Gemeinde soll Anteile an Baugenossenschaft verkaufen

Nachrodt-Wiblingwerde - Wird das Fell des Bären in der Öffentlichkeit verteilt? So sieht es Johannes Illerhaus, seines Zeichens Fraktionsvorsitzender der UWG, der entsetzt ist über den Vorstoß von SPD und CDU. Die „neue Koalition“ möchte, dass sich die Gemeinde von ihren Anteilen an der Baugenossenschaft trennt. Und so schlagen die Wogen hoch: Die Baugenossenschaft selbst ist zwar nicht in Schockstarre, aber doch enttäuscht.

50 Prozent der Anteile hält die Gemeinde an der Baugenossenschaft – Wert: etwa 250 000 Euro. „In den letzten Jahren gibt es erhebliche Leerstände. Die Baugenossenschaft hat die Wohnungen so ausgestattet, dass sich die Leute wahrlich nicht darum reißen“, sagt Peter Herbel, der bis heute noch Fraktionsvorsitzender der CDU ist, und deutliche Worte für den Grund des Übels findet: „Die Baugenossenschaft ist immer von Leuten geführt worden, die aus der Verwaltung kamen: Herbert Grote, bei dem es lief, Herbert Ferreau und jetzt Jürgen Röll. Und an dessen Managerqualitäten habe ich erheblichen Zweifel.“ 2014 ist nur noch eine Dividende in Höhe von zwei Prozent gezahlt worden, 2015 gab es nichts mehr. „Warum sollen wir da Anteile haben, wenn es keine müde Mark gibt?“, fragt Herbel.

Peter Herbel

Der eigentliche Hauptgrund für den geplanten Ausstieg ist aber offenbar die Flüchtlingsunterbringung. „Wenn wir Flüchtlinge in den Genossenschaftswohnungen unterbringen wollen, gibt es Probleme. Die Mieter wehren sich gegen den Zuzug“, sagt Peter Herbel. Deshalb steht die Idee, der Wunsch im Raum, für die Anteile der Gemeinde Wohneigentum von der Baugenossenschaft zu kaufen. Genauer: SPD und CDU stellen sich vor, zwei Häuser zu kaufen und diese für Flüchtlinge zu nutzen. „Dann müssen sich auch keine Mieter der Baugenossenschaft mehr beklagen“, findet Peter Herbel.

Welche Häuser es sein könnten, ist für den CDU-Chef sekundär. „Uns geht es darum, dass wir auch im nächsten Jahr Familien unterbringen können.“ Dass die Summe ausreicht, ist für Peter Herbel sonnenklar: In Wiblingwerde sind zwei Häuser der Baugenossenschaft für 200 000 Euro verkauft worden. „Und wir brauchen keine Sanierung de Luxe“.

Susanne Jakoby

Dringenden Handlungsbedarf sieht auch Susanne Jakoby, Fraktionsvorsitzende der SPD: „Wir wollen kein Bargeld aus der Baugenossenschaft ziehen, denn das würde für sie schwierig. Die Idee ist, als Gemeinde selber Wohnraum zur Verfügung zu haben. Und natürlich ist es ein Unterschied, ob die Gemeinde bestimmt und Zugriff auf die Häuser hat oder die Baugenossenschaft.“ Diese habe ihre Häuser nur verwaltet und nicht gestaltet. „Wir ärgern uns über andere Wohnungsinhaber in Nachrodt, die nicht investieren und haben selbst 50 Prozent Anteile an der Baugenossenschaft, die nichts macht“, sagt Susanne Jakoby, die verärgert über den Leerstand und den Renovierungsstau ist – von den fehlenden Dividenden ganz zu schweigen.

Jürgen Röll

Diese Vorwürfe weist Jürgen Röll, der mit Renate Rump und Johannes Eickmann den Vorstand der Baugenossenschaft bildet, entschieden zurück: „Ich weiß nicht, ob sich die Leute ausreichend informiert haben. Wir sanieren kontinuierlich“, so Röll. Für die Instandhaltung seien 400 000 in diesem Jahr, 375 000 für das kommende und 380 000 Euro für 2017 vorgesehen. Hinzu kommen Investitionsmaßnahmen, die sich vermögenswirksam darstellen.

