"Der Flüchtlingskreis könnte mehr tun..."

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Birgit Schulte-Pinto im Sozial- und Kulturausschuss

Nachrodt-Wiblingwerde - Viele sind sehr bemüht, haben schon gut Deutsch gelernt und versuchen sich zu integrieren. Andere „sitzen da und warten darauf, dass man etwas für sie tut.“ Wie überall, gibt es auch bei Flüchtlingen solche und solche. Einen Blick hinter die Kulissen gewährte Birgit Schulte-Pinto während der Sitzung des Sozial- und Kulturausschusses.

Seit dem 1. Mai ist sie als Sozialarbeiterin mit einer wöchentlichen 19,5 Stunden-Stelle für die Betreuung der Flüchtlinge zuständig. Nicht ganz zufrieden ist sie mit der Flüchtlingshilfe. „Sie könnte mehr machen“, so Schulte-Pinto in einem Nebensatz, der aber nicht unterging. Zurzeit hat die Gemeinde 28 Unterkünfte für die Flüchtlinge, davon 25 angemietete, zwei gemeindeeigene Wohnungen und eine Gemeinschaftsunterkunft.

Im laufenden Verfahren sind aktuell 67 Personen, mit Duldung acht, mit einem abgeschlossenen Verfahren 33, davon fünf Familien und 13 Einzelpersonen. „Das ist Stand von heute, das kann morgen schon ganz anders sein“, so Birgit Schulte-Pinto im Sozialausschuss, der von Susanne Jakoby geleitet wurde. Ihr Aufgabenbereich ist mehr als vielfältig. Sie erstellt und aktualisiert die Belegungslisten, kümmert sich um die Unterbringung und Ausstattung, versucht Problemen auf den Grund zu gehen, wenn sich Nachbarn beispielsweise aufgrund von fehlender Mülltrennung beschweren, und hält den Kontakt zu den Hauseigentümern.

Sie hat auch Schwimmkurse organisiert. „Ein zeitlich ziemlich aufwändiger Punkt ist die Weiterleitung der Post. Sehr viel Post kommt im Amtshaus an und oft geht es um Termine“, sagt die Sozialarbeiterin, die sich auch um Krisenintervention bemüht. Mit anderen Worten: „Es ist vorgekommen, dass ein Verdacht auf unangemessenes Verhalten gegenüber Familienmitgliedern besteht“, drückt es Birgit Schulte-Pinto vorsichtig aus. Die Rede ist von häuslicher Gewalt.

Auch bei Auseinandersetzungen in den Sammelunterkünften wird sie eingeschaltet. „Meistens fahre ich dort mit Herrn Wille hin. Zu den Sammelunterkünften immer“, erzählt die Flüchtlings-Betreuerin auf Nachfrage von Lars Wygoda (CDU).

„Wir hatten auch den Fall, dass zwei Kinder verschwunden waren. Da wurden wir abends angerufen. Wir haben Lehrer und Klassenkameraden kontaktiert. Die Kinder sind wohlbehalten wieder aufgetaucht, hatten einfach beim Spielen die Zeit vergessen. Aber die Eltern waren natürlich in Panik. Da muss man Eltern unterstützen. Sie haben etwas erlebt, was wir nicht erlebt haben. Und bei solchen Situationen sind sie dann sofort sehr verunsichert“, erzählt die Sozialarbeiterin.

Drei Mal in der Woche hat Birgit Schulte-Pinto Sprechstunde im Amtshaus – und hilft beispielsweise, wenn die Flüchtlinge Schriftstücke bekommen, die sie nicht verstehen. Sie führt Telefonate mit GEZ, Unitymedia, dem Ausländeramt oder dem Sozialamt. Sie fährt auch mit zu den Ämtern. Wenn die Verfahren zum Abschluss kommen, sind die Asylbewerber keine Asylbewerber mehr, sondern gehen in die Zuständigkeit des Jobcenters über. Die Menschen haben dann auch das Recht und die Pflicht, sich eine eigene Wohnung zu suchen. „Und das ist relativ kompliziert“, sagt Birgit Schulte-Pinto. „Ich habe im Moment fünf Familien und 13 Einzelpersonen, für die ich auf Wohnungssuche bin. Es ist in Nachrodt schwierig, weil die Familien recht groß sind. Da komme ich mit einer Drei-Zimmer-Wohnung nicht weit.“ Viele würden gern hier bleiben, weil sie die Struktur der Gemeinde kennen und sich gut aufgehoben fühlen.

„Wenn Asylbewerber anerkannt sind, fallen sie sofort aus der Zahlung des Landes raus. Wir müssten uns eigentlich nur auf die konzentrieren, die wir noch haben. Das ist aber in der Praxis schlecht umsetzbar. Wir sehen zu, dass sie so schnell wie möglich ans Integrationszentrum verwiesen werden“, so Ordnungsamtsleiter Axel Boshamer. „Ich bekomme keine Mitteilung darüber, wenn ein Verfahren abgeschlossen ist“, stellt Birgit Schulte-Pinto ein größeres Problem mit dem Ausländeramt vor. „Ich bekomme nur dann die Information, wenn ich die Asylbewerber befrage.“ Und so macht sie Hausbesuche – auch, um zu gucken, ob mit den Kindern alles in Ordnung ist, ob Vorsorgeuntersuchungen gemacht werden.

Einmal im Monat ist sie in den Kindergärten und begleitet Erstkontakte zu den Schulen. Ein Problem sei fehlendes Schulmaterial. „Die Eltern bekommen zwar 70 Euro vom Sozialamt, aber sie kaufen es nicht. Das ist ein Punkt, um den ich so manche Diskussion führe.“

Zurück zum Flüchtlingskreis und der Ansicht von Birgit Schulte-Pinto, dass dieser mehr tun könnte. Sie begründet es so: „Wenn die Leute ausziehen und eine eigene Wohnung bekommen, dann brauchen sie wieder alles neu. Denn was in den Wohnungen ist, gehört der Gemeinde. Wenn ich Angebote bekomme für einen Kühlschrank oder einen Herd oder ein Schlafzimmer, dann soll das abgeholt werden. Aber das kann ich nicht. Ich habe niemanden, der mich da unterstützt.“

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