Von Übungsleitern, Stress um Hallenzeiten und Zumba

Nachrodt-Wiblingwerde - 125 Jahre wird der TuS Nachrodt-Obstfeld. Am 12. Juni gibt es einen offiziellen Festakt mit geladenen Gästen in der Rastatt. Am 18. Juni steigt eine große Party ab 19 Uhr in der Lennehalle. Mit der Band Partyinferno übrigens. Und einen Tag später steht ein Familientag. Das Altenaer Kreisblatt sprach mit dem ersten Vorsitzenden Heinz Even über den Traditionsverein. Und es gibt durchaus auch einige kritische Worte.

125 Jahre TuS Nachrodt-Obstfeld. Ist es eine Freude, genau jetzt den Vorsitz zu haben?

Heinz Even: Ich weiß nicht.. ich würde am liebsten nur feiern (lacht).

Stattdessen gibt es viel Arbeit im Vorfeld?

Heinz Even: Wir sind eigentlich schon seit drei Jahren dran, gefühlte fünf. Wir haben zwei Festausschüsse, einer kümmert sich um den Festakt am 12. Juni und der andere kümmert sich um die eigentliche Party am 18. und 19. Juni. Das sind jeweils drei/vier Leute, die natürlich eigenständig arbeiten.

Gibt es sehr ausgefallene Ideen?

Heinz Even: Nö. Wir hatten eine 111-Feier, die der Reißer war. Aber so kann es 14 Jahre später nicht mehr sein. Das liegt auch daran, dass wir alle älter geworden sind und dass sich die Gruppen verändert haben. Wir haben die Übungsleiter gefragt, ob sie etwas auf die Beine stellen wollen, aber da kam eher zu 99 Prozent Kopfschütteln.

Bei der 111-Jahr-Feier war das anders?

Heinz Even: Ja doch. Die Jedermänner hatten eine Wahnsinnsgeschichte aufgebaut und das knallrote Gummiboot kam. Eine Gruppe hat die Glocken von Rom präsentiert. Und wir hatten das Glück, eine tolle Band zu haben.

Viele werden vielleicht jetzt auch etwas Besonderes erwarten?

Heinz Even: Wir sagen: Wir feiern eine Party und das wird auch super. Wir haben die offizielle Feier und die Party extra getrennt. Erst wird es sehr feierlich am 12. Juni mit Gastreden und allem Drum und Dran. Unser zweiter Vorsitzender Uwe Perlowsky führt durchs Programm. Die Hauptrede werde ich halten, aber kurz und bündig. Es gibt auch eine Musikgruppe und ich hoffe, dass auch viele Gäste, die wir eingeladen haben, kommen. Wie Dagmar Freitag zum Beispiel, die heimischen Politiker, die Bürgermeisterin, die schon zugesagt hat, die anderen Vereine. Wir feiern in der Rastatt, die schon immer unser Vereinslokal ist.

Gibt es eine Festzeitschrift?

Heinz Even: Nein. Das kostet viel Geld und ist viel Arbeit. Und die Hälfte bleibt dann liegen. Diejenigen, die sie mitnehmen, blättern sie durch und dann verstaubt sie irgendwo. Wir haben eine Homepage und da kann jeder, der mag, auch die Geschichte nachlesen.

Sie haben gesagt, dass 99 Prozent der Gruppen bei der Party nichts Eigenes machen wollen. Warum war das früher ganz anders?

Heinz Even: Man wird eben älter (lacht). Alle sind einfach älter geworden, der Nachwuchs fehlt, der Zusammenhalt ist zwar in den einzelnen Gruppe groß, aber es ist kein Initiator da, der in den Gruppen etwas auf die Beine stellt und die anderen mitreißt. Damals waren es zum Beispiel die Jedermänner, die jetzt Ü-60 und älter sind.

Dafür hat der Verein aber sensationell viele Mitglieder für eine kleine Gemeinde…

Heinz Even: Ja, die Mitgliederzahl ist sogar gestiegen. Als ich erster Vorsitzender wurde – und das ist etwa 15 Jahre her, waren es 700. In Spitzenzeiten hatten wir 1100 und jetzt sind wir 972. Wir haben ein Loch zwischen den 16/17- bis 30-Jährigen. Das kommt unter anderem daher, dass die Schulstunden bis in den Nachmittag gehen, dass die Schulen zusätzliche Programme nachmittags anbieten – und so fehlen uns die Leute. Und andere gehen nach dem Abi zum Studieren.

