Berufsjäger Heiko Cordt über das Wildschwein-Problem: "Frischlinge schießen"

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Heiko Cordt sieht sich als Anwalt des Wildes.

Nachrodt-Wiblingwerde - „Frischlinge schießen, Frischlinge schießen, Frischlinge schießen“. Da ist nach Ansicht von Berufsjäger Heiko Cordt das einzige Mittel, die Wildschwein-Population in den Griff zu bekommen.

Cordt ist in Veserde an einer Jagd beteiligt und hat noch eine weitere gepachtet. Er ist zudem aktiver Landwirt. Heiko Cordt bildet Jungjäger aus und wünscht sich übrigens ein bisschen mehr Verständnis fürs Schwarzwild. Der 50-Jährige ist zweiter Vorsitzender im Landesverband der Berufsjäger Nordrhein-Westfalen. Wir führten mit dem Berufsjäger ein Interview:

Herr Cordt, haben wir in Nachrodt-Wiblingwerde ein Wildschwein-Problem? 

Heiko Cordt: Wir haben mit Sicherheit im Moment ein Problem, teilweise hausgemacht, teilweise ist es auch nur ein Problem, das wir kurzzeitig haben. Die Wildschweine haben aktuell die besseren Karten: Eichelmast, schwache Winter und Vollmond-Phasen teilweise so, dass man nicht gut sehen konnte.

Und die Vollmond-Phasen sind ausschlaggebend? 

Heiko Cordt: Ja, denn Wildschweine sind nachtaktive Tiere. Und die Vollmondphasen waren sehr nebelig.

Wir haben mehrfach berichtet: Die Menschen sorgen sich, weil auch Wildschweine auf dem Friedhof sind oder in den Gärten... 

Heiko Cordt: Der Jäger ist zuständig für landwirtschaftliche Nutzflächen, wir sind aber nicht zuständig für Parks, Friedhöfe und Hausgärten. Wir sind nicht für alle die Sündenböcke.

Aber an wen sollen sich die Menschen denn wenden, wenn nicht an die Jäger? 

Heiko Cordt: Wir dürfen gar nicht einschreiten. Die Leute können sich an das Ordnungsamt wenden. Dann kann man das mit Jägern in Zusammenarbeit machen, keine Frage. Die Wildschweine finden im Moment absolut günstige Lebensbedingungen. Und so antworten die Tiere mit einer hohen Population.

Muss man denn Angst haben, wenn man einem Wildschwein auf dem Friedhof begegnet? 

Heiko Cordt: Nein. Wenn man den Tieren aus dem Weg geht und nicht anfängt, sie zu füttern, dann haben sie eine natürliche Scheu. Wichtig: Hunde müssen an die Leine. Und wenn Bachen mit Frischlingen unterwegs sind, darf man nicht versuchen, die Kleinen einzufangen. Was macht man gegen die hohe Anzahl der Schweine?

Heiko Cordt: Wir müssen, um den Bestand in den Griff zu bekommen, 80 Prozent Frischlinge schießen.

Aber man kann nur nachts jagen und sie sind ziemlich klein... 

Heiko Cordt:  Es gibt ja auch Frischlinge, die 15 bis 20 Kilo wiegen. Bis zu einem Jahr sprechen wir von Frischlingen. Wir Jäger müssen uns eines merken: Wenn mehrere Schweine kommen, dann müssen wir generell das Kleinste schießen. Dann können wir Nichts falsch machen und schießen die Rotten auch nicht kaputt. Ich schieße generell immer das kleinste Stück.

 Aber das ist doch eine Sekundenentscheidung, oder? 

Heiko Cordt: Nein, Sie haben durchaus Zeit, sie eine Viertelstunde zu beobachten. Kein Problem.

Aber die Überläufer darf man nicht schießen. Aber wie erkennt man sie? 

Heiko Cordt: Man darf sie sehr wohl schießen, sie haben nur eine Schonzeit. Vom 1. August bis 31. Januar ist alles an Wildschweinen frei.

