Hausärztin Sylvia Becker schließt Praxis

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Die Nachrodter Hausärztin Sylvia Becker (rechts) schließt ihre Praxis Ende des Jahres.

Nachrodt-Wiblingwerde -  Nach 22 Jahren ist Schluss: Sylvia Becker, Fachärztin für Allgemeinmedizin, gibt ihre Praxis an der Kirchstraße in Nachrodt zum 31. Dezember auf. 1300 Patienten wissen nicht, wie es weitergeht. Sylvia Becker sucht einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin. Doch noch ist niemand in Sicht.

 „Ich bin jetzt 60. Mein Mann ist 15 Jahre älter als ich. Wir möchten gern einen schönen Lebensabend verbringen“, erzählt die Nachrodter Hausärztin.

Leicht sei ihr die Entscheidung nach all den Jahren nicht gefallen. „Es ist ein rein privater Entschluss.“ Zur Praxis gehört auch das ganze Haus – Sylvia Becker möchte beides „im Verbund“ verkaufen. Doch einfach wird es augenscheinlich nicht. „Ich habe Kollegen angesprochen und auch das Angebot bei der Börse der Kassenärztlichen Vereinigung eingestellt“, sagt die Ärztin. Und: Zwei Interessenten seien auch schon in Nachrodt gewesen – und wieder von dannen gezogen.

 „Ich möchte natürlich sehr gern, dass die Patienten versorgt sind und die Mitarbeiterinnen bleiben können.“ Katja Rosenbaum und Beate Seidel sind seit 26/27 Jahren an der Kirchstraße als medizinische Fachangestellte beschäftigt – waren schon beim Vorgänger von Sylvia Becker tätig. Auch sie hängen im Moment wie auch die vielen Patienten in der Luft.

 „Für uns ist das schlimm. Es tut mir leid für die Bevölkerung und leid für Dr. Hartig, für den es dann eine noch größere Belastung wird“, sagt Axel Boshamer, Ordnungsamtsleiter und Stellvertreter der Bürgermeisterin.

Die Gemeinde wisse natürlich um die Problematik der Hausarztversorgung und habe deshalb auch schon vor zwei Jahren mit der Kassenärztlichen Vereinigung gesprochen, um Lösungsansätze zu erarbeiten. „Aber die Gemeindeverwaltung hat überhaupt keinen Einfluss darauf“, sagt Axel Boshamer.

Die Kassenärztliche Vereinigung wisse von der Unterversorgung. In der Tat – doch von der aktuelle Problematik wusste Dr. Martin Junker von der Bezirksstelle der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) Lüdenscheid nichts. „Mir ist nicht bekannt, dass die Ärztin eine Nachbesetzungsfrist beantragt hat“, so Junker. Aber dass es überall eng würde, komme nicht überraschend.

Im Gegenteil: „2011 bin ich an sämtliche Kommunen unserer Bezirksstelle herangetreten. Ich tingele seit Jahren durch sämtliche Rathäuser. Wir können uns den Nachwuchs nicht aus den Rippen schneiden und die Politik lässt uns im Stich“, sagt Dr. Martin Junker.

Man müsse sich mit allen Leuten vor Ort zusammensetzen. In Attendorn habe sich beispielsweise ein runder Tisch gebildet. Und: Man brauche einen Kümmerer in der Stadt oder der Gemeinde, „der das aktiv angeht. Welche Angebote kann man machen? 70 Prozent sind weibliche Absolventen. Die haben auch Lebenspartner, die einen Job suchen“, sieht Dr. Martin Junker alle in der Pflicht, mitzuhelfen – auch die Industrie. Man könne die Situation, die man 15 Jahre sträflich ignoriert habe, nicht allein der Kassenärztlichen Vereinigung als Aufgabe anlasten.

Doch zurück zu Sylvia Becker. Die Arbeit in Nachrodt hat ihr immer Freude gemacht. „Und die Patienten sind mir ans Herz gewachsen“, sagt die 60-Jährige, die zwei erwachsene Kinder und zwei Enkelkinder hat. In ihre Fußstapfen wollten die Kinder nicht treten – „jeder muss seinen eigenen Weg finden“, lacht die Hausärztin, die – wie sie sagt – eine gutgehende Praxis übergeben kann.

 „Es ist auch nicht so, dass ein Hausarzt 24 Stunden mit hechelnder Zunge durch die Prärie rennt“, schmunzelt Sylvia Becker. Auch seien Notdienste und Bereitschaftsdienste gut geregelt. Hinzu komme, dass es Fördergelder der Kassenärztlichen Vereinigung gebe, wenn sich ein Hausarzt für Nachrodt-Wiblingwerde entscheiden würde. Eigentlich, so sagt Sylvia Becker, spricht alles für die Doppelgemeinde und die Praxis an der Kirchstraße. Die Lage ist gut, die Menschen sind sympathisch. Und in kurzer Zeit ist man in der Großstadt, wenn man mag.

 Sie selbst wird übrigens mit ihrem Mann die Gemeinde verlassen. „Wir ziehen nach Neuss“, erzählt die Hausärztin, die auch ursprünglich aus dem Rheinland kommt. Dass es eventuell problematisch sein wird, Haus und Praxis gemeinsam zu verkaufen, ist ihr durchaus bewusst. „Man muss für alles offen sein“, denkt Sylvia Becker auch über mögliche Alternativen nach.

Im Moment ist noch keine Zeit, auf die 22 Hausarzt-Jahre in Nachrodt zurück zu blicken. Aber ein Erlebnis erzählt sie dann doch: „Ein vierjähriger Junge hatte eine Zecke am Hoden. Er guckte mich skeptisch an und sagte: ‘Du Frau Becker, ich habe eine Zecke am Sack. Du bist doch vorsichtig.“

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