Mobile Retter: Helfer werden geortet und alarmiert

Nachrodt-Wiblingwerde -  Es könnte sein, vielleicht, wenn alles gut geht.... So vorsichtig muss man es gar nicht formulieren. Denn tatsächlich ist es die kleinste Gemeinde des Märkischen Kreises, die ein großes Vorhaben für die ganze Region anstößt. Nachrodt-Wiblingwerde macht sich für die „Mobilen Retter“ stark. Nachdem die SPD-Fraktion das Thema „Ersthelfer“ angeschoben hatte, gab es jetzt ein Treffen im Amtshaus, an dem Vertreter der Parteien, des DRK, der Feuerwehr und natürlich der Verwaltung teilnahmen. Und: Bei dem Dr. Ralf Stroop, Diplom -Biochemiker und Notarzt, das System der „Mobilen Retter“ vorstellte. Da der Träger des Rettungsdienstes allerdings der Märkischen Kreis ist, muss der Nachrodter Wunsch „jetzt Beine bekommen“. Das tut er. Für November hat der Regiebetrieb Rettungsdienst ein Treffen vereinbart.

 Die mobilen Retter, die es mittlerweile in den Regionen Gütersloh, Germersheim, Unna, Ingolstadt (im Aufbau) und im Emsland/Grafschaft Bentheim gibt, arbeiten parallel zum Rettungsdienst. Die Idee basiert auf einer Smartphone-App, über die ausgebildete Helfer zusätzlich geortet und alarmiert werden, die sich zufällig in der Nähe des Einsatzortes aufhalten. Mobile Retter können allein durch die örtliche Nähe sehr oft schneller als der Rettungsdienst am Notfallort sein und schon in der Zeit bis zu dessen Eintreffen lebensrettende Maßnahmen einleiten, die gerade in den ersten Minuten oft entscheidend sind.

Vier Mal im Einsatz

Im September 2013 gingen die Mobilen Retter im Kreis Gütersloh an den Start. „Nicht, um bestehende Strukturen zu ersetzen, sondern um sie zu optimieren“, so Dr. Ralf Stroop im Gespräch mit dem AK. Stroop hat zusammen mit Kollegen die App entwickelt und sieht nur Vorteile – auch, wenn das System von Freiwilligen lebt – Freiwillige, die ausgebildet sind, wie Krankenschwestern, Arzthelferinnen, Feuerwehrmänner- und frauen, Ärzte, DRK-Mitarbeiter...

„Nach unseren Erfahrungen rennen einem die Leute die Bude ein, weil sie gern mitmachen und ihrem Nachbarn im Notfall helfen möchten“, sagt Dr. Ralf Stroop. Im Kreis Gütersloh seien mittlerweile 500 mobile Retter im Einsatz. Tendenz steigend. Dabei komme ein Retter vielleicht vier Mal im Jahr zum Einsatz. Höchstens. „Wir nutzen das Engagement der Menschen für eine gute Sache“, schwärmt der Notarzt. Dabei, das betont er auch, geschehe alles natürlich auf freiwilliger Basis.

Im Interesse aller

„Das kann nur im Interesse aller sein“, findet auch Bürgermeisterin Birgit Tupat mit Blick besonders auf die ländlichen Gebiete. Bis in „der Pampa“ der Rettungsdienst eingetroffen ist – und wenn er sich noch so beeilt – kann es schon zu spät sein. Nachdem man im Rat zunächst aneinander vorbei diskutiert hatte und verschiedene Ersthelfer-Systeme zur Sprache kamen, herrscht jetzt augenscheinlich Einmütigkeit über die mobilen Retter. „Der demografische Wandel macht es einfach notwendig, die Kette bis zum Eintreffen des Notarztes zu verkürzen“, sagt Birgit Tupat und hofft, dass die Gemeinde die Idee anschieben kann. Mehr kann sie nicht tun. Dann ist der Kreis am Zug.

„Ich bin sehr zuversichtlich“

Auch Gerd Schröder, stellvertretender SPD-Fraktionsvorsitzender und Initiator für eine Einführung, ist sehr positiv gestimmt. „Ich bin sehr zuversichtlich und froh, dass von uns aus der Anstoß gegeben werden konnte. Jetzt ist das Thema beim Kreis angesiedelt“, so Schröder, der sich darüber im Klaren ist, dass das Mobile-Retter-System nicht von heute auf morgen eingeführt werden kann. Auch nicht, wenn der Märkische Kreis als Träger des Rettungsdienstes Feuer und Flamme sein sollte. „Es müssen sich ja auch genug Interessenten finden.“

Dr. Ralf Stroop hält im Falle einer Zusage einen Zeitraum bis zum Frühjahr des nächstes Jahres für möglich. Kosten für den Märkischen Kreis: „Im ersten und zweiten Jahr zehn Cent pro Einwohner, dann fällt das System zurück auf eine Miete von zwei bis drei Cent“, erklärt Stroop. „Wir gucken uns das genau an, ob das etwas für uns ist“, sagt Hendrik Klein, Pressesprecher des Märkischen Kreises. Das Ergebnis sei völlig offen. „Wir arbeiten auf Anfrage. Wenn sich jemand interessiert, stellen wir das System gerne vor“, sagt Dr. Ralf Stroop. Und noch ein paar Fakten: Alarmiert werden die mobilen Retter bei allen zeitkritischen, lebensbedrohlichen Einsätzen, bei denen ein qualifizierter Ersthelfer auch ohne spezielle Ausrüstung wertvolle Ersthelfermaßnahmen noch vor Eintreffen des Rettungsdienstes einleiten kann. Dazu zählen Einsätze wie Herz-Kreislauf-Stillstand, plötzlicher Herztod und Bewusstlosigkeit.

Am Einsatz nicht zerbrechen

Die Rettungsleitstelle alarmieren im Bedarfsfall die Mobilen Retter zum Rettungsdienst hinzu. Die Mobilen Retter haben keine Ausrüstung, sondern nur ein Schlüsselbundtäschchen mit einer Beatmungsfolie und Handschuhe für den Eigenschutz. „Wir bilden keine neuen Leute aus, sondern wir nutzen die Ausbildung der Leute vor Ort und die Technik. Wir schauen, dass wir sie noch einmal trainieren und begleiten sie auch, damit sie nach einem Einsatzgeschehen nicht zerbrechen. Denn wenn die mobilen Retter gerufen werden, dann geht es häufig um alles. Wenn ein Patient einen Herzstillstand hat, dann ist es notwendig, dass das Blut weiterhin durch den Körper gepumpt wird. Dann ist eine Herzdruckmassage notwendig. Dazu benötigt man keine Ausrüstung, aber unmittelbar einen Ersthelfer. Aber eine Reanimation ist eine herausfordernde Geschichte. Man muss sich gut überlegen, auf was man sich da einlässt,“ weiß der Notarzt.

Die Sorge, dass es Verdrängungskämpfe zwischen den sogenannten First Respondern und den mobilen Rettern gebe, sei unbegründet. „Wir sehen keine Konkurrenz. Und das Recht auf ‘Leben retten’ existiert nicht. Jeder sollte das machen können“, erklärt Notarzt Dr. Ralf Stroop.

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