilz, der von einem Hygieneinstitut analysiert wurde und der das komplette Aktenlager angegriffen hat. 1300 Akten aus dem letzten und vorletzten Jahr, Standesamt-Bücher, Kassenbelege und Jahresrechnungen, die ein Leben lang aufbewahrt werden müssen, waren in einem Lagerraum im Keller des unter Denkmalschutz stehenden Amtshauses fein säuberlich „aufgetürmt“. 

"Seite für Seite angeschaut"

Fünf Prozent aller Unterlagen sind von Stachybotrys chartarum für immer vernichtet worden. Den Rest konnte Jürgen Herche, der die gleichnamige Firma Holz- und Bautenschutz in Lüdenscheid betreibt, retten. „Ich habe mir Seite für Seite angeschaut“, erzählt der Fachmann, der auch mit Sauggeräten und chemischen Lösungen gearbeitet hat. Jetzt sucht er nach einer Strategie, wie einige historische Akten geschützt werden können, wenn Mitarbeiter des Amtshauses diese einsehen müssen. 

Ursache des Dilemmas: erhöhte Feuchtigkeit. Der zelluloseabbauende Schimmelpilz Stachybotrys chartarum ist in Innenräumen meist nach Wasserschäden zu finden. Kommt man mit ihm in Kontakt, sind Kopfschmerzen, Schwindelgefühle, grippeähnliche Symptome bis hin zu Nasenbluten und sogar Lungenbluten möglich. Deshalb die Schutzmasken. „Zeitweise haben wir mit einem kompletten Schutzanzug gearbeitet“, sagt Jürgen Herche. Jetzt aber ist die Gefahr aktuell gebannt – Bürgermeisterin Birgit Tupat konnte am Freitag gefahrlos mit Jürgen Herche das Aktenlager betreten. 

"Wir reißen alles raus"

Und nun? Wird der komplette Keller entkernt. Entdeckt wurde die Feuchtigkeit nämlich nicht im Aktenlager, sondern im ehemaligen Jobcenter-Büro. Als dieses hergerichtet werden sollte und ein Schrank von der Wand gezogen wurde, wurden mehr als ein paar kleine Stockflecken sichtbar. 

Bürgermeisterin Birgit Tupat zeigt den Zugang zum Keller, der mit dicker Folie abgeklebt wurde.

Auch Fliesen im Flurbereich sprangen einfach hoch, wenn sie nur schief angeguckt wurden. „Wir reißen alles raus“, sagt Bürgermeisterin Birgit Tupat und hofft, damit Ende des Jahres fertig zu sein. Erst dann, wenn der ganze Schaden sichtbar sei, könne man sich mit möglichen Sanierungen beschäftigen. 

Doch eine Summe schwirrt schon als erste Kostenschätzung durch die Verwaltung: 300.000 Euro. „Worst Case“, sagt die Bürgermeisterin, also der ungünstigste anzunehmende Fall. Übrigens: Die geretteten Akten werden jetzt in einem Raum der Sekundarschule untergebracht. Auch in der Rastatt lagern Akten. Die Sanierung der Kellerräume des Amtshauses, das 1898 erbaut wurde, trifft die Gemeinde auch mit Blick auf den Haushalt. 

Sanierung im Amtshaus und im Asylbewerberheim

Das Zahlenwerk war jetzt auch Thema im Rat – mit einer durchaus positiven Nachricht. Denn unter Berücksichtigung der noch zu erwartenden Erträge und Aufwendungen wurde eine vorläufige Ergebnisrechnung erstellt, die mit einem Jahresergebnis von 108.604,90 Euro abschließt. „Bei den Aufwendungen kann man aber noch nicht sagen, was kommt“, so Kämmerin Gabriele Balzukat und verweist auf die Kosten für die Sanierung im Amtshaus und im Asylbewerberheim. 

Denn auch dort gibt es Probleme – genauer: Wasserschäden im Dachgeschoss im Haus an der Hagener Straße 114/116. Bei solchen plötzlichen Hiobsbotschaften kann der finanzielle Haussegen schnell schief hängen. „Die Mitarbeiter sind angewiesen, bei jeder Ausgabe, die nicht vertraglich verpflichtend ist, die Notwendigkeit zu hinterfragen“, gibt Gabriele Balzukat einen harten Sparkurs heraus – ebenso wurde eine zehnprozentige freiwillige Haushaltssperre verhängt.

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