Rüdiger Grote wird heute 65 Jahre alt – „schon komisch“

Nachrodt-Wiblingwerde -  " Lehrer haben vormittags recht und nachmittags frei. Es gibt 1000 Witze über sie und ebenso viele Klischees. Oft werden sie einfach Pauker genannt. Doch es gibt auch die ganz anderen – die Lichtgestalten. Wie Rüdiger Grote. Heute (Mittwoch) wird der Leiter der Albert-Schweitzer-Hauptschule 65 Jahre alt. „Das ist wirklich komisch“, sagt er – und findet sich eigentlich gar nicht „so alt“. Dass er sehr bald, nämlich am 8. Juli, in den Ruhestand geht und gleichzeitig seine Schule endgültig schließt, ist so merkwürdig wie leider wahr. Das AK sprach mit Rüdiger Grote über seinen Werdegang, die Hauptschule, Hobbys und über Herzensangelegenheiten.

Als 1971 die Hauptschule in Nachrodt offiziell eingeweiht wurde, haben Sie Abitur gemacht. Warum waren Sie im Internat in der Nähe von Frankfurt?

Rüdiger Grote: Weil ich in der damaligen Untersekunda auf dem Gymnasium Hohenlimburg eine Ehrenrunde drehen musste und nicht mehr dorthin wollte. Auf keinen Fall. Wegen der Lehrer. Eigentlich wollte ich gar nicht mehr zur Schule. Dann haben mich meine Eltern aufs Internat geschickt.

War das damals so ein Gefühl wie: ‘Oh je, jetzt schickt man mich in die Wüste’?

Rüdiger Grote: Am Anfang ja, hinterher habe ich mich sehr wohl gefühlt.

Sie wurden Lehrer, obwohl Sie selbst so schlechte Erfahrungen gemacht hatten...

Rüdiger Grote: Ja, ich habe mir damals geschworen, dass ich das, was ich in meiner Schulzeit erlebt habe, wie ich behandelt worden bin, so niemals an Schülern auslassen werde. Ich hoffe, dass mir das bis heute gelungen ist. Ich habe größten Wert darauf gelegt, immer alle Schüler gerecht zu behandelt.

Wussten Sie nach dem Abi, dass Sie Lehrer werden?

Rüdiger Grote: Nein, überhaupt nicht. Ich hatte ein ziemlich durchschnittliches Abitur. Am meisten interessierte mich Mathe. Ich habe dann erst mal an der Uni Bochum konstruktiven Ingenieurbau studiert, hab nach zwei Semester festgestellt, dass das für mich viel zu abstrakt und theoretisch ist und bin dann dem Rat meines Vaters gefolgt. „Werde Lehrer, du bist der richtige Typ dafür“, hat er gesagt. Ich weiß nicht, woher er das wusste. Und dann habe ich umgesattelt und bin zur Pädagogischen Hochschule in Hagen gegangen. 1975 hab ich hier an der Hauptschule angefangen, da war ich 24.

Sollte es unbedingt Nachrodt sein?

Rüdiger Grote: Nein. Ich wollte gar nicht so gern hierhin. Ich dachte: „Hier kennen mich doch alle.“ Als ich anfing, gab es um die 400 Schüler. Meine damaligen Mentoren Herr Joergens und Herr Liek haben mir sehr geholfen, Fuß zu fassen. Und ich habe gemerkt, dass es Vorteile hat, wenn man konsequent ist und auch rechtzeitig die Eltern anspricht. Wenn ich bei Problemen sagte... ‘Da muss ich mal den Vater ansprechen“, da war dann aber gleich Ruhe. Also konsequent sein und gleichzeitig auch mal ein Auge zudrücken, so dass die Schüler sehen, dass man auch menschlich ist – das ist wichtig.

Wie war Ihr Werdegang an der Schule?

Rüdiger Grote: 1985 bin ich Konrektor geworden und im Frühjahr 2008 ist Herr Padberg offiziell verabschiedet worden. Dann war ich erst kommissarischer Leiter. 2009 habe ich die Prüfung gemacht und bin dann Schulleiter geworden, erst auf Probe, dann offiziell.

Schulleiter – ist das eine Traum-Aufgabe?

Rüdiger Grote: Den Großteil war ich ja als Konrektor tätig. Ich hatte eigentlich nie vor, Schulleiter zu werden. Die Ambitionen hatte ich nicht. Als Herr Padberg aufhörte, wurde ich quasi ins Wasser geschmissen. Und es ist doch ein Riesenunterschied, ob man es allein macht oder ob einer drüber ist. Aber aufgrund der Tatsache, dass ich hier ein Topkollegium habe und vorher auch hatte, habe ich das bis heute nicht einen Tag bereut. Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich bis zum Schluss durchmache. Weil es mir Spaß macht. Man kann viel bewerkstelligen. Wir haben zum Beispiel die Schulkleidung eingeführt – das war 2009.

Es ging um das Wir-Gefühl?

Rüdiger Grote: Ja, um den Schülern zu zeigen: Hier sind wir, wir müssen uns nicht verstecken. Wir sind Hauptschüler. Aus Hauptschülern ist schon riesig etwas geworden. Wir haben mal in einer PowerPoint-Präsentation beim Tag der offenen Tür gezeigt, was aus ehemaligen Schülern geworden ist. Wir haben Meister, Techniker, Diplom-Ingenieure. Die Bürgermeisterin war eine meiner ersten Schülerinnen. Da muss sich keiner verstecken. Das wollten wir auch kundtun. Aber letztlich hat es nicht gereicht, um die Hauptschule zu erhalten.

Die Hauptschulen wurden schlecht geredet...