Ob es die Bache ist oder nicht? 

Heiko Cordt: Wir dürfen als Jäger niemals die Mutter von den Kindern schießen. Da ist es egal, ob wir vom Schwein oder vom Fuchs oder Kaninchen sprechen. Wenn wir die Mama schießen, begehen wir eine Straftat. Wir müssen doch davon ausgehen, dass die anderen Stücke verhungern.

Vom 1. August bis 31. Januar darf man alles schießen - aber nicht die Bache? 

Heiko Cordt: Es gibt ja Bachen, die führen Frischlinge und die, die es nicht tun. Und das ist das Problem, was wir haben. Mich interessiert gar nicht, welcher Monat ist. Wenn eine Rotte kommt, dann ist es egal, welches Datum wir haben. Ich schieße das kleinste Stück. Immer.

Ist nicht der Jäger auch derjenige, der gern mal einen Keiler schießt?  

Heiko Cordt: Die sind aber nie bei der Rotte. Nehmen wir an, wir haben zehn Stücke und eine Bache ist der Chef. Wenn ich diese Bache schieße, dann kommen die anderen männlichen Stücke und decken die Kleinen. Habe ich die Führungsbache dabei, dann frischen die nicht im ersten Jahr.

Das große Problem ist doch, dass die Frischlinge schon früher geschlechtsreif sind... 

Heiko Cordt: Das ist ja das Problem. Weil sie die dicken Mamas nicht haben. Die Führungsbache gibt nämlich auch vor, wann Paarungszeit ist. Die Chefs sind immer die Mädels (lacht).

Das Problem mit der Geschlechtsreife.... 

Heiko Cordt: ...hängt damit zusammen, ob die Sozialstruktur in der Rotte funktioniert.

Aber wieso sind sie überhaupt so früh geschlechtsreif? 

Heiko Cordt: Wenn man ideale Lebensbedindungen vorfindet, dann bildet sich eine viel höhere Population. Wie bei Greifvögeln: Haben wir gute Mäusejahre, legen sie viele Eier. Haben wir schlechte Mäusejahre, legen sie nicht so viele Eier.

Herr Hohage hat vorgeschlagen, Überläufer zu bejagen... 

Heiko Cordt: Das ist der Grund meines Zorns. Wir haben Bundesländer, in denen Überläufer geschossen werden können. Dort wo sie bejagt werden, haben wir eine noch viel höhere Wildschweinpopulation. Das ist bewiesen.

Überläufer sind zwischen ein und zwei Jahre alt... 

Heiko Cordt: Und es ist eine Katastrophe, wenn sie geschossen werden dürfen. Im Sommer gibt es überall hohen Bewuchs. Gras und Getreide stehen hoch. Dann sieht man die Zitzen nicht. Die Sauen werden wie Schädlinge behandelt. Es wird geschossen – und manchmal auch leichtsinnig. Dass es passieren kann, mal ein falsches Stück zu schießen, ist klar. Aber wenn man fordert, auch Überläufer schießen zu können, ist das Ganze noch viel gefährlicher. Außerdem ist es ja so: Wir haben ja genügend Frischlinge. Wenn wir eine Population eindämmen wollen, müssen wir bei den Frischlingen anfangen. Und wenn wir vernünftige Rotten hätten, dann hätten wir auch nicht die Problematik mit den Wildschäden.

Bei der Jagdgenossenschaftversammlung wurde angemerkt, dass sich die Eigenjagdbesitzer zu wenig kümmern... 

Heiko Cordt: Ich würde den Eigenjagden nicht den schwarzen Peter zuschieben. Es gibt die eine oder andere Eigenjagd, die letztes Jahr noch nicht bei den Mittwochsdrückjagden dabei war – unter anderem, weil der durchschnittliche Deutsche nachmittags Probleme hat, zu einer frühen Uhrzeit an Ort und Stelle zu sein.

Sie waren dabei? 

