Die Welt besteht aus Kanten, Stufen und schmalen Toiletten

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Petra Hübchen schätzt kleine Hilfsmittel.

Nachrodt-Wiblingwerde -  Unabhängig voneinander sind sich Sozialverbandsvorsitzende Petra Hübchen und Bürgermeisterin Birgit Tupat einig: „An Barrierefreiheit hat keiner so recht gedacht, als Nachrodt-Wiblingwerde entstanden ist.“ Das gilt auch fürs Amtshaus, wo ein bisschen Improvisationstalent gefragt ist, wenn ein gehbehinderter Bürger seine Angelegenheiten vortragen möchte.

 Vorab: Petra Hübchen will nicht meckern. „Ich habe mir selbst mein Leben lang nicht einen einzigen Gedanken um Barriefreiheit gemacht, bis ich sie selbst nötig hatte“, erklärt die Sozialverbandsvorsitzende schmunzelnd. Durch hartes Training nach einem schweren Schlaganfall konnte sie sich zwar weitgehend von Rollstuhl und Rollator emanzipieren und ist heute meist mit Gehstock unterwegs, doch eine barrierefreie Infrastruktur benötigt sie trotzdem.

„Die Welt besteht aus Kanten, Stufen und schmalen Toiletten ohne Haltegriffe. Aber ich sage Ihnen: Auch Nicht-Behinderte wissen es zu schätzen, wenn solche Schwellen abgebaut werden.“

 Petra Hübchen sieht das in ihrem eigenen Verein: „Da hat ja nicht jeder einen Behindertenausweis. Aber auch die kleinen Stufen, die zu unserem Treffpunkt im Haus Hagener Straße 96 führen, die schafft man nicht so locker, wenn die Gelenke eingerostet sind oder die Sehkraft nachlässt.“ Um sich auch die Stufen zu sparen, die von der B236 zum ehemaligen AWo-Haus führen, fahren manche Nutzer des Hauses den kleinen Parkplatz hinter dem Haus an.

 „Wenn wir mal in die Situation kommen, dass ein komplett gehunfähiger Besucher zu uns kommen möchte, müssten wir uns mit einer mobilen Rampe behelfen. „Das ist ein Hilfsmittel, das heutzutage günstig und platzsparend erhältlich ist“, erklärt Petra Hübchen. Und vielleicht ein Problem lösen könnte, vor dem viele Immobilienbesitzer in der Doppelgemeinde stehen: Der Denkmalschutz, der auch umbauwilligen Bürgern viele Steine in den Weg legt. „Ich würde mir auch einen Aufzug am Amtshaus wünschen, aber keine Denkmalrichtlinie lässt einen solchen Umbau zu. Und für einen Treppenlift innerhalb des Gebäudes ist das Amtshaus zu schmal gebaut“, bedauert Birgit Tupat.

Menschen mit Gehbehinderungen legt sie deshalb ans Herz, sich mit dem zuständigen Mitarbeiter in Verbindung zu setzen. „Der kommt dann auch runter und wir finden eine Gesprächsmöglichkeit im Erdgeschoss.“ Es sei in der Vergangenheit auch vorgekommen, dass bettlägerige Pflegeheimbewohner noch einen aktuellen Personalausweis beantragt hätten. „Dann sind auch Kollegen ins Heim gekommen, um Unterschriften zu holen.“

Petra Hübchen schätzt es im Alltag, wenn sie auf serviceorientiertes Personal trifft. Sie hat sich im unteren Gemeindebereich umgesehen. Lob hat sie für sämtliche Arztpraxen, die allesamt gut für Menschen mit Behinderungen zugänglich sind. Oder die evangelische Kirchengemeinde Wiblingwerde, die mit dem Treppenlift im Gemeindehaus und der Rollstuhlfahrertoilette gut voraus gedacht hat.

„Gerade Toiletten sind ein ganz wichtiges Thema“, betont Petra Hübchen, die Interessenten gern dahingehend berät, wie sie an den sogenannten Euroschlüssel für Behindertentoiletten im in- und Ausland kommen. Auch im eigenen häuslichen Bereich können sich Betroffene oder Vorausdenkende gut behelfen: „Zum Beispiel mit zusätzlichen Haltegriffen im Treppenhaus oder in der Dusche.“ Unabhängig von Hilfsmitteln sei gegenseitige Rücksichtnahme das Mittel schlechthin, um Menschen mit körperlichen Einschränkungen das Leben zu erleichtern. „Vielleicht mal im Winter einen Meter Schnee mehr wegräumen, wenn der Nachbar es nicht mehr schafft“, verweist Petra Hübchen auf Kleinigkeiten im Alltag.

Und Paul Krause, Sohn ihrer besten Freundin Iris, hat noch einige Anregungen für den Umgang mit nicht sichtbaren Behinderungen: Als Asperger Autist wünscht er sich Akzeptanz für Situationen, in denen er seinem Gegenüber nicht in die Augen sehen kann oder die Hand nicht reichen mag. Und Freiräume in Situationen, die ihn überfordern. „Auch Schuh- und Bekleidungsgeschäfte können etwas für Asperger Autisten tun, indem sie diesen Kunden Ruhezonen einrichten. Aber am allermeisten wünsche ich mir, dass der Begriff Behinderung nicht mehr als abwertendes Schimpfwort in der Alltagssprache vorkommt.“

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