"Wir brauchen immer Leute, die achtsam sind"

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Erich Reinke, Geschäftsführer des ev. Jugendreferates, mit OGS-Leiterin Svenja Schäfer (links) und Hauswirtschaftskraft Iris Hoppe.

Nachrodt-Wiblingwerde -  Das Leben ist kein Wunschkonzert? Manchmal schon. Die 26 Kinder aus den Klassen 1 bis 4 in der OGS können wählen: Möchten sie zum Schwimmen oder zum Basteln, die Omas und Opas im Pertheshaus besuchen oder Gesellschaftsspiele spielen? Nach einer Schnupperwoche, in der alle AGs vorgestellt werden, wählen die Mädchen und Jungen ihre „Favoriten“ – ein Wohlfühlfaktor im Offenen Ganztag. Die Kinder wissen nicht, dass eine gute OGS reine Glückssache ist – und dass die Qualität der OGS von Kommune zu Kommune unterschiedlich ist.

Es gibt keine landesweiten Regeln oder Standards zu Kosten, Betreuungsstandards und Qualifikation des Betreuungspersonals. Der rot-grünen Landesregierung droht im Wahljahr 2017 heftiger Gegenwind von Eltern und Erziehern. Die sechs Träger der Freien Wohlfahrtspflege in NRW planen ab Januar eine mehrmonatige Großkampagne gegen die finanzielle Schieflage der Offenen Ganztagsgrundschulen (OGS). Die jährliche Finanzierungslücke betrage mehr als 400 Millionen Euro. Die Landesarbeitsgemeinschaft der Arbeiterwohlfahrt (Awo) spricht bereits von einem drohenden „Kollaps“.

Und in Nachrodt? Träger der OGS in der Doppelgemeinde ist das evangelische Jugendreferat in Iserlohn. Das AK sprach mit Geschäftsführer Erich Reinke und OGS-Leiterin Svenja Schäfer. „Mit 20 Kindern bekomme ich genauso viel Geld wie mit 30 Kindern“, sagt Erich Reinke. „Und das macht es so schwer bei OGS.“

 Das Jugendreferat ist Träger von acht OGS in fünf Kommunen. „Und jede hat einen anderen Standard. Wir haben hier ein fantastisches Verhältnis mit der Gemeindeverwaltung und haben die Dinge zusammen entwickelt, um eine optimale Betreuung zu gewährleisten“, so Erich Reinke. Das Land schütte leider nicht so viel Geld aus, sondern gebe eine Regelfinanzierung und nicht mehr. Von den tariflichen Erhöhungen von 2,5 bis 3,5 Prozent jedes Jahr für die Personalkosten, die nirgends aufgefangen würden, ganz zu schweigen. 

 „Deswegen schlagen alle Wohlfahrtsverbände Alarm. Das kann ich gut verstehen. Ich sage auch: Liebes Land, ihr müsst mal gucken, was ihr da macht. Ich halte das OGS-Modell für genial, nur das muss auch finanziell unterfüttert werden. Die Kommunen können auch nicht mehr. Es gibt Standards, die wir hier miteinander vereinbart haben, wie wir unser Personal aufstellen.“ Die OGS in Nachrodt leitet Erzieherin Svenja Schäfer (mit 26,5 Stunden). Auch ihre Kollegin Martina Luther (23,25 Stunden) hat eine pädagogische Ausbildung. Iris Hoppe (7,5 Stunden) ist als Hauswirtschaftskraft eingesetzt. Und: Es gibt eine große Kontinuität – ein riesiger Vorteil in Nachrodt.

 Aber nur ein Blick über den Tellerrand: In Hemer sind es 30 und 24 Stunden bei den Mitarbeiterinnen. Zu den Landesmitteln tut jede Kommune etwas dazu – „und das macht sie, wie sie das kann.“

Zahlen, Daten, Fakten. Und doch steht nur eines im Vordergrund: Das Wohl des Kindes. „Wir brauchen einfach immer Leute, die achtsam sind. In Nachrodt sind die Strukturen kleiner, nicht so anonym. Ein Riesenplus.“

Warum nur aktuell 26 Kinder die OGS besuchen – wenn doch 30 maximal möglich wären – erklärt OGS-Leiterin Sonja Schäfer so: „Nachrodt ist keine Großstadt. Hier sind die Sozialstrukturen noch einmal anders.“ Oma, Opa, Bruder, Tante: Damit sind die Kinder schon besser grundversorgt. „Hier gibt es oft sogar noch die Uroma im Haus.“ „Wir haben immer zwischen 20 und 28 Kinder.

 Der Pegel ist nie hochgegangen auf 40. Nie“, sagt auch Erich Reinke. „Es gibt viele Fans von OGS, aber auch Leute, die sagen: Mein Kind soll zur Schule, dann zur Oma gehen und dann bin ich da.“ Und Oma, ergänzt Svenja Schäfer, freut sich auch, ist eingebunden und fühlt sich nicht aufs Abstellgleis geschoben. Zudem gibt es die Wahrnehmung, dass die 8 bis 1 Betreuung zukünftig mehr Raum einnehmen wird.

 „Wir sind Träger von 13 Einrichtungen 8 bis 1. Vielen Familien reicht eine Betreuung bis 2 Uhr. Jetzt kommen alle aus dem Busch und stellen Überlegungen 8 bis 2 an. Das ist schon spannend“, sagt Erich Reinke.

Und ein Blick in die Tiefe der Betreuung: „Werte und Normen gehen völlig den Bach runter“, finden die Experten. Erziehung werde gern mal abgegeben. An Schule, an OGS. „Ich bin 20 Jahre in dem Beruf. Früher haben die Kinder Frau Schäfer gesagt, heute eher ey..“ Auch die Beschwerdekultur sei heftig. „Sie glauben nicht, wie oft mich Eltern anrufen und mit Klagen drohen. Das hat es vor zehn Jahren nicht gegeben. Da gibt es einen Wandel“, erzählt Erich Reinke und wird nachdenklich: „Wir als Kirche versuchen immer wieder mit Werten und Normen an die Leute heranzutreten. Aber wir sind ja nicht mehr ganz so beliebt. Trotzdem sind wir mit aller Kraft dabei und werden nicht müde. Aber wir werden kaum noch wahrgenommen.“ Die Welt dreht sich schneller – „als wir es oftmals noch hinkriegen.“

Zu den Finanzen: Die Gemeinde Nachrodt-Wiblingwerde bekommt vom Land 744 Euro pro Schuljahr und Kind. Zudem 1484 Euro, wenn ein sonderpädagogischer Förderbedarf besteht (aktuell ein Kind), genauso viel wird bewilligt, wenn ein Flüchtlingskind erstmals in die IGS kommt (aktuell ein Kind). Für das Schuljahr 2016/2017 gibt es 16360 Euro vom Land. Die Gemeinde muss einen Eigenanteil von 435 pro Schuljahr und Kind aufbringen: das sind 10440 Euro. Nach den neuen Einkommensgrenzen zahlen die Eltern zusammen aktuell 13050 Euro im Jahr. Damit bleibt noch eine Lücke von rund 28300 Euro, die „wir zu dem Eigenanteil auch noch tragen“, sagt Bürgermeisterin Birgit Tupat. „Das ist im Stärkungspakt nicht unerheblich. Aber wir wollen den Standard auf jeden Fall halten.“

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