Kerstin Barsekow lässt sich nicht vom Krebs dominieren

„Ich habe ein schönes Leben, das lass ich mir nicht nehmen“

Nachrodt-Wiblingwerde - „Vergangenheit ist Geschichte, Zukunft ist Geheimnis und jeder Augenblick ein Geschenk“. Wer einmal schwer erkrankt war, der wird dieses Zitat von Liedermacherin Ina Deter gern unterschreiben. Das Heute zählt. Das Hier und Jetzt. „Ich bin gelassener geworden. Aber auch egoistischer“, sagt Kerstin Barsekow. 2007 und dann noch einmal 2013 wurde bei der Nachrodterin Brustkrebs diagnostiziert. Und doch strahlt sie über das ganze Gesicht. Ein Anteil an ihrer Zuversicht haben auch die Kosmetikseminare für Krebspatientinnen.

Kurz vor ihrem 40. Geburtstag nahm das Unheil seinen Lauf: Bei der Krebsvorsorge entdeckte ihr Frauenarzt einen Knoten in der Brust. „Ich hatte ihn nicht bemerkt“, erzählt Kerstin Barsekow.

Doch bei der Mammographie-Untersuchung wurde nichts festgestellt. „Zum Glück ließ mein Arzt nicht locker.“ Eine weitere Untersuchung und die anschließende Biopsie im Brustzentrum Schwerte brachte die Wahrheit ans Tageslicht: ein Tumor.

Es folgten Operation, Chemo, Bestrahlung. Das ganze Programm. „Es war nicht schön anzusehen, wie ich unförmig wurde. Und wie die Haare ausfielen“, sagt die Nachrodterin, die sich schlapp fühlte und sich, wie sie heute meint, „hängen ließ“.

Sie zog sich zurück, vermied es, sich mit Freunden zu treffen. Und mit das Schlimmste: „Es war mein Mann, der mir eine Glatze rasiert hat. Dann hat auch noch das Gerät gestreikt und er musste sich eines bei der Nachbarin leihen. Ich glaube, er hat beim ersten Mal mehr geweint als ich.“

Dass alle Haare, auch die Augenbrauen, die Wimpern, die kleinen Härchen an den Armen ausfallen, ist eine Nebenwirkung der Behandlung, die psychisch kaum auszuhalten ist.

Kerstin Barsekow besuchte deshalb ein Seminar von „DKMS LIFE“, einer gemeinnützigen Gesellschaft, die speziell für Krebspatientinnen den Beautyworkshop „look good feel better“ anbietet. Kosmetikexpertinnen zeigen Schritt für Schritt, wie die Frauen die äußerlichen Folgen der Therapie kaschieren können: von der Reinigung und Pflege, dem Auftragen der Grundierung und Nachzeichnen der ausgefallenen Augenbrauen und Wimpern bis hin zum Abdecken von Hautflecken, die aufgrund der Bestrahlung entstanden sind.

„Ich kann nur jeder betroffenen Frau raten, so ein Seminar zu besuchen“, sagt die heute 48-Jährige. Wer den Kampf gegen den Krebs aufnimmt, wer sich mit der alles umfassenden Behandlung auseinander setzen muss, benötigt kleine Lichtblicke.

„Das ganze Gesicht sieht ja leblos aus, man mag nicht in den Spiegel schauen. Da hilft es, wenn man lernt, sich gut zu schminken. Wenn man den Lidstrich zum Beispiel innen oben zieht, dann vergrößert sich das Auge und die wenigen Wimpern sehen voller aus. Bei den Augenbrauen macht man ganz kleine Strichelchen.“

Kleine Tricks, große Wirkung: Bei Krebspatientinnen, die die drastischen Veränderung des Aussehens hinnehmen müssen, ist Kosmetik nicht nur Make-up, sondern auch Therapie und Lebenshilfe.

Doch was ist mit den Haaren? „Beim ersten Mal habe ich mir zwei Perücken gekauft“, erzählt die gelernte Hotelkauffrau, die mit den künstlichen Kopfbedeckungen ganz unglücklich war. „Es juckt und man schwitzt auch unter der Perücke.“ Und so ist sie bei der zweiten Erkrankung, die sie wie aus heiterem Himmel traf, auf Mützen und Kopftücher umgestiegen.

2013: erneut Brustkrebs rechts. Plötzlich hatte sich die Brustwarze verändert. „Ich wusste, was das bedeutet“, sagt Kerstin Barsekow, die sich im Rahmen der folgenden Operation gleich beide Brüste wegnehmen ließ. Ein Brustaufbau mit Implantaten bedeutet heute, dass sich die tapfere Frau ganz gern im Kleid sieht. „Aber nackt mag ich mich nicht“, gibt sie zu.

Die Rückkehr des Krebses hat die Nachrodterin verändert – aber durchaus auch im positiven Sinn. „Ich habe so ein schönes Leben, das lass ich mir nicht nehmen“, schmunzelt sie. Statt sich wie beim ersten Mal zu verstecken, ist sie trotz zweiter Therapie im Allgäu gewandert, hat Tennis gespielt, sich mit Freunden getroffen. „Was Domestos für die Toilette, ist die Chemo für meinen Körper. Sie reinigt mich“, war die Devise. Und sie hat gelernt, sich auch Schwächen einzugestehen. „Ich hatte mir oft zu viel zugemutet. Beruf, Haus, Garten, Kind, gute Ehefrau. Alles sollte immer perfekt sein. Der Körper hat darauf reagiert.“

Das Hadern mit der Krankheit, mit dem Schicksal sind nicht (mehr) Kerstin Barsekows Sache. Die Mützen, das Schminkseminar, der Kontakt zu anderen Betroffenen, Freunde, Familienmitglieder und vor allem ihr Mann Thomas und Sohn Lennard haben dazu beigetragen, dass der Krebs nicht ihr Leben dominiert. „Ich lebe mein Leben.“

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare