Gutachter soll Ursache des Chemieunfalls herausfinden

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Die Halle, in der sich das Unglück ereignet hatte, konnten die Feuerwehrkräfte nur in speziellen Schutzanzügen betreten.

Nachrodt-Wiblingwerde - 24 Stunden nach dem Chemieunfall bei den Walzwerken Einsal haben Gemeindebrandinspektor Michael Kling und Ordnungsamtsleiter Axel Boshamer Bilanz gezogen: Die Feuerwehr habe richtig reagiert, die umfassenden Vorsichtsmaßnahmen seien verhältnismäßig gewesen, sagten beide übereinstimmend.

110 Feuerwehrleute aus fast dem gesamten Kreisgebiet waren am Donnerstag in Einsal im Einsatz. „Dieser Aufwand war gerechtfertigt, denn es konnte ja niemand wissen, wohin sich die Wolke, die nach der Explosion entstanden ist, entwickeln wird“, erklärte Boshamer. Letztlich blieben die Dämpfe weitgehend in der Fabrikhalle, nur wenig konnte über die offen stehenden Lichtkuppeln im Dach entweichen. Das bestätigten auch die Messungen, die die Feuerwehr in den umliegenden Wohngebieten durchführte. Gefahr für die Bevölkerung bestand demnach nicht.

Für die Einsatzkräfte der Feuerwehr bestand dagegen durchaus Gefahr, schenkt man Gemeindebrandinspektor Michael Kling Glauben. „Bei dem Stoff, der entwichen ist, handelte es sich um hochkonzentriertes Wasserstoffperoxid. Das ist eine hochbrisante Chemikalie, die unter anderem auch für Raketenantriebe verwendet wird“, gab er zu bedenken.

Die Walzwerke verwenden Wasserstoffperoxid als Aktivator beim Beizen von Edelstahl. Dabei werden Verunreinigungen wie zum Beispiel Schweißzunder, Oxidschichten, Fremdrost und durch die mechanische Bearbeitung in die Oberfläche eingepresste metallische Bestandteile oder organische Verunreinigungen beseitigt. Mit Säuregemischen und Wasserstoffperoxid wird die äußere Oberflächenschicht des Werkstoffes angelöst, so dass sie mittels Wasserhochdruck entfernt werden kann.

Hier lesen Sie den Erstbericht zu der Explosion: 

Explosion in Betriebshalle der Walzwerke

Dass bei den Reinigungsarbeiten wahrscheinlich Rostpartikel in den fast leeren Tank geraten sind, habe eine exothermische Reaktion ausgelöst, bei der sowohl Hitze als auch eine Druckwelle entstanden sei, erklärte Kling weiter. Deshalb sei die Feuerwehr auch äußerst vorsichtig vorgegangen, um keine weiteren Reaktionen hervorzurufen, bei denen dann vielleicht größerer Schaden hätte entstehen können. Beispielsweise verwendeten die Einsatzkräfte beim Umpumpen der Flüssigkeit spezielle Schläuche ohne Metallteile, damit nicht durch zufällige entstehende Funken ein Brand ausgelöst wurde.

Vor allem für die Feuerwehrkräfte, die in Chemikalienschutzanzügen in die betroffene Halle vordringen mussten, war der Einsatz sehr schweißtreibend und erschöpfend. Maximal 20 Minuten konnten sie in den gasdichten Ganzkörperanzügen arbeiten und mussten dann von Kollegen abgelöst werden. „Insgesamt sind bei diesem Einsatz 18 Schutzanzüge benötigt worden. Die werden jetzt bei einem Spezialunternehmen gereinigt und stehen in etwa zwei Wochen wieder zur Verfügung“, erklärte Ordnungsamtsleiter Axel Boshamer.

Auch für die Versorgung der mehr als 100 Einsatzkräfte von Feuerwehr, Polizei und Rettungsdienst musste gesorgt werden. Unterstützung erhielt die Gemeinde dabei vom Edeka-Markt Kantimm. „Da wurden wir vorrangig behandelt“, freute sich Boshamer über das Entgegenkommen des Inhabers Kai Kantimm, der neben Brötchen unter anderem auch Fleischwurst und Frikadellen sowie Mineralwasser für die Helfer lieferte. Nach Einsatzende gegen 20.45 Uhr lieferte außerdem die Pizzeria Bella Italia noch reichlich Pizza für die hungrigen Feuerwehrkräfte. „Die Walzwerke haben schon zugesagt, dass sie sämtliche Kosten für die Verpflegung übernehmen“, berichtete Boshamer am Tag nach dem Unglück.

Chemieunfall bei den Einsaler Walzwerken

Die Polizei hat den Unfallort beschlagnahmt und führt nun Ermittlungen zur Unglücksursache durch. Ergebnisse lagen bis Freitagabend noch nicht vor. Auch die Schadenshöhe steht noch nicht fest. „Der unmittelbare Schaden ist allerdings gering, denn so ein Tank ist relativ billig“, sagt Walzwerke-Betriebsleiter Nico Napierkowski mit Blick auf den geborstenen Kunststoffbehälter. Durch den Feuerwehreinsatz könnten allerdings noch Kosten auf das Unternehmen zukommen. Außerdem müssen die Walzwerke auf Anordnung der Bezirksregierung und der Berufsgenossenschaft gutachterlich prüfen lassen, wie es zum Chemiunfall kommen konnte und wie eine Wiederholung verhindert werden könnte. Auch dürfe in der betroffenen Halle bis auf weiteres nicht gearbeitet werden, sagte der Betriebsleiter. Eine längere Sperrung dieses Schlüsselbereichs des Unternehmens könne für die Walzwerke gravierende Auswirkungen haben. Auch deshalb sei das Unternehmen an einer schnellen Aufklärung interessiert.

Die Bundesstraße war während des Feuerwehreinsatzes im Bereich der Walzwerke komplett gesperrt. Das zwang auch die Märkische Verkehrs-Gesellschaft (MVG) zu Fahrplanänderungen. Beispielweise wurden die Busse der Linie 37 von Lüdenscheid über Altena nach Letmathe direkt von Lüdenscheid über Wiblingwerde zum Ziel umgeleitet. Für die dabei ausgeklammerten Haltestellen in Altena wurden separate Pendelbusse eingesetzt. Darauf hatte die MVG unter anderem an den digitalen Fahrgastanzeigen an den Haltestellen zwar hingewiesen, trotzdem kam diese Information wohl nicht bei allen Fahrgästen an. Maria Greupner aus Altena beispielsweise ärgerte sich wie andere Fahrgäste über einen „zweistündigen Umweg über die Höhendörfer“. Und von Letmathe aus habe sie dann schließlich mit dem Zug zurück nach Altena fahrern müssen, beklagte sie.

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