Keine andere Chance als durchzuhalten

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Martin Hohage: "Viele Betriebe haben investiert und haben jetzt keine andere Wahl als durchzuhalten"

Nachrodt-Wiblingwerde - Mindestens 100 Millionen Euro sollen die Bauern bekommen – als Soforthilfe. „Aber wie das verteilt werden soll, weiß ich nicht“, sagt Martin Hohage zum Ergebnis des Milchgipfels, zu dem Landwirtschaftsminister Christian Schmidt Bauernvertretern, Abgesandte von Molkereien und Handel  in dieser Woche eingeladen hatte. Skeptisch betrachtet Martin Hohage die angebliche Entlastung, die die Politik verspricht. Auch Günter Buttighoffer, Kreisverbandsvorsitzender vom Landwirtschaftsverband Märkischer Kreis, findet: „Wir werden national nicht viel ändern können.“

Der Milchpreis ist so niedrig, dass die Kosten längst nicht mehr gedeckt werden können. Und die Milchkrise ist auch nach dem Gipfel nicht vorbei. „Es gibt zu viel Milch“, heißt es von allen Seiten. „Aber es wird immer nur die Menge hervorgehoben, dabei spielen viele Faktoren eine Rolle“, sagt Martin Hohage im Gespräch mit dem AK. „Der Absatz steht auf der anderen Seite: das russische Embargo und sinkende Exporte nach China.“ Zudem drücken Handelsketten und Molkereien die Preise. Getreu dem Motto „Den letzten beißen die Hunde“ sind es die Milchbauern, die gerade in die Knie gehen.

 „Viele Betriebe haben investiert und haben jetzt keine andere Wahl, als durchzuhalten“, sagt Martin Hohage, der 140 Milchkühe hat und auch nicht unbedingt in „das Gejammer“ einsteigen möchten. Man müsse das Problem global sehen und irgendwie versuchen, „da durch zu kommen.“ Aus totaler Finanznot kenne er noch keinen Milchbauern in Nachrodt-Wiblingwerde, der aufgehört habe. Noch. Und auf keinen Fall könne man das Problem kleinreden.

 „Bei 20 Cent pro Liter lege ich jeden Monat bares Geld dazu“, macht Martin Hohage deutlich, dass irgendwann ein Punkt erreicht ist, der bei allem Verständnis von Angebot und Nachfrage nicht mehr tragbar ist. „Letzten Monat waren wir bei 24,5 Cent, jetzt sind wir bei 21 Cent. Einige Molkereien gehen unter 20 Cent. Es gibt im Iserlohner Raum Bauern, bei denen die Verträge mit den Molkereien ausgelaufen sind, und denen man 15 Cent angeboten hat“, erzählt Martin Hohage, der Anteile an einer Genossenschaftsmolkerei in der Eifel hat. Die Bauern sind Eigentümer der Molkerei, besitzen also Anteile und haben letzlich die Garantie, dass die Milch immer abgeholt wird. „Aber es gibt auch Bauern, die zur Privatmolkerei gewechselt sind. Sie brauchen keine Anteile zeichnen, haben dafür aber Lieferverträge, die zum Verhängnis werden können.“

Eine Milchquote als „rettenden Anker“, wie viele sie fordern, lehnt Martin Hohage ab. „2009 ist der Preis trotz Quote auch schon mal bei 20 Cent gewesen. Das ganze Dilemma hängt nicht nur an der Menge.“ Das sieht Günter Buttighoffer, Kreisverbandsvorsitzender vom Landwirtschaftsverband Märkischer Kreis, ebenso – und beurteilt den „Milchgipfel“ mit den Worten: „Wir werden national nicht viel ändern können. Selbst wenn wir eine Reduzierung vornehmen würden, würde sich das in der EU kaum bemerkbar machen, denn alle Länder um uns herum produzieren entschieden mehr.“

Vielleicht, so hofft Buttighoffer, „greifen auch die Märkte in absehbarer Zeit wieder.“ So eine dramatische Situation wie jetzt hat Günter Buttighoffer noch nie erlebt. „Unter der Quote hatten wir 2009 den niedrigen Auszahlungspreis von 22 Cent. Aber in den letzten sieben Jahren sind die Produktionskosten immens gestiegen – nicht nur im Bereich der Milch, in allen anderen Bereichen auch, so dass sich das in der Moral bei allen landwirtschaftlichen Betrieben spürbar macht“, sagt Buttighoffer und denkt, dass es einen gewaltigen Strukturwandel geben wird und dass einige Betriebe auch im Märkischen Kreis aufgeben werden.

Für eine Milchquote ist er allerdings auch auf keinen Fall. „Wir stellen uns dem Weltmarkt und das können auch die meisten Betriebe. Eine Milchquote ist, wenn sie nicht europaweit eingeführt wird, ein totgeborenes Kind. Wir verlieren unseren deutschen Markt und andere Länder übernehmen ihn.“ Beim Thema Milchquote denkt Thomas Dresel anders: „Ich sage, dass es mit der Milchquote nicht so dramatisch wäre. Der Milchpreis wäre auch gefallen, aber nicht in diesem Maße“, ist sich der Milchbauer sicher. Aber auch Dresel gibt die Parole „Durchhalten“ aus. Vor vier Jahren hat er neu gebaut, hat jetzt 120 Kühe. „Wir können nicht mehr zurück.“ Aber es werde Betriebe geben, die „über die Wupper gehen.“

Die Durststrecken, sagt Günter Buttighoffer, habe es immer mal gegeben, wenn auch nicht in diesem Maße. Eine Lieblingslösung hat Buttighoffer nicht – „es kann nur eine globale Lösung geben, die über den Tellerrand Deutschlands hinwegschaut. Wünschenswert ist, dass der Milchpreis weit über dem jetzigen liegt und auch wieder Gewinne abwirft. Denn die Betriebe haben investiert und die finanziellen Mittel müssen zurückgezahlt werden.“

Interessant ist in dieser Geschichte auch ein Blick zur Politik. Die Grünen, so sagt Buttighoffer, wollen zwar die kleinen Betriebe unterstützen, aber gleichzeitig gebe es immer mehr Auflagen. „Wir haben zusätzliche Umwelt- standards, wir haben eine zusätzlich Düngeverordnung. Es gibt viel strengere Auflagen, die die Landwirte zu erfüllen haben. Wenn ich einen Mercedes kaufe und bestelle ihn mit Ledersitzen, dann zahle ich für die Ledersitze zusätzlich. Die zusätzlichen Standards, die von uns gefordert werden, werden dagegen nicht bezahlt.“ Hinzu komme das Thema Wertschätzung. „Wie kann es sein, dass ein Liter Milch 46 Cent kostet? Wenn sich die Wertschätzung der landwirtschaftlichen Produkte nicht ändert, ist das auf Dauer nicht tragbar.“ Der Kunde sei aber bereit, mehr zu zahlen.

Am 6. Juni ist eine Zusammenkunft der Landwirte in Olsberg – für den Bereich Südwestfalen. „Wir müssen nicht einen Feind suchen. Wir müssen uns darauf einstellen, dass wir zu Weltmarktpreisen produzieren“, sagt Günter Buttighoffer.

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