Rüdiger Grote: Ja, die Hauptschulen sind kaputt geredet worden. Wir haben versucht, uns zu erhalten – und das ist uns für die kleine Gemeinde sehr lange gelungen. In Spitzenzeiten gab es 400 Schüler. Jetzt sind nur noch die Klassen 9 und 10 da. Die Arbeit, die wir hier geleistet haben und noch leisten, ist so, dass Schüler, die hier die Fachoberschulreife machen, auch weiterhin bestehen können. Auch meine Kinder, Nadja und Lars, waren hier auf der Schule und haben am Berufskolleg Abitur gemacht. Jetzt sind beide auch Lehrer.

Eltern möchten ihre Kinder aber nicht mehr an Hauptschulen anmelden...

Rüdiger Grote: Ich habe von Eltern sogar gehört, dass es ihnen peinlich ist, beim Kaffeekränzchen zu erzählen, dass der Sohn an der Hauptschule ist. Das ist leider so geworden. Und dann hält man bei der größten Arbeit und bei der größten Mühe die Schule nicht aufrecht. Und letztendlich ist es gut, dass mit der Sekundarschule eine Form gekommen ist, die die Hauptschüler auch eingliedert. Die Sekundarschule tut sehr viel für einen guten Ruf.

Eltern werden immer mehr zu Hubschraubereltern. Schwierig, oder?

Rüdiger Grote: Das kenne ich hier nicht so. Ich habe noch nie Eltern erlebt, die hier ankamen und bölkten. Als ich hier anfing, waren sehr viele Mütter noch zu Hause. Diesbezüglich hat sich Gesellschaft natürlich sehr verändert. Schon sehr früh, 1990 haben wir die Ganztagsschule eingeführt, um der Gesellschaft gerecht zu werden. Die Schülerzahlen gingen damals schon zurück. Hier im ländlichen Raum sind alle Eltern aber noch ansprechbar.

Es gibt sogar ein elektronisches Klassenbuch...

Rüdiger Grote: Ja, als Eltern hat man einen Zugang, sie können sehen, welche Hausaufgaben es gibt, auch welche Noten. Man kann das Kind auch direkt entschuldigen.

Klingt ein bisschen nach Komplett-Überwachung?

Rüdiger Grote: Ach nein. Die Eltern sind ganz froh, dass sie den Stand der Dinge sehen können. Oft wissen sie nicht Bescheid. Und es wird gut angenommen. Wir machen das hier nach dem Motto: Wenn ich morgen sterbe, pflanze ich heute noch einen Apfelbaum. Bis zuletzt wollen wir den Schülern etwas bieten.

Die Hauptschule wird nicht einfach zum Schuljahresende geschlossen. Es gibt zum Beispiel eine Abschlussfahrt.

Rüdiger Grote: Es ist vom 27. Juni bis zum 1. Juli eine Fahrt nach Berlin mit allen Schülern und Lehrern und natürlich auch mit dem Berufseinstiegsbegleiter Rolf Schönenberg geplant. Der Geldbeutel der Eltern wird nicht ganz so stark belastet, weil wir Zuschüsse bekommen von Dagmar Freitag und Christel Voßbeck-Kayser. Und zusätzlich haben wir wie jede Schule noch Geld auf dem Konto – von Schulfesten zum Beispiel. Davon profitieren jetzt die letzten Hauptschüler.

Sie werden heute 65 Jahre alt. Der Ruhestand naht. Klingt komisch...

Rüdiger Grote: Das ist wirklich komisch. Ich habe auch kein Maßband, ich gehe mit ganz gemischten Gefühlen. Eigentlich fühle ich mich so, als könnte ich noch jahrelang so weitermachen. Wenn diese Schule erhalten geblieben wäre, dann wäre ich jetzt fast noch trauriger. Das hört sich blöd ab. Aber ich bin froh, dass es mit der Sekundarschule weitergeht. So schließe ich die Türen nicht ab.

Haben Sie Ängste vor dem Älterwerden?

Rüdiger Grote: Ja, die habe ich. Ich fühle mich nicht so alt. Das meiste ist aber rum und das weiß man einfach. So lange man immer noch sagen konnte: Ich habe noch das Doppelte, dann ging es noch.

Was machen Sie in Ihrer Freizeit gern, was zukünftig mehr Raum bekommt?

Rüdiger Grote: Mein Hobby ist unser Wald. Das ist für mich das Schönste, was es gibt. Auch Holz zu machen für unseren Kamin zum Beispiel. Und mein zweites Hobby ist unser Hund. Mit dem gehe ich jeden Tag drei bis vier Kilometer spazieren. Das kann ich dann noch ausbauen (lacht). Wir haben in der Nachbarschaft auch einen schönen Skatclub. Und ich habe immer gern Urlaub gemacht – seit 1983 haben wir ein Ferienhaus in Papenburg. Jetzt aber haben wir uns in den letzten Herbstferien zum ersten Mal ein Wohnmobil geliehen. Und das war einer der schönsten Urlaube, die wir je gemacht haben. Wir waren mit meinem Bruder unterwegs und sind einfach in den Norden gefahren. Das hat einen Heidenspaß gemacht. Jetzt machen wir das noch einmal. Freitag hole ich das Wohnmobil ab. Und wenn meiner Frau und mir das wieder so gut gefällt, dann haben wir fest vor, ein Wohnmobil zu kaufen.

Also nicht mit dem Flieger in die Sonne?

Rüdiger Grote: Wir haben 1973 unseren Hochzeitsflug nach Mallorca gemacht. Der Hinflug war schon eine Katastrophe. Der Rückflug noch schlimmer. Blitz und Donner, Schwankungen, das Ding ging runter und hoch. In den Lüften haben wir uns geschworen, dass wir – wenn wir heile ‘runterkommen – nie wieder fliegen werden. Und so war es dann auch (lacht).

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