Interview mit Werner Griesel

Existenzsorgen beim MGV Frohsinn: Was tun gegen Sängerschwund?

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Werner Griesel.

Nachrodt-Wiblingwerde - Er ist Realist. Und als solcher sieht er die Anzahl der Sänger immer weiter schrumpfen. In zehn Jahren könnte der MGV Frohsinn Geschichte sein. Wenn, ja wenn nicht entweder ein Wunder geschieht, man neue Wege finden kann oder plötzlich das deutsche Liedgut nicht mehr als altbacken gilt. Im Interview mit dem Altenaer Kreisblatt spricht Werner Griesel, stellvertretender Vorsitzende des MGV Frohsinn und Bezirksvorsitzender für Altena und Nachrodt-Wiblingwerde im Sängerkreis Lüdenscheid, über Zukunftssorgen, Ideen und über Helene Fischer.

Der MGV „Frohsinn“ wurde 1904 gegründet – jetzt höre ich von allen Seiten, dass dringend Nachwuchs gesucht wird. Hat man Sorge um die Existenz?

Werner Griesel: Wir hatten vor zwölf Jahren noch 46 aktive Sänger. Da hatten wir unser 100-jähriges Bestehen. Heute haben wir nur noch 23. Und damit ist Ihre Frage schon beantwortet. Was wird in zehn Jahren sein? Ehrlicherweise muss ich sagen: Gewisse Existenzängste bestehen durchaus. Unser Durchschnittsalter liegt bei 72, der jüngste Sänger ist 58 Jahre, der älteste 80.

Der Männerchor Verse-Ahetal hat sich nach 133 Jahren in diesen Tagen aufgelöst. Wenn Sie das hören, nehmen Sie das mit Schrecken zur Kenntnis?

Werner Griesel: Das nehme ich nicht unbedingt mit Schrecken zur Kenntnis, aber das spiegelt die Realität wider. Für einen Gesangverein stellt sich die Existenzfrage, wenn man nicht mehr auf Nachwuchs zurückgreifen kann.

Was ist so schön beim MGV Frohsinn zu singen? Seit wann sind Sie dabei?

Werner Griesel: Ich bin als 23-Jähriger eingetreten, habe dann einige Monate aktiv gesungen. Als ich 1999 pensioniert wurde, bin ich wieder eingestiegen und habe seither auch in der Vorstandsarbeit mitgemacht. Es ist die Gemeinschaft und die Freude am Singen, die den MGV Frohsinn auszeichnet. Und man behauptet ja, dass jeder singen kann (lacht).

Ich kann nicht singen.

Werner Griesel: Ja (lacht). Es gibt wirklich Leute, die nicht singen können und die sollten dann auch nicht als Chorsänger auftreten. Denn dann würde man bei irgendwelchen Wettbewerben oder Freundschaftssingen doch auffallen. Und das schürt auch den Unmut bei anderen Sängern.

Wenn jetzt einer dazwischen ist, der nicht singen kann, verkraftet das ein Chor?

Werner Griesel: Man versucht ihn mitzutragen. Es besteht aber die Gefahr, dass bei dem Nichtsänger manchmal die Pferde durchgehen - und das hört man.

Wenn man neu in den Chor kommt...

Werner Griesel: ...muss man nicht vorsingen. Ich wusste, dass die Frage kommt (lacht). Wenn er absolut nicht singen kann, zieht er selbst die Konsequenzen.

Chorlieder aus den Bereichen Volksmusik, Oper, Operette und Musical, Werke alter Meister und geistliche Musik sind im Repertoire. Ist das noch zeitgemäß? Um junge Menschen zu locken, müsste man vielleicht mehr in den Popbereich gehen?

Werner Griesel: Die deutschen Männergesangvereine widmen sich in erster Linie dem Volkslied. Darüberhinaus den Sachen, die Sie erwähnt haben. Damit kann man keinen Nachwuchs anlocken. Die wollen die Toten Hosen, AC/DC, Rammstein. Natürlich übertreibe ich hier ein bisschen. Der deutsche Chorgesang ist auf jeden Fall nicht darauf ausgelegt. Man könnte jetzt versuchen, sich anzupassen, oder es so machen wie Heino, der in Wacken auftritt. Ob das der Königsweg ist, bezweifel ich aber.

Aber es gibt ja auch deutsche Musik im Popbereich, die man singen kann.

Werner Griesel: Da haben wir Helene Fischer im Programm. „Atemlos durch die Nacht“ studieren wir gerade ein. Das können wir inzwischen. Wir pflegen eine Sängerfreundschaft zu dem Oesetaler Frauenchor aus Hemer. Alljährlich lädt er uns zum Frühlingssingen ein. Und wir werden das Lied da wahrscheinlich jetzt im März vortragen. Das spricht für uns, nicht wahr? Da kommt aber trotzdem kein Sänger dazu. Wir haben auch „Mit 66 Jahren...“ oder „Griechischer Wein“.

