Eine Hecke, viel Theater und die Arbeit als Schiedsmann

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Klaus-Dieter Jacobsen war elf Jahre Schiedsmann in Nachrodt. Jetzt gibt er sein Ehrenamt ab.

Nachrodt-Wiblingwerde - Es geht um Maschendrahtzäune, um krähende Hähne, zu laute Bobbycars und vor allem um Hecken und Büsche. Wenn sich Nachbarn nicht grün sind, dann sehen sie rot. Knallrot zuweilen. Man könnte sich Stefan Raabs Kult-Hit rund um den Knallerbsenstrauch einfach in Nachrodt vorstellen – und landet bei sehr interessanten Geschichten. Oder besser: bei sehr traurigen Geschichten. Denn es ist vor allem eines für die Beteiligten: eine mittlere Katastrophe, eine Leidensgeschichte. Einer, der elf Jahre lang geschlichtet hat, ist Klaus-Dieter Jacobsen. In diesen Tagen gibt er sein Amt als Schiedsmann in Nachrodt ab.

Niemand kann in Frieden leben, wenn es dem Nachbarn nicht gefällt. „Das größte Problem ist, dass die Menschen nicht miteinander reden“, sagt Klaus-Dieter Jacobsen. Und so kann eine Hecke, die zu hoch gewachsen ist oder in den Garten des Nachbarn ragt, das Fass des Unmutes über den anderen zum Überlaufen bringen.

Eine Hecke, viel Theater: „Der Antragsteller meldet sich dann bei mir“, erklärt der Nachrodter das formelle Verfahren, bei dem genau geregelt ist, welche Schritte eingehalten werden müssen. Der Antragsgegner bekommt eine Einladung zum Schlichtungstermin. „Die habe ich meist persönlich vorbei gebracht und übergeben und mir vor Ort schon einmal das Problem angesehen.“

Das Treffen findet sodann im Amtshaus statt. „Im besten Fall wird das Begehren – also zum Beispiel das Schneiden der Hecke – als richtig anerkannt, man einigt sich darauf, dass die Hecke zweimal im Jahr geschnitten wird. Es gibt ein Protokoll, das verlesen wird, jeder erhält eine Ausfertigung und der Vergleich ist geschafft.“ Im besten Fall. „Früher ist das auch öfter passiert“, sagt Klaus-Dieter Jacobsen.

Heute dagegen ist der Schlichtungsversuch oft von Erfolglosigkeit geprägt – und so prägnant ist dann auch das Ergebnis, das in einer „Erfolgslosigkeits-Bescheinigung“ niedergeschrieben wird. Diese benötigt man, um den weiteren Weg am Gericht einzuschlagen.

„Es ist schon ein sehr interessantes Ehrenamt“, blickt Klaus-Dieter Jacobsen zurück, der aufgrund seines Berufs als Leiter der Lehrwerkstatt der SIHK das Ehrenamt zeitlich nicht mehr schafft. „Ich bin einfach zu wenig vor Ort“, erklärt er. Im Schlichtungs-Dauerlauf befand Jacobsen sich indes nicht: Bei etwa vier bis sechs Fällen im Jahr halten sich die Streitigkeiten in Nachrodt in Grenzen. Und manchmal lösen sich die Probleme auch in Wohlgefallen auf.

Als ein Hahn ständig zur Unzeit krähte, wurde der Schiedsmann bestellt. „Die Anregung war, ein Protokoll zu führen, wann der Hahn denn kräht“, schmunzelt der Schiedsmann. „Doch bevor es dazu kam, war der Hahn plötzlich verschwunden.“ Nicht überliefert ist, ob das Federvieh in einem Topf gelandet ist. Tatsächlich war der Grund des „Übels“ verschwunden. Was normalerweise selten vorkommt.

Oftmals haben sich zwischenmenschliche Probleme über Jahre aufgebaut. „Als du vor 30 Jahren gebaut hast, habe ich die Lastwagen auch über mein Grundstück fahren lassen und jetzt stellst du dich wegen einer Hecke an“, erzählt Klaus-Dieter Jacobsen von aufgestauter Wut.

Streithähne gebe es übrigens in allen Altersklassen. Und auch zwischen den unterschiedlichen Kulturen. „Bevor es zum Gericht geht, versuchen wir eine Lösung zu finden.“ Und so saß Klaus-Dieter Jacobsen immer zwischen den Fronten, und auch ganz körperlich beim Schlichtungstermin zwischen den Kontrahenten. „Dann ist auch das aktive Zuhören wichtig. Jeder lässt den anderen ausreden“, erklärt er die Strategie. Dass er selbst „angepflaumt wurde“, kam auch schon vor. „Und das brauche ich so auch nicht“, sagt der 55-Jährige, der mit seinen eigenen Nachbarn keinen Streit bekommen kann. „Hinten ist der Friedhof“, lacht der Vater dreier Töchter. Und mit seinem direkten Nachbarn ist er schon in den Kindergarten gegangen.

Warum sich die Streitkultur im Laufe der Jahre geändert hat, warum es weniger Möglichkeiten der Schlichtung gibt, erklärt Klaus-Dieter Jacobsen so: „Heute sind die Menschen gestresster. Kommen sie von der Arbeit nach Hause, können sie oft nicht so runterfahren wie früher. Man ist heute nachtragender. Man schaut, ob der andere wieder etwas falsch macht. Und agiert nach dem Motto: Das muss ich mir nicht gefallen lassen.“

Und so kann selbst ein Bobbycar zum Zankapfel mutieren. Als Kinder mit dem Gefährt immer wieder durch die Straße brausten, wurde der Schiedsmann eingeschaltet. Der fand heraus, dass es auch andere Räder für das Gefährt gibt.

Wie sich die Geschichten nach der Schlichtung – ob erfolgreich oder nicht – weiterentwickeln, weiß der Schiedsmann nicht. „Ich verfolge das nicht aktiv“, sagt Klaus-Dieter Jacobsen, der auch seit 2004 im Rat der Gemeinde sitzt. Das Dienstsiegel und die Protokolle gibt er an seine Nachfolgerin Heidemarie Langmesser.

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