Die Sorge um den Kindergarten

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Nachrodt-Wiblingwerde - Sie hatten wohl eher mit doppelt so vielen Teilnehmern gerechnet. Doch am Ende waren es gerade einmal knapp 50 Gemeindemitglieder (von insgesamt 1150), die ins Wiblingwerder Gemeindehaus kamen. Es waren überwiegend Eltern, die ihr Kind in den evangelischen Kindergarten Wiblingwerde schicken. Denn sie haben Angst um die Zukunft der Einrichtung. Den Verantwortlichen rund um Kirchmeister Rainer Nowak, Pfarrerin Tabea Esch und Joachim Steuer vom Kreiskirchenamt gelang es jedoch nicht, für Klarheit zu sorgen – auch wenn sie sich sichtlich darum bemühten.

 Eigentlich sollte es gar nicht nur um den Kindergarten gehen, sondern um die Finanzsituation der Kirchengemeinde im Allgemeinen. Eigentlich, denn schon nach ein paar Minuten ging es einzig und allein um den Erhalt der Einrichtung. Die Gesamtproblematik verloren die meisten Anwesenden aus den Augen. Auch waren es zu viele Zahlen in zu kleiner Schrift, zu viele strukturelle Hürden, die nicht ganz klar wurden und vor allem ein Zahlen-Wirrwarr zwischen den einzelnen Rednern. Da war von 31000, 19000 und 18000 Euro die Rede, die ausgeglichen werden müssten. Zu viel für manch einen Gast.

Und so dauerte es mehr als eine Stunde bis konstruktive Vorschläge kamen und die Gemeindemitglieder zumindest im Ansatz verstanden hatten, worum es ging. Aber eines ist bei den Anwesenden angekommen: Niemand zieht offensichtlich ernsthaft in Erwägung, den Kindergarten aufgrund der Finanzsituation zu schließen, denn das betonten alle drei einheitlich. Zweifel blieben am Ende aber trotzdem.

 Obwohl die Gemeinde immer weiter spart – vor allem am Personal – ist das Geld knapp. Denn die Einnahmen gehen kontinuierlich zurück. Viele Austritte und weniger Taufen als Sterbefälle machen der Gemeinde zu schaffen. Denn mit sinkenden Gemeindemitgliedern sinken auch die Zuweisungen an die Wiblingwerder. Derzeit beträgt das strukturelle Defizit der Gemeinde rund 31000 Euro im Jahr. 19000 Euro wurden daher aus den Rücklagen genommen, um das Defizit zu minimieren. „Wir können aber nicht immer an die Spardose gehen – irgendwann ist die auch leer. Wir brauchen eine langfristige Lösung“, sagte Nowak. Gemeinsam habe man folglich überlegt, wo es überhaupt noch Sparpotenziale gibt.

 „Es fiel auf, dass unser Defizit fast so groß ist, wie der Trägeranteil am Kindergarten“, erklärte Nowak. Da aber lediglich 43 Prozent der Kinder die Wiblingwerder Einrichtung besuchen, evangelisch seien, habe die Gemeinde im Rahmen des Kinderbildungsgesetzes, das eine Trägervielfalt fordere, die Kommune um Hilfe gebeten – das sei, so Joachim Steuer, ein ganz normales Vorgehen. Auch er betonte noch einmal, dass von einem Trägerwechsel derzeit keine Rede sei. Wenige Minuten später sagte er jedoch an die Mitarbeiter gewandt: „Sie brauchen absolut keine Sorge um ihren Arbeitsplatz zu haben. Selbst da, wo wir die Trägerschaft abgegeben haben, waren alle Stellen sicher. Bleiben Sie gelassen. Und wenn Sie etwas hören, dass Sie verunsichert, sprechen Sie mich an.“ Aussagen wie diese waren es, die dem Abend irgendwie doch ein Geschmäckle gaben. Zwar betonten immer wieder alle Beteiligten, dass der Kindergarten um jeden Preis gehalten werden solle, doch so richtig überzeugt waren die Wiblingwerder nicht.

Doch kampflos aufgeben wollten sie auch nicht. Ein ganzer Strauß von Ideen sprudelte aus ihnen heraus: Spendenaktionen, Sponsorensuche, Förderverein und vieles mehr. Aber auch das sind keine langfristigen Lösungen. Dennoch soll ein spezielles Konto eröffnet werden, auf das diese Gelder zweckgebunden eingezahlt werden sollen. „Warum gibt es bei uns eigentlich keine Übermittagbetreuung. Dafür würde doch auch wieder mehr gezahlt und der Bedarf ist definitiv da“, fragte eine Mutter. „Das erlaubt der Märkische Kreis nicht und der ist dafür zuständig“, hieß es da knapp. „Warum ist keiner vom Kreis heute hier?“, kam prompt die Gegenfrage. „Weil das Gemeinde-Interna sind“, so die Antwort – abermals unbefriedigend.

Genauso wurde kurz und knapp die berechtigte Frage nach dem Pfarrhaus und einer angrenzenden Wohnung abgebügelt. Das Pfarrhaus sei sehr marode und könne so nicht verkauft werden. Und zur Wohnung sagte Nowak: „Die ist energetisch nicht gut. Es gibt keine Dämmung und die kann auch nicht angebracht werden. Da gibt es dann immer nur Ärger mit dem Mieter. Außerdem sind Mieteinnahmen zweckgebunden.“ Logisch für Menschen mit Fachkenntnissen, unverständlich für viele Anwesende. Die ehemalige Vorsitzende des Fördervereins, Manuela Hogrebe, brachte die Gedanken der Eltern auf den Punkt: „Wir möchten doch einfach nur, dass unsere Erzieherinnen bleiben, unsere Kinder weiter die vertrauten Strukturen haben.“ Und dann kam wieder einer dieser Unsicherheit bringenden Sätze von Joachim Steuer: „Ein Trägerwechsel erfolgt in der Regel nie innerhalb weniger Jahre. Ihr Kind würde im Falle eines Wechsels also keinen Erzieherinnenwechsel erleben.“ Unnötige Aussagen, die für noch mehr Unsicherheit sorgten und die Euphorie eines Neuanfangs und elterliches Engagement im Keim erstickten.

Aber auch die Gemeinde hatte sich Gedanken gemacht, wie es möglich ist, das Defizit zu minimieren. „Letztlich bräuchten wir 300 Menschen, die monatlich fünf Euro spenden. Das muss doch möglich sein“, sagte Nowak. Am Ende war es dann gerade Joachim Steuer, der für Hoffnung sorgte: „Für jeden Euro, den Sie durch dieses Engagement sammeln, werden ich einen Weg oder eine Regelung finden, dass wir den zweiten Euro dazu geben – das verspreche ich Ihnen hier.“ Dafür gab es zum ersten Mal an diesem Abend Applaus. Am Ende des Abends wurde beschlossen, einen Arbeitskreis zu bilden, der sich darum kümmern soll, die Arbeit in Bewegung zu setzen und die einzelnen Ideen und Aktion zu koordinieren. Zudem sollten sich die eintragen, die sich vorstellen könnten, an der Fünf-Euro-Aktion teilzunehmen. Gerade einmal die Hälfte aller Anwesenden tat das – das spricht für sich.

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