Jahrelange Freundschaft

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Die Knobelrunde an ihrem (neuen) Stammplatz in der „Rastatt“. Die Männer spielen mit einem Bierdeckel-System. Wer durch zu viele verlorene Partien die meisten Deckel angehäuft hat, bezahlt die nächste Runde.

Nachrodt-Wiblingwerde - Stammgäste der Rastatt kennen das Geräusch gut: Kräftig schlägt der Würfelbecher auf, dem folgen Laute der Freude oder Enttäuschung. Immer freitags um 18 Uhr trifft sich der älteste Knobelstammtisch der Gemeinde zum Schocken. Seine Anfänge hatte er vor 50 Jahren in Emil Bobrowskis Bergschänke in Einsal.

Von Szenerien, wie sie noch in den 60er Jahren üblich waren, können manche Kneipenwirte nur noch träumen: In Dreierreihen standen die Gäste am Tresen und wenn viel geraucht wurde, dann erkannte man sich nur an der Stimme.

Die Spieler allerdings nahmen am Tisch Platz: Karten, Würfel und Geselligkeit haben sie bis heute zusammengehalten. So schildert es Heinz, der von allen Mitspielern ,,Der Präsident” genannt wird und als einer der dienstältesten Knobler viel erzählen kann aus den Gründungstagen des Stammtischs.

Bei ,,Schlegel-Emil”, der seinen Spitznamen wegen der von ihm ausgeschenkten Biermarke weg hatte, kehrte man mittwochs, freitags und sonntags ein. ,,So haben wir uns gefunden”, berichtet die Knobelrunde. Damals wurde am Tisch auch noch Skat gekloppt, später kristallisierte sich das Knobeln als bevorzugter Zeitvertreib heraus.

Die Männer spielen mit einem Bierdeckel-System. Wer durch zu viele verlorene Partien die meisten Deckel angehäuft hat, bezahlt die nächste Runde. Zu Geld ist die Spielgemeinschaft deshalb auch nie gekommen.

Es gibt Stammtische, die ihre Einsätze für eine schöne Fahrt im Jahr sparen - solche Ambitionen haben Heinz, Rudi, Peter, Hans-Peter, Hans-Werner, Josef-Peter und Rainer nicht. Sie bilden heute den harten Kern, des Öfteren kommen auch Gastknobler hinzu.

,,Wir quatschen eben auch gerne. Früher über Sport und Politik, jetzt über Krankheit, Sport und Politik. Die Reihenfolge bleibt”, berichten die Herren schmunzelnd. Jünger geworden ist ja schließlich keiner von ihnen…

Mit großem Bedauern verließen sie 2005 ihr altes Stammtischdomizil, als dieses geschlossen wurde. Die Rastatt wurde vom Ausweichquartier zur neuen Stammkneipe, längst sind die Knobler hier zuhause. Heute trifft man sich noch einmal pro Woche, dann aber für mindestens zwei Stunden Spielzeit.

Weil die Runden ergebnisorientiert gespielt werden, mal ganz kurz oder lang ausfallen, ist die Menge gewonnener Biere variabel. ,,Wir sind aber vernünftig. Am Ende des Abends rufen wir immer ein Taxi, das uns sicher nach Hause bringt.”

Eine eiserne Regel haben die Knobler in 50 Jahren immer befolgt: Politik darf Thema sein, aber niemals parteipolitische Animositäten. Das hat seinen Grund: Alle im Nachrodter Rat vertretenen Fraktionen finden sich in der Spielgemeinschaft. Nichts, was Sozial- und Christdemokraten oder die UWG einst im Rat geärgert hat, wurde je am Knobeltisch ausgetragen.

Überhaupt war’s immer friedlich in Nachrodt, auch in der Kneipenszene: ,,Kloppereien hat’s da nie gegeben.” Mit Bedauern wahrgenommen wurde das Kneipensterben: ,,Schlegel-Emil” war nicht der einzige Wirt, dessen Ortsteilkneipe keinen Nachfolger fand. Das waren schon einschneidende Veränderungen in der Gaststättenlandschaft, von der eine aber begrüßt wird: ,,Das Rauchverbot finden wir gut”, erklärt die Runde. Mit gesunder Lunge hoffen die Herren, noch ein paar Jahrzehnte durchzuhalten…

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