Ist der TuS denn in der Schule aktiv?

Heinz Even: Das waren wir. Es gab ein Programm „1000 mal 1000“ und wurde vom Landessportbund bezuschusst. Dann haben wir in der Sekundarschule ein Jahr lang Sport angeboten, aber aufgrund von Unstimmigkeiten hat die Übungsleiterin gesagt, dass sie das nicht mehr machen möchte. Die Schüler fanden es nicht toll. Eher nach dem Motto: Jetzt muss ich hier etwas tun. Wir hatten auch wenige Informationen bekommen, wer denn kommt und wer nicht. Der erhoffte Effekt, dass wir Schüler für den Verein begeistern können, ist ausgeblieben.

Apropos Schule. Gibt es Probleme mit den Hallenzeiten untereinander?

Heinz Even: Ja, es gibt durchaus starke Reibereien. Die Schule blockiert erst einmal alles und wir haben deshalb keine Planungssicherheit vor allem in den Vormittagsstunden. Und irgendwann kommt dann mal ein Stundenplan raus, dann richten wir uns darauf ein und zwei Monate später wird alles umgestellt. Dass Schule einen Vorrang hat, ist in Ordnung. Aber dann muss der Plan vorliegen und es muss auch gut sein.

Es geht um die Sekundarschule in erster Line?

Heinz Even: Ja, und die Grundschule ist teilweise auch involviert. Die Hauptschule läuft ja jetzt aus. Dass die Schulen Sportunterricht machen wollen, ist klar. Aber wenn ich hochrechne, was sie an Stunden blocken, dann könnte man mit jedem Schüler Einzelunterricht machen. Zurück zum Verein.

Haben die Leute allgemein weniger Lust auf Verein, auf feste Bindungen?

Heinz Even: Ja. Die Leute möchten sich nicht mehr so gern binden. Und hätten am liebsten 10er-Karten. Wenn man Lust hat hinzugehen, geht man hin. Und wenn nicht, dann nicht.

Bieten Sie denn so etwas an?

Heinz Even: Nein, weil wir so nicht planen können. Wir müssen ja auch den Übungsleiter bezahlen. Wir bieten aber zum Beispiel Zumba an. Da wir keine Zeiten innerhalb der Woche hatten, haben wir es sonntags versucht. Und es läuft gut. Und da haben wir das System, dass der, der kommt, den Obolus bezahlt.

Grundsätzlich geht es nicht um Leistungssport beim TuS Nachrodt-Obstfeld?

Heinz Even: Nein, Leistungssport machen wir gar nicht. Wenn Kinder möchten, nehmen sie aber auch an Wettkämpfen teil. Wir sagen aber, dass die Eltern sich mitkümmern sollen, mitfahren, mitgucken. Aber das klappt nicht so gut.

Was sich etwas resigniert anhört?

Heinz Even: Nein, nicht resigniert. Es ist eher die Erfahrung. Eltern sind heute auch gestresster. Aber das sollte nicht zu Lasten der Kinder gehen.

Wie viele Übungsleiter hat der TuS?

Heinz Even: 15 bis 20. Und Gott sei Dank wenig Wechsel. Aber wir brauchen natürlich immer welche.

Der Verein bietet eine Unterstützung beim Übungsleiterschein an?

Heinz Even: Ja. Hier in der Gegend werden einige Kurse zum Übungsleiterschein durchgeführt. Man kann es auch an vier Wochenenden machen. Heutzutage legt man sich auch fest, welche Richtung man machen will. Und wir bezuschussen das.

Kommen wir noch mal zu den 16- bis 30-Jährigen: Sind die für immer verloren?

Heinz Even: Nein, wir versuchen sie über junge Übungsleiter zu locken (lacht). Und ich stelle fest, dass dann da eine ganze andere Bindung stattfindet.

Wir haben aber auch immer Ältere. Hat sich der Verein darauf eingestellt?

Heinz Even: Ja. Nicht nur die Jedermänner gibt es da bei uns. Wir haben zum Beispiel auch Gesundheitssport mit mehreren Gruppen. Als damals vor 16/17 Jahren eine Übungsleiterin kam und vorschlug, Wirbelsäulengymnastik anzubieten, haben sich viele angeguckt und gemeint: „So was brauchen wir nicht.“ Aber wir haben es probiert und daraus ist eine Wahnsinnsgruppe entstanden.

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