Vier Frauen, eine Herzensangelegenheit

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Wünschen sich Verstärkung: Elfriede Sickart, Gisela Linnhoff, Lotte Glasow und Christel Bauer

Nachrodt-Wiblingwerde -  „Das ist nichts für mich. Das kann ich nicht. Diese ganzen alten Leute, was soll ich denn mit denen machen?” Wer jetzt nickt und findet, dass die Hemmschwellen zu groß sind, dass es ohnehin schwer genug ist, den Alltag zu meisten, geschweige denn, sich noch ein Ehrenamt aufzuladen, der sollte unbedingt zwei Sachen wissen: Die Freude, die man geben kann, ist unbezahlbar und kommt doppelt zurück. Und: Es gibt vier Frauen in Nachrodt, die ganz selbstverständlich seit vielen Jahren den Besuchsdienst im Pertheshaus übernehmen. Aus Nächstenliebe.

 Gisela Linnhoff, Christel Bauer, Lotte Glasow und Elfriede Sickart sind die Nachrodterinnen, die alle 14 Tage samstags – und immer zu zweit – die Bewohner des Pertheshauses besuchen. „Viele warten dann schon auf uns”, erzählt Lotte Glasow schmunzelnd. Man trifft sich um 15.30 Uhr im Tagesraum. Es wird vorgelesen, gesungen, manchmal gebastelt oder gemalt, Stadt-Land-Fluss gespielt („da wollen sich alle immer überbieten”) oder Sprichwörter vervollständigt („eigener Herd ist….. “).

„Im Wonnemonat Mai ging es natürlich auch um die Maikäfer und Wilhelm Busch”, sagt Gisela Linnhoff, die selbst 80 Jahre alt ist – also älter als manch ein Pertheshaus-Bewohner. Auch Lotte Glasow wird in diesem Jahr 80, Christel Bauer ist 75 und Elfriede Sickart ist mit ihren 71 Jahren das „Küken”. Dass sich die Frauen gern Nachwuchs und Unterstützung für den Besuchsdienst wünschen, versteht sich da von selbst. Früher sind die Damen immer sonntags ins Pertheshaus gegangen - weil sonntags im Haus kein Programm angeboten wurde und viele Bewohner auch keinen Besuch von ihren Angehörigen bekamen. Jetzt ist aber das Café im Pertheshaus sonntags geöffnet.

„Das ist übrigens für alle Nachrodter”, sagt Einrichtungsleiterin Christa van der Beck, die das Pertheshaus gern in die Mitte von Nachrodt rücken möchte. „Viele gehen am Dümpel spazieren und wissen gar nicht, dass sie bei uns Kaffee trinken können. Bei schönem Wetter kann man auch draußen sitzen”, möchte Christa van der Beck alle Nachrodt-Wiblingwerder einladen, doch einmal vorbei zu schauen. Berührungsängste müsse man nicht haben.

 Die hat Lotte Glasow sowieso nie gehabt. Seit vielen Jahren – eigentlich schon seit Mitte der 1990er-Jahre – schafft sie mit Elfriede Sickart für die älteren Menschen im Pertheshaus eine schöne Abwechslung vom ganz normalen Alltag in der Altenpflegeeinrichtung. Und auch Gisela Linnhoff und Christel Bauer, seit knapp einem Jahrzehnt dabei, haben ihr Engagement nie als Pflichtaufgabe oder zusätzlichen Stress empfunden – obwohl das Wochenende ja für viele heilig ist und der Familie gehört. Eineinhalb Stunden vergehen wie im Flug Für die 48 Bewohner in zwei Bereichen des Pertheshauses ist der Besuchsdienst eine ganz besondere Sache, auch, weil mal über ganz andere Dinge gesprochen wird. „Und das Lied ‘Kein schöner Land’ wird immer so gern gesungen. „Als Muttertag war, haben wir die Bewohner ermutigt, von ihren Erfahrungen zu erzählen”, sagt Elfriede Sickart und findet, dass die eineinhalb Stunden immer wie im Flug vergehen.

 Eineinhalb Stunden alle zwei Wochen: Für viele ist dies nur ein Wimpernschlag, für die alten Menschen im Pertheshaus dagegen eine Zeit, die sie schätzen und lieben – und für die sie dankbar sind. „Wir machen immer einen Vierteljahresplan und schauen, wer wann kann”, sagt Christel Bauer. Auch Einrichtungsleiterin Christa van der Beck ist mehr als begeistert: „Einen Besuchsdienst am Wochenende kannte ich so gar nicht. Ich finde das großartig”, sagt die 61-Jährige. Für den Spätherbst plant sie einen Tag der offenen Tür im Pertheshaus. „Bei uns kann man übrigens auch zum Mittagstisch kommen. Einfach anrufen und anmelden”, möchte Christa van der Beck verdeutlichen, dass die Altenpflegeeinrichtung ein Ort ist, bei dem man durchaus auch einfach vorbei schauen kann.

Und es ist ein Ort, an dem sich die Bewohner wohl fühlen. „Ich habe noch nie erlebt, dass einer gesagt hat, es sei schrecklich hier”, erzählt Christa van der Beck, die aber verstehen kann, dass ältere Menschen so lange wie möglich zu Hause in ihrer vertrauten Umgebung bleiben möchten. „Das möchte ich später auch”, sagt die Pertheshaus-Leiterin. Und so entfacht eine Diskussion über das Leben im Alter, über Wohngemeinschaften (Lotte Glasow: „Ich finde es gut, wenn jeder für den anderen sorgen kann”) und Mehrgenerationenhäuser. Und auch Altenpflegeeinrichtungen können ihren Schrecken als letzte Station verlieren. „Man muss sich das Haus nur genau anschauen, wo man hin möchte.“

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