Landwirtschaft im Wandel

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Die Besucher werfen auf dem Hof Knipps Eiersortiermaschine. Sie kann die Eier der 1800 Hühner wiegen und kodieren. Die Menge an Tieren ist für einen modernen Hof ungewöhnlich gering.

Nachrodt-Wiblingwerde - Günter Buttighoffer erinnert sich noch genau. Als seine Eltern damals den neuen Aussiedlerhof in Wiblingwerde einweihten, waren auch die damaligen Landwirtschaftsminister vor Ort. „Wir hatten damals 35 Kühe und uns wurde prophezeit, dass wir damit für die nächsten drei Generationen ausgesorgt haben“, erzählte der Landwirt, der damals gerade einmal sechs Jahre alt war.

Was noch niemand wusste: Es sollte nicht einmal für eine Generation genügen. Wer heute noch 35 Milchkühe und keine weiteren Einkünfte hat, lebt am absoluten Minimum. Nicht umsonst gibt es rund um Wiblingwerde immer weniger landwirtschaftliche Betriebe – und die, die es gibt wachsen und wachsen, um sich für die Zukunft aufzustellen.

„Landwirtschaft und ihre Entwicklung in Wiblingwerde“ lautete das jüngste Motto des Heimat- und Verkehrsvereins. Rund 20 Mitglieder trafen sich dazu zunächst auf dem Hof der Familie Knipps. Dort scheint es sie noch zu geben, die Bauernhofromantik. 50 Kühe stehen auf der Wiese, Ferienkinder streicheln das Pony im Garten und im Hofladen gibt es Eier und Fleisch. Doch all zu lange wird es den Hof wohl nicht mehr geben. Die Landwirtschaft rechnet sich nicht mehr. Knipps hätten vor Jahren deutlich expandieren müssen.

Doch Martina und Roderich Knipps haben keinen Nachfolger auf dem Betrieb – und sahen daher bewusst von großen Erweiterungen ab. „Wir haben rund 1800 Hühner. Das klingt viel, ist es aber nicht. Wir haben sogar nur mit Mühe jemanden finden können, der uns einen Stall baut. Die meisten Hersteller bauen heute nur noch Ställe für mehr als 20000 Tiere“, erklärt Martina Knipps während sie der Gruppe die Eiersortiermaschine zeigt.

Für sie rechne sich das Geschäft mit den Eiern nur, weil sie sie direkt vermarkte. Während sie sich um die Hühner kümmert, ist ihr Mann zum Melken im Stall. Computer, die alles alleine machen, gibt es in dem kleinen Betrieb am Kreinberg nicht. Um überlebensfähig zu bleiben, obwohl eine große Expansion ausschied, ging die Familie andere Wege. Baute Ferienwohnungen auf dem Hof, organisierte Angebote für Kinder und eröffnete einen Hofladen. „In drei Jahren geht mein Mann in Rente. Solange wird es noch gehen. Aber langfristig zukunftsfähig wären wir so gewiss nicht“, sagt Knipps.

Weiter ging es zum Hof von Günter Buttighoffer. Der engagierte Landwirt erweitert gerade einmal wieder sein Anwesen, um noch mehr Platz für Tiere zu schaffen. Aus dem kleinen Betrieb, zu dem Ende der 1960er-Jahre rund 18 Hektar Land und 35 Milchkühe gehörten, ist mittlerweile ein Vorzeigebetrieb mit mehr als 130 Milchkühen, doppelt so vielen Jungtieren und etwa 110 Hektar Land geworden.

Welten prallen in Wiblingwerde aufeinander. „Mit Kuscheltierhaltung hat das sicherlich nichts mehr zu tun. Natürlich haben wir einen Bezug zu unsern Tieren und tun alles, damit sie einen möglichst hohen Komfort haben, aber es ist auch ein Wirtschaftsbetrieb“, erklärte Buttighoffer. Insbesondere die Zucht nehme einen immer größeren Stellenwert ein. Kühe aus Wiblingwerde seien international gefragt und werden europaweit verkauft. Auch in den USA und Kanada leben Tiere mit sauerländischen Wurzeln. „Wir arbeiten dort immer mehr mit Embryonentransfer“, berichtete der Landwirt.

Doch Buttighoffer betont auch, dass bei all dem Wachstum das Tier nicht vergessen werden dürfte. „Auch wenn ich viele Tiere habe, muss ich mich kümmern, verletzte Tiere behandeln und für eine artgerechte Haltung sorgen – auch, wenn das manchmal mehr Arbeit bedeutet“, betont der Wiblingwerder.

Die Kühe sind sein Kapital und er tut alles, um sie bestmöglich zu versorgen. Technik hilft dabei. So gibt es beispielsweise einen Computer, der genau aufzeichnet, wie viel Milch ein Tier gibt. Gibt es mehr, muss die Kuh mehr Kraftfutter und Mineralien bekommen. Diese Daten werden automatisch an einen Futterautomaten weitergeleitet. Die Kühe tragen derweil einen Transponder. Gehen sie mit diesem in den Fressstand, bekommen sie mehrmals täglich genau die auf sie abgestimmte Menge Futter.

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