Nach 35 Jahren "der richtige Zeitpunkt"

Fraktionsvorsitz abgegeben: Peter Herbel im großen Interview

Peter Herbel gibt nach 35 Jahren den CDU-Fraktionsvorsitz ab.

Nachrodt-Wiblingwerde - Er wollte nie so lange warten, bis alle sagen „Gott sei Dank“. Und so findet Peter Herbel, dass jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen ist, sich als Fraktionsvorsitzender der CDU zurückzuziehen. Nach 35 Jahren. Eine kleine Ewigkeit in der Kommunalpolitik, die er sogar schon 40 Jahre mitgestaltet. Zum 1. Januar übernimmt Lars Wygoda den Fraktionsvorsitz.

Für das Altenaer Kreisblatt sprach Redakteurin Susanne Fischer-Bolz mit Peter Herbel über Freundschaften und Flüchtlinge, über Kollegen und Kommunales, über Gefühle und Gemeinheiten.

Bei der Ratssitzung am Dienstag haben Sie das erste Mal nach 35 Jahren nicht die Haushaltsrede gehalten. War das ein komisches Gefühl?

Peter Herbel: Nein, ich war ja darauf vorbereitet, denn der Lars Wygoda, der ab Januar Fraktionsvorsitzender ist, muss ja mehr mit dem Haushalt leben als ich. Das war für mich eine ganz normale Geschichte.

Hat er das gut gemacht?

Peter Herbel: Das hat er ausgezeichnet gemacht.

Sie geben den Fraktionsvorsitz ab. Warum eigentlich? Man hat das Gefühl, dass Sie noch lange nicht müde sind, in der Kommunalpolitik mitzumischen.

Peter Herbel: Das nicht, aber das hatten wir nach der Kommunalwahl so vereinbart. Es war mein Wunsch, das Amt in jüngere Hände abzugeben. Mir hat die Arbeit immer Spaß gemacht, aber man muss sich darüber im Klaren sein, dass man nicht so lange warten sollte, bis alle sagen „Gott sei Dank“.

35 Jahre als Fraktionsvorsitzender, 40 Jahre im Rat. Das kann man nicht kurz zusammenfassen. Aber was waren die einschneidendsten Erlebnisse als Fraktionsvorsitzender, was war bedrückend, was besonders erfreulich?

Peter Herbel: Das ist schwer zu beantworten. Was für mich besonders bedrückend war, war der frühe Tod von Friedhelm Schröder. Den Fraktionsvorsitz zu führen, ist keine vergnügungspflichtige Angelegenheit.

Warum nicht?

Peter Herbel: Weil es immer wieder unterschiedliche Meinungen auch in der Fraktion gibt, und man muss die Meinungen zusammenführen, um zu einem einheitlichen Bild zu kommen.

Ist das auch oft nicht gelungen?

Peter Herbel: Ich meine, dass es mir weitgehend gelungen ist.

Die Rahmenbedingungen haben sich sehr geändert – macht es trotz leerer Kassen noch Spaß, Kommunalpolitiker zu sein?

Peter Herbel: Der Spaß hält sich in Grenzen, vor allen Dingen immer dann, wenn die Kassen leer sind und man wenig bewegen kann. Unser Ziel ist es heute, die Gemeinde lebensfähig zu erhalten. Das bedeutet, dass man auf allen Gebieten tätig werden muss, um zu Einsparungen zu kommen.

Bitte vervollständigen Sie die Sätze: Immer in der ersten Reihe zu stehen, war...

Peter Herbel: ... nicht immer ganz so einfach.

Am meisten fehlen wird mir als Fraktionsvorsitzender...

Peter Herbel: ...dass ich nicht mehr so viele Informationen bekomme wie sonst.

Am häufigsten wurde mir vorgeworfen, dass...

Peter Herbel: ... ich eine autoritäre Ader habe.

War das zutreffend?

Peter Herbel: Nicht immer (lacht).

Am besten konnte ich...

Peter Herbel: ...Meinungen der Fraktion zusammenfassen und wiedergeben.

Geirrt habe ich mich...

Peter Herbel: ...oft. Es waren mit Sicherheit eine Menge Irrtümer dabei. Denn wer nichts tut, der kann sich auch nicht irren.

Nachrodt-Wiblingwerde ist für mich...

Peter Herbel: ...meine Heimatgemeinde, die ich über alles liebe.

Die Flüchtlingskrise ist...

Peter Herbel: ...eine ganz schwierige Angelegenheit. Ich glaube auch, dass das irgendwann an die Wand knallt. Dieser ungehinderte und rasante Zuzug. Die Leute sind nicht, wie sich das manche so vorstellen, einfach zu integrieren. Und ich stelle mir die Fragen: Wo will man die Arbeitsplätze hernehmen und wie soll man den Wohnraum schaffen? Das sind Dinge, die mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden sind. Mir tun besonders die Kinder in der Seele leid. Aber seltsam finde ich, dass viele junge Männer kommen, die ihre Familien im Kriegsgebiet zurücklassen. Ich würde das nicht tun.

Glauben Sie, dass das Thema Flüchtlinge Angela Merkel die nächste Wahl kosten wird?

Peter Herbel: Das glaube ich nicht. Aus dem ganz einfachen Grunde: Wer könnte Frau Merkel denn nachfolgen?

Herr Gabriel...

