Junger Assistenzarzt begeistert von Landarztpraxis

Nachrodt-Wiblingwerde - Julian Pietron ist glücklich. Er hat seinen Traumarbeitsplatz gefunden. Mit einem Lächeln im Gesicht sprintet er von einem Behandlungsraum zum nächsten. Genau so, wie er es sich während seines Studiums immer vorgestellt hatte. Der junge Assistenzarzt ist aber nicht etwa in einer Uniklinik in einer deutschen Großstadt beschäftigt, sondern in der Praxis von Matthias Hartig in Nachrodt.

 Die Arbeit in einer Landarztpraxis erfüllt ihn. Zwischen Grippe, Rückenschmerzen, Kinderkrankheiten und psychischen Problemen bleibt für den jungen Mann kaum Zeit zum Durchatmen. Weit mehr als 100 Patienten werden in der Praxis an der Altenaer Straße an einem normalen Tag behandelt. Und jeder einzelne hat ein anderes Problem. Doch genau das macht für Pietron den Reiz aus.

 „Es ist die Vielseitigkeit der Allgemeinmedizin, die die diese Arbeit so besonders macht. Zudem hat man zu den Patienten einen ganz anderen Bezug“, erklärt Pietron. Er habe sich daher ganz bewusst für diesen Schwerpunkt entschieden, denn er mag den engen Kontakt mit den Patienten. „In so einer Praxis gibt es wenig Fluktuation. Oft kennt man die ganze Familie und begleitet sie über Jahre. Das ist eine ganz andere Basis für unsere Arbeit“, sagt Pietron. Anders als in einer Stadt, wo die Menschen häufig zu dem Arzt gingen, der gerade in der Nähe sei oder einen Termin frei habe, gebe es in der Gemeinde eine enge Bindung zum Hausarzt.

Was natürlich auch daran liege, dass es in Nachrodt-Wiblingwerde lediglich zwei Praxen gebe. Zudem sei ein Landarzt weit mehr als ein Allgemeinmediziner. Oft sei er auch Orthopäde, Chirurg, Seelsorger oder Psychotherapeut. „Es gibt eben keinen Spezialisten im Ort. Hier muss der Hausarzt – bis zu einem gewissen Grad – alles können.“ Der Assistenzarzt vergleicht die Rolle des Hausarztes mit einer Spinne, die alle Fäden aus dem Gesundheitsbereich zusammenhalte, die Behandlungen mit Spezialisten lenke und so ein großes Netz für jeden einzelnen Patienten knüpfe.

Das Angebot von Matthias Hartig war attraktiv für den jungen Mann – und das zu einem Zeitpunkt, an dem Hartig selbst schon fast jede Hoffnung auf Arzt-Nachwuchs in seiner Praxis aufgegeben hatte. „Vor ziemlich genau 20 Jahren erhielt ich die Berechtigung, einen Assistenzarzt auszubilden. Doch nie hat sich jemand gemeldet. Es gab null Bewerber in all den Jahren. Ein Blick auf die Landkarte reichte aus. Es gibt einfach mehr Stellen als Bewerber. Da gehen die jungen Ärzte lieber in die Großstädte“, erklärt Hartig.

 Nicht so Pietron. Er zog von Dinslaken nach Iserlohn. „Die Städte sind fast gleich groß. So schnell, wie ich sonst in Oberhausen war, bin ich jetzt in Dortmund. Für mich ist das perfekt. Und ich bin wahrscheinlich schneller auf der Arbeit als jemand, der im Berufsverkehr quer durch eine Großstadt muss“, erklärte der junge Mann. Überhaupt sei er nicht so der Großstadttyp.

Ein wahrer Glücksgriff für die Gemeinde, gerade in Zeiten des Ärztemangels. „Wir hatten das Thema politisch immer mal wieder auf der Agenda. Als wir hörten, dass Herr Hartig jemanden gefunden hatte, waren wir sehr froh“, freut sich Bürgermeisterin Birgit Tupat. Das sei ein Schritt in die richtige Richtung. Seit 25 Jahren führt Hartig seine Praxis. Er weiß, dass die Zeit drängt: „Es gibt – soweit ich das weiß – in Nachrodt und Altena keinen Hausarzt, der deutlich unter 50 Jahre alt ist. Das wird langfristig ein Problem.“

Allerdings sei der Beruf in Verruf. Ein hohes privates Risiko, die persönliche Beanspruchungen und die Regresspflicht sind nur einige Argumente gegen eine Praxis als Allgemeinmediziner auf dem Land, die auch Pietron im Laufe seines Studiums immer wieder hörte. Dennoch entschied er sich für den Job auf dem Land. Mit Recht, wie er findet. Vor allem, weil er offenherzig empfangen wurde – und das nicht nur vom Praxisteam. „Die meiste Zeit begleite ich Herrn Hartig bei den Behandlungen, die Patienten können aber auch sagen, wenn sie mit Herrn Hartig allein reden möchten, aber das kommt so gut wie nie vor“, so Pietron. Nach und nach wird der Assistenzarzt auch selbst behandeln. Langfristig sollen die Patienten wählen können, welchen Arzt sie aufsuchen möchten. „Ich erlebe die Arbeit mit dem jungen Kollegen als sehr belebend.

 Es herrscht oft ein reger Austausch. Das hilft uns allen – und vor allem dem Patienten“, sagt Hartig. Pietron profitiere derweil von der langjährigen Erfahrung. Habe mit Hartig jemanden an der Seite, der bereits alle Höhen und Tiefen erlebt habe. „Es ist nicht immer leicht. Gerade, wenn man einen so engen Bezug zu den Patienten hat. Gerade wenn jemand stirbt, sind das sehr emotionale Momente, die mir auch nach 25 Jahren noch nahe gehen. Diese Emotionen müssen raus und verarbeitet werden“, sagt Hartig. Ratschläge wie diese sind wichtig für den Assistenzarzt.

Ebenso wie die Erfahrung des Teams, das voll hinter dem jungen Mann steht. Ob er jemals die Praxis von Matthias Hartig übernehmen wird, ist jedoch noch völlig unklar. Erst einmal laufe die Ausbildung noch über zwei Jahre. Dann werde neu verhandelt. „Grundsätzlich wollte ich immer eher in einem Ärztezentrum arbeiten. Aber mal sehen, was sich ergibt. Ich mag die Arbeit sehr – ausgeschlossen ist nichts. Darüber mache ich mir momentan noch keine Gedanken.

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