Heiko Cordt: Ja, und das hat gut funktioniert. Wir gucken, wo es brennt. Wo Wildschäden sind. Wir haben hier das Problem der vielen Kyrill-Flächen, die ein ideales Versteck sind. Wir wissen nicht, wo die Tiere sind. Und sie sind satt.

Die werden nicht angelockt mit Futter? 

Heiko Cordt: Nein, das hat auch keinen Zweck. Wir haben unsere Kirrung im Wald. Letztes Jahr ist uns das sogar verschimmelt, weil die Wildschweine keinen Hunger hatten.

Ein Problem ist auch der Anbau von Mais... 

Heiko Cordt: In unserem Gebiet bleiben die Maisflächen konstant. Ich würde das nur als einen Baustein sehen und nicht zu hoch hängen. Vieles spielt eine Rolle: die milden Winter, die Eicheln, der Mais.

Ich habe den Eindruck, dass die Jäger nicht immer einer Meinung sind und unterschiedliche Vorstellungen über die Jagd haben... 

Heiko Cordt: Für mich ist es immer das Tier, dass da steht. Das eigentliche Töten ist ein relativ kleiner Teil. Letztlich macht man es aus Liebe zur Natur und zum Tier. Ich sehe mich persönlich als Anwalt des Wildes. Und in der ganzen Diskussion tut man den Schweinen auch unrecht. Wenn einer viele Schäden hat, kann er auch viele Schweine schießen. Dann hat er auch viel Wildbret. Die Wildschäden sind da, keine Frage. Die Tiere machen das aber nicht, um uns zu ärgern.

Die Liebe zur Natur, zu den Tieren... ist es so, dass man manchmal auf dem Hochsitz sitzt und denkt: ach schön. 

Heiko Cordt: Ja, so geht es mir auch. Für mich ist es eine wichtige Sache, dass wir im Sommer, wenn die Tiere die Kinderstube haben, Ruhe im Wald lassen. In dem Moment, wo sie ein Pfötchen auf die Wiese setzen, sieht es dann anders aus (lacht).

Und die Trophäen? 

Heiko Cordt: Sind ein schönes Beiwerk, keine Frage.

Hat sich die Jagd verändert im Laufe der Jahre?

Heiko Cordt: In unserem Revier hatten wir jetzt 80-jähriges Bestehen. Da hat sich vieles verändert. Früher wurden Hasen gejagt. Da gab es ganz andere Wildbestände und Sauen waren das Highlight. Es waren immer mal ein paar Schweine da, aber nie viele. Bis sie hier geblieben sind.

Wie sieht es mit den Nachwuchsjägern aus? 

Heiko Cordt: Ja, man muss sehen, dass man vernünftigen Nachwuchs bekommt. Ich kann sagen: Ich habe im Moment einen Jungjägerkurs, in dem wirklich gute Leute dabei sind. Man merkt ja, wie die ticken.

Und Sie schwören sie auf Ihre Linie ein? 

Heiko Cordt: Ja durchaus. ich hoffe, dass sie das auch beibehalten und es weiterleben. Wir haben 60000 Jäger in NRW und natürlich auch schwarze Schafe dabei. Wir müssen darauf achten, dass wir eine Akzeptanz in der Bevölkerung haben. Und die bekommen wir nur, wenn wir sauber arbeiten. Der Tierschutz ist ein hohes Gut.

Sie stellen sich vor die Wildschweine... 

Heiko Cordt: Ja. Ich will sie nicht mästen. Ich will einen gesunden, bejagbaren Wildbestand, aber ich weigere mich, als Schädlingsbekämpfer zu arbeiten.

Ich las, dass man die Population auch steigert, wenn man mehr schießt. 

Heiko Cordt: Wir haben viele Leute heutzutage, die reden, als sprechen die Blinden von der Farbe.

Wir halten fest? 

Heiko Cordt: Frischlinge schießen, Frischlinge schießen, Frischlinge schießen, im Sommer Ruhe im Wald und im Feld radikal an die Frischlinge, weitere Drückjagden mittwochs, aber bitte nicht auf die rumhacken, die nicht mitmachen.

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