„Wir sind dabei, das Haus am Friedhofsweg 2 zu modernisieren, Balkone werden angebaut, es gibt eine Wärmedämmung. Wir gehen davon aus, dass die Wohnungen gut vermietbar sind. Als nächstes stehen die Häuser an der Bachstraße 17, 19 und 21 an, die wir nächstes Jahr sanieren wollen“, zählt Jürgen Röll das Engagement der Baugenossenschaft auf.

Man wolle den Antrag der Gemeinde prüfen – „natürlich kann sie ihre Anteile auch kündigen. Schön ist das nicht, keine Frage. Seit 1948 ist die Gemeinde treibende Kraft. Als große Wohnungsnot herrschte, hat die Gemeinde dazu beigetragen, dass es in Nachrodt-Wiblingwerde bezahlbaren Wohnraum gab.“ Der aktuelle Leerstand (im Dezember bei 10,81 Prozent) habe sich durch die Flüchtlingssituation bereits gebessert. Dass die Belegung mit Flüchtlingen bei einigen Mietern nicht auf große Gegenliebe gestoßen sei, stimme, sei aber nicht so erheblich wie dargestellt. „Natürlich kann das zu Unverträglichkeiten führen, wenn plötzlich mehrere Familien ins Haus kommen, die einen anderen Lebensstil haben.

Und auch zum Thema Dividende versteht Jürgen Röll die Welt nicht mehr: „Wir haben in den vergangenen 30/40 Jahren immer eine Dividende gezahlt. Wenn dann mal ein, zwei Jahre nichts kommt, kann man das doch in Kauf nehmen. Auch stehen wir auf dem Standpunkt, dass der Anteil der Gemeinde nicht nur unter Renditegesichtspunkten zu sehen sein sollte.“

Johannes Illerhaus

Unterstützung bekommt die Baugenossenschaft von der UWG. „Hier machen CDU und SPD irgendwelche Absprachen, ohne vorher mit der Baugenossenschaft gesprochen zu haben. Wir möchten auch für günstigen Wohnraum sorgen und die Baugenossenschaft unterstützen“, sagt Johannes Illerhaus. Für ihn ist eine Anmietung von Wohnungen der Baugenossenschaft zur Unterbringung von Flüchtlingen sinnvoller als der Kauf von Häusern, da es sonst auch zu einer Ghettobildung komme. „Mit den anderen Mietern muss man vernünftige Gespräche führen.“ Die Mentalität, Flüchtlinge ja, aber bitte nicht in meinem Haus, Windkraftanlagen ja, aber bitte nicht in meiner Nähe, ziehe sich mittlerweile durch viele Bereiche.

Bürgermeisterin Birgit Tupat.

Einen ganz schwierigen Stand in der Sache hat übrigens Birgit Tupat als Bürgermeisterin und gleichzeitig Vorsitzende des Aufsichtsrates der Baugenossenschaft. „Wenn es zu einer Entscheidung kommt, werde ich mich wohl enthalten“, sagt Birgit Tupat. Grundsätzlich sei die Baugenossenschaft nicht abgeneigt, Häuser zu veräußern. Der Leerstand sei tatsächlich enorm hoch, aber man sei dabei, Wohnungen zu vergrößern und zu modernisieren. „Aber wenn ganze Grundrisse verändert werden sollen, dann macht man dies nicht mal eben.“ Dass es in der Vergangenheit böse Briefe zwischen Baugenossenschaft und Gemeinde gegeben hat, bestätigt die Bürgermeisterin. Der Grund: die Flüchtlingsunterbringung. „Ich stecke niemanden in eine Wohnung, in der nichts gemacht ist. Die muss in Ordnung sein. Wir haben dann einen Brief geschrieben und unsere Bedenken aufgeführt. Und so hat es schon mal das eine oder andere Missverständnis gegeben. Aber das ist aus dem Weg geräumt.“

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