Die Gospel-Chöre haben einen Zulauf. Vielleicht sollte man umschwenken?

Werner Griesel: Das kann man aber nicht mit jedem Gesangverein machen. Wir müssten ja dann zunächst einen zusätzlichen Chorleiter haben, der sich dieser Idee verschrieben hat. Dann müssten wir die Werbetrommel rühren, um junge Gospelsänger in den Chor hineinzubekommen. Dann die wöchentlichen Chorproben, die Auswahl der Lieder. Da habe ich die Befürchtung, dass nach einer gewissen Zeit der Alltag einkehren und die Lust nachlassen würde. Es reicht ja nicht, in einen Gospelchor einzutreten, man muss dann auch was tun – zum Beispiel in Sachen Stimmbildung. Dann kommt später das Erwachen und dann war es wieder nichts.

Die erste Rundfunkaufnahme mit dem WDR gab es 1964. Die erste Schallplatte mit volkstümlicher und geistlicher Musik wurde 1972 produziert. Das waren die schönsten Zeiten?

Werner Griesel: Ja. Und wir haben mit dem Kammersänger Günter Wewel zusammengearbeitet. Er hat die Sendung „Kein schöner Land“ moderiert. Auf der Burg Altena ist der MGV Frohsinn in der Sendung aufgetreten. Das war ein Highlight.

2004 wurde die vorerst letzte CD aufgenommen. Jetzt haben wir das Jahr 2016 – warum gab es keine weitere Aufnahme?

Werner Griesel: Es ergab sich nicht. Aber vielleicht können wir das während der nächsten Jahreshauptversammlung am 30. Januar mal ansprechen. Um sich mal wieder in Erinnerung zu rufen.

Der MGV Frohsinn steht mit dem Nachwuchs-Problem nicht alleine da. Soll man jetzt warten, bis das Aus nicht mehr abzuwenden ist, oder was haben Sie für Ideen?

Werner Griesel: Ich gehe zunächst mal vom status quo aus und stelle fest, dass sich die Existenzfrage spätestens in zehn Jahren stellen wird. Also frage ich mich zunächst einmal, ob wir in der Vergangenheit genug getan haben, um Nachwuchs zu rekrutieren? Wir haben versucht, in den Familien der Sänger etwas zu tun. Die Kinder und Enkel angesprochen. Das hat alles nichts gebracht. Ich spreche aus Erfahrung: Mein Sohn hat nur ein müdes Lächeln dafür übrig. Man stößt an seine Grenzen. Dann versuchen wir bei sich jeder bietenden Gelegenheit, die Werbetrommel zu rühren. Da ist es in den letzten zehn Jahren gelungen, zwei/drei jüngere Sänger zu motivieren. Die waren aber nach ein/zwei Jahren wieder weg. Die haben dann andere Interessen. Dann gibt es die berühmten Freundschaftssingen. Bei der Gelegenheit ist auch die Presse da – und auch dann hoffen wir, dass sich Leute bewerben. In jeder Veranstaltung wird darauf hingewiesen, dass der Chor immer donnerstags ab 19.30 Uhr in der Rastatt probt. Kommt doch bitte. Resonanz? Gleich null. Wir hatten jetzt in der ev. Kirche am dritten Advent ein Weihnachtskonzert. Wir geben sehr jungen Leuten die Gelegenheit, dort aufzutreten. Und doch habe ich nicht viele junge Leute in der Kirche gesehen. Ich will sagen: Man kann machen, was man will, es fruchtet nichts. Es ist hart, aber es ist so.

Wäre es eine Idee, aus dem MGV Frohsinn einen gemischen Chor zu machen? Frauen singen gern.

Werner Griesel: Das ist eine gute Frage. Es wäre eine Möglichkeit, die man wirklich mal unter die Lupe nehmen müsste. Das geht wahrscheinlich nur über den Weg, dass man die Frauen der Sänger animieren würde. Wenn das gelingen könnte, dann wäre es ein Weg. Bezogen aber auf den gemischten Chor: In Veserde hatte der MGV Eintracht Veserde einen gemischten Chor gegründet. Heute existiert er auch nicht mehr – in erster Linie wohl aus Altersgründen. So ein Schicksal könnte uns auch passieren.

Es gibt den MGV Wiblingwerde. Eine Fusion wäre vielleicht eine Chance?

Werner Griesel: Die beiden Chöre sind durchaus vergleichbar. Ich könnte mir schon vorstellen, dass irgendwann einmal diese Frage erörtert werden müsste.

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