Petra Hübchen: Vorsitzende des Sozialverbandes hat Schicksalsschläge verkraftet

Petra Hübchen (links) mit ihrer Freundin Ines. Sie hilft ihr unter anderem auch mit Reiki. Foto: Fischer-Bolz

Nachrodt-Wiblingwerde - Fühle ich mich wertvoll? Oder definiere ich mich darüber, was ich nicht kann? „Ines hat mir beigebracht, um Hilfe zu bitten“, sagt Petra Hübchen. Die Vorsitzende des Sozialverbandes Nachrodt-Wiblingwerde hat so viele Schicksalsschläge verkraftet, dass es für mehr als ein Leben reicht. Und doch: Sie ist ein glücklicher Mensch, strahlt Mut und Zuversicht aus und schafft es, anderen Menschen zu helfen, denen es noch schlechter geht.

Petra Hübchen hat eine Hemiparese – eine unvollständige Lähmung der rechten Körperseite. Sie geht langsam und vorsichtig am Arm ihrer Freundin Ines. Und lacht über das ganze Gesicht. „Ich bin nicht verbittert“, sagt die 57-Jährige, die nach einem zweiten Schlaganfall komplett aus dem Leben gerissen wurde. „Ich hatte nie Zeit, stand ständig unter Strom. Jetzt ist die Stromzufuhr abgerissen.“ Ihr Lachen wirkt nicht aufgesetzt, nicht unwirklich.

Petra Hübchen ist dankbar. Dankbar, dass sie überlebt hat, dankbar, dass sie Menschen um sich hat, die für sie da sind. Und das ist nicht selbstverständlich. „Menschen können nicht so gut mit Krankheit umgehen“, sagt Petra Hübchen. Und so bleiben irgendwann die Freunde weg. So bleibt irgendwann das Telefon still. So steht die Einsamkeit vor der Tür.

Geborgenheit in Veserde

Petra Hübchen lebt jetzt in Veserde und fühlt sich dort sehr wohl, sehr geborgen. Nur steckt sie „dort oben“ fest. An Autofahren ist nicht mehr zu denken. „Und mein Mann muss mir alles abnehmen. Ich kann gerade mal noch kochen. Obwohl ich eine Stunde brauche, um eine Kartoffel zu schälen. Aber ich habe ja Zeit.“

Erste Krebserkrankung mit 23

Das Unheil nahm seinen Lauf, als Petra Hübchen gerade 23 war. Sie war verheiratet, hatte zwei kleine Kinder und erkrankte an Brustkrebs. „Ich war die erste Patientin in Deutschland, die einen Brustaufbau mit Silikon bekam“, erzählt sie. Doch aufgrund einer Unverträglichkeit des Silikons musste sie weitere 15 Mal operiert werden.

Ablehnung durch den ersten Ehemann

„Weinen und Schreien hätten mir damals sicher gut getan, aber ich habe das nicht gekonnt. Ich bin nach dem Motto erzogen worden: Was ist, das ist. Frag nicht, nimm es hin.“ Und so nahm sie vieles hin – auch die Ablehnung ihres Mannes, der ihren Körper schrecklich, mehr noch: ihn sogar ekelig fand. „Trotz Demütigungen war mir die Ehe heilig“, erinnert sich Petra Hübchen an eine sehr, sehr schwere Zeit. Chemo, Bestrahlungen: Das Leid drückte sich auch optisch aus. „Das Schlimmste war, dass mir auch die Zähne ausfielen.“ Die Haare kamen zwar wieder – aber nicht im ganzen Umfang. Eine Nachwirkung bis heute.

Scheidung vor der Silberhochzeit

Petra Hübchen wurde zwei Tage vor ihrer Silberhochzeit geschieden. Aber die gesundheitlichen Einschläge nahmen kein Ende. 2006: Gebärmutterhalskrebs. „Und doch habe ich einfach weitergemacht, als wäre nichts gewesen.“ Im Verdrängen war Petra Hübchen geschult.

„Die Quittung dafür bekam ich am 19. September 2012. Ich hatte einen Schlaganfall, wollte es aber nicht wahrhaben und bin mit hängendem Arm zur Arbeit gegangen. Eine Woche später hatte ich den zweiten Schlaganfall. Meine Tochter hat mich nach Hellersen gebracht und die haben mich gleich einkassiert.“

Die schlimmsten vier Stunden ihres Lebens

Ein Ultraschall an der Halsschlagader brachte die nächste Hiobsbotschaft: Binnen der nächsten 36 Stunden würde ein dritter Schlaganfall passieren. Petra Hübchen wurde sofort operiert. „Bei vollem Bewusstsein. Das waren die schlimmsten vier Stunden meines Lebens.“

Petra Hübchen glaubt an Schicksal. Nicht mehr an Gott. „Dafür ist zu viel passiert.“ Aber sie glaubt auch an die Menschen. An ihre Freundin Ines zum Beispiel, die sie vor eineinhalb Jahren durch den Sozialverband kennengelernt hat und die ihr mit Reiki hilft. „Natürlich gehe ich auch zur Physiotherapie. Aber Reiki löst die emotionalen Blockaden“, vertraut Petra Hübchen der alternativen Heilmethode.

Der zweite Mann, der wichtigste Mensch

Der wichtigste Mensch für die Veserderin ist aber ihr zweiter Mann Andreas. Sie hat sich seinen Namen mit einem Teufelchen auf die Brust tätowieren lassen. „Wenn ich irgendwann sterbe, dann nimmt man mir den Schmuck ab. Aber das Tattoo mit seinem Namen kann mir keiner wegnehmen.“

Tiefe Täler des Kummers und der Angst hat Petra Hübchen durchschritten. Seit zwei Jahren ist sie Vorsitzende des Sozialverbandes der Gemeinde. „Und es ist mir eine Ehre, dieses Ehrenamt zu haben. So kann ich anderen helfen, denen es noch schlechter geht als mir.“

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