Peter Herbel: Eher nicht (lacht). Angela Merkel verfügt trotz allem noch über hohes Ansehen, obwohl ich ihre Entscheidungen in der Flüchtlingsfrage für falsch gehalten habe und weiterhin für falsch halte.

Wenn es ein Referendum zur Flüchtlingsfrage geben würde, was würde da Ihrer Meinung nach entschieden werden?

Peter Herbel: Wenn man die Bevölkerung objektiv aufklären würde, dann würde sich eine Mehrheit gegen diese große Anzahl von Flüchtlingen wenden. Es ist für mich eine Selbstverständlichkeit, dass man Menschen, die in Not geraten sind, helfen muss. Aber so wird es zu viel. Das kann ein Land nicht verkraften.

Sind denn die Menschen nicht aufgeklärt?

Peter Herbel: Nein. Wenn man Talkshows anguckt, dann gibt es zwar auch widerstreitende Meinungen, aber im Grunde genommen wird doch die Meinung verbreitet, dass wir das schaffen, das packen. Mittlerweile allerdings hört man auch schon differenziertere Aussagen, auch von namhaften Leuten.

Wird man bei kritischen Tönen nicht gleich in die rechte Ecke gestellt?

Peter Herbel: Es ist durchaus in Deutschland weit verbreitet, gleich die Nazi-Keule zu schwingen. Ich habe das ja am eigenen Leibe oft erfahren müssen. Nur was mich persönlich betrifft: Wenn die Nazi-Keule geschwungen wurde, dann waren das Leute, die ich nicht ernst nehme. Bei uns in Nachrodt sagt man zu ihnen: Weihnachtsmänner.

Die NPD-Zeit wird Ihnen heute noch vorgeworfen. War das Ihr größter Fehler, in der NPD gewesen zu sein?

Peter Herbel: Damals, als ich Mitglied geworden bin, war die NPD eine gänzlich andere Partei. Sie war eine national-konservative Partei. Ich habe geglaubt, dass so eine Partei in Deutschland einmal Fuß fassen sollte. Die Partei hat sich aber im Nachhinein anders entwickelt. Nach der Landtagswahl 1979 hat man alles aufgenommen, was Mitglied werden wollte – und da waren welche dabei, die zu Parteiversammlungen kamen als würden sie ins Infanteriegefecht ziehen. Die Partei hat sich weiter militant entwickelt und aus diesen und vielen anderen Gründen habe ich die NPD verlassen.

Zurück nach Nachrodt. Sie sind zwar nicht mehr Fraktionsvorsitzender, aber dennoch weiter Ratsmitglied. Ich kann mir kaum vorstellen, dass Sie in Sitzungen nichts mehr sagen. Wird es Ihnen schwer fallen, sich zurück zu halten?

Peter Herbel: Nein. Als Mitglied des Rates, also bis 2020, werde ich auch mit Sicherheit mit meiner Meinung nicht hinterm Berg halten. Ich habe nicht die Absicht, in Schweigen zu verfallen. Eines ist klar: Meiner Fraktion und dem Fraktionsvorsitzenden gegenüber werde ich mich immer loyal verhalten.

Apropos Ihre Meinung: Was sagen Sie zu der Eskalation in Wiblingwerde, wo ein junger Bäcker sein Geschäft aufgeben musste?

Peter Herbel: Da kann ich nur kurz und knapp sagen: Mit einem solchen Querulanten, wie Herr Steltzner ist, kann kein Mensch klar kommen. Da ist auch in Wiblingwerde noch nie jemand mit klar gekommen.

Was kann Lars Wygoda von Ihnen lernen?

Peter Herbel: Ich glaube, er muss sich als Fraktionsvorsitzender selber entwickeln. Wenn ich ihn unterstützen kann, dann tue ich das natürlich. Aber ob er von mir lernen kann, das weiß ich nicht. Man sollte sich auch nicht überschätzen. Lars Wygoda will mich mit Sicherheit nicht kopieren.

Warum interessieren sich so wenig Leute für Politik, für Kommunalpolitik noch weniger?

Peter Herbel: Das ist wirklich schade. Man hat bei Kommunalwahlen große Probleme, alle Wahlkreise mit guten Leuten zu besetzen. Bis jetzt ist es uns immer noch gelungen, aber es wird von Wahl zu Wahl schwieriger. Warum? Das hängt damit zusammen, dass alles geregelt wird. Und eines muss man auch klar sagen: Wenn einer oder eine einen Job hat, dann ist er oder sie auch gewaltig eingespannt. Dann fehlt oft auch die Zeit, Kommunalpolitik zu betreiben.

Gibt es viele Freundschaften in der Politik?

Peter Herbel: Nein. In der Politik gibt es wenig Freundschaften. Da gibt es Parteifreunde und die Fraktionskollegen, aber die werden in den seltensten Fällen zu Freunden. Den einzigen wirklichen Freund, den ich hatte, war Friedhelm Schröder. Ich war mit ihm von 1973 an ständig in Kontakt. Da bin ich in den Vorstand gewählt worden, war 42 Jahre Mitglied, davon 36 Jahre stellvertretender Vorsitzender. Und eine wirkliche Freundschaft hat zwischen mir und Friedhelm Schröder bestanden, obwohl wir längst nicht immer einer Meinung waren. Aber wir haben uns gegenseitig respektiert. Und wir konnten uns auch die Meinung sagen, ohne dass einer beleidigt war.

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