Interview zur Flüchtlingssituation: Bevölkerung hatte Vorbehalte

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Die Gemeinde rechnet damit, dass bis zum Jahresende noch mindestens 40 Flüchtlinge kommen werden. Foto: dpa

Nachrodt-Wiblingwerde - Die Kommunen spüren eine zunehmende Belastung durch die Aufnahme von Asylbegehrenden und fühlen sich oftmals von der Landesregierung im Stich gelassen. Auch für die Gemeinde Nachrodt-Wiblingwerde wächst die Belastung – nicht nur finanziell. Volker Griese hat mit dem zuständigen Fachbereichsleiter im Amtshaus, Axel Boshamer, die derzeitige Flüchtlingssituation in der Gemeinde erörtert:

Wieviele Flüchtlinge leben derzeit in der Gemeinde?

Derzeit sind es 54 Flüchtlinge, außerdem fünf anerkannte und vier geduldete Asylbewerber.

Welche Nationalitäten sind hier vertreten?

Insgesamt 18. Sie kommen aus Algerien, Pakistan, Kosovo, Irak, Albanien, China, Syrien, Aserbaidschan, Marokko, Guinea, Türkei, Ghana, Eritrea, Georgien, Afghanistan, Bangladesch, Indien und Somalia.

Sind auch unbegleitete minderjährige Flüchtlinge darunter?

Nein.

In welcher Verfassung kommen die Menschen im Allgemeinen hier an?

Körperlich in guter Verfassung, aber einige Menschen sind noch traumatisiert, weil sie viel durchgemacht haben. Teilweise herrscht auch Verwirrung, weil die kleine Gemeinde für sie etwas völlig Fremdes darstellt.

Nach welchen Kriterien entscheiden Sie, wo die Flüchtlinge untergebracht werden?

Wir haben derzeit drei Häuser zur Verfügung, wo unverheiratete junge Männer untergebracht werden, die die Mehrzahl der zugewiesenen Personen darstellen. Bei der Unterbringung achten wir darauf, dass einzelne Personengruppen, die sich auch untereinander verständigen können, zusammen wohnen und auch leben. Das hat den Vorteil, dass hier eine gegenseitige Hilfestellung erfolgen kann.

Stichwort Willkommenskultur: Wie erleben Sie die Reaktionen aus der einheimischen Bevölkerung?

Die Willkommenkultur in Nachrodt ist gut. Es haben sich zwei Dinge entwickelt, die die Arbeit mit den Asylbewerbern unterstützen. Zu einem haben wir das Flüchtlingscafé, das durch die Politik etabliert wurde und wo man sich zum zwanglosen Austausch trifft. Dieses Café wird sowohl von der einheimischen Bevölkerung als auch von den Flüchtlingen gut angenommen. Aus dieser Arbeit heraus ist auch ein Asylteam entstanden. Dies ist eine Vielzahl von Einwohnern, die untereinander vernetzt sind und besonders den Flüchtlingsfamilien beim Umzug geholfen haben. Hier wurde jeder Familie ein Pate zugewiesen, bei bei Problemen Ansprechpartner für die Gemeinde ist. Weiterhin gibt es noch sehr viele Menschen, die gerne Sachspenden für dier Asylbewerber abgeben möchten: Handtücher, Bettlaen und Bettwäsche wurden immer wieder abgegeben, ebenso Geschirr. Insgesamt stößt die Unterbringung der Asylbewerber hier auf ein sehr positives Interesse.

Einige Flüchtlinge sind ja bereits in Wohnungen der Baugenossenschaft untergebracht worden. Gibt es da – oder erwarten Sie – Probleme mit Nachbarn?

Axel Boshamer wünscht sich mehr Beschäftigungsmöglichkeiten insbesondere für männliche Flüchtlinge. Foto: Griese

Der Gemeinde wurden in den Jahren 2013 und 2014 Familien zugewiesen, die zunächst zentral in der Hagener Straße 116 (eine Flüchtlingsunterkunft der Gemeinde, d. Red.) untergebracht waren. Es hat sich jedoch gezeigt, dass aufgrund von ärztlichen Gutachten eine Unterbringung in normalen Wohnungen sinnvoller erscheint, weil die Flüchtlinge hier am normalen Leben teilhaben können. Aus diesem Grunde wurden zwei Wohnungen für Familien an der Bachstraße, eine Wohnung für eine alleinstehende junge Frau und zwei Wohnungen in einem weiteren kommunalen Gebäude angemietet und bezugsfertig gemacht. Der Bezug erfolgt an der Bachstraße in enger Abstimmung mit der Baugenossenschaft. Am Anfang hat es hier schon Vorbehalte gegeben, weil die Bewohner der Mehrfamilienhäuser mit der Situation überfordert waren. Allerdings hat es auch Gespräche mit der Baugenossenschaft, den Bewohnern und auch den Paten gegeben, in denen Spielregeln festgelegt wurden, an die sich alle Parteien halten müssen. Ich würde mir wünschen, dass das Zusammenleben kurzfristig funktionieren wird. Wir sind hier in einem dauernden Dialog.

Manche Familien kommen ja auch mit Kindern im schulpflichtigen Alter nach Deutschland. Gibt es solche auch in der Gemeinde? Welche Schulen besuchen diese Kinder?

Wir haben derzeit insgesamt acht Kinder, die mit ihren Familien gekommen sind. Drei davon besuchen die Grundschule in Nachrodt, weil sie im schulpflichtigen Alter sind.

Wie sieht es mit dem Besuch einer Kindertageseinrichtung aus? Nehmen die Flüchtlingsfamilien das in Anspruch? Und wer übernimmt die Kosten dafür?

Ein Kind geht in einen Kindergarten. Die Kosten hierfür übernehmen der Märkische Kreis und teilweise auch das Evangelische Jugendreferat.

Was müsste aus Ihrer Sicht zusätzlich getan werden, um Flüchtlinge besser zu integrieren?

Es müssten zum einen die Asylverfahren beschleunigt werden, damit die Asylbewerber und auch die Behörden schneller Klarheit haben. Um die Asylbewerber zu integrieren, müssen zum anderen besonders für die jungen Männer Beschäftigungsangebote erstellt werden, damit diese etwas Sinnvolles tun können. Es gibt viele Flüchtlinge, die auch gerne ein Praktikum machen würden. Das geht aber im Moment noch nicht, weil hier bürokratische Hürden im Weg stehen. Und: Es sollten – entweder durch Ehrenamtler oder sonstige Personen oder Institutionen – Möglichkeiten geschaffen werden, dass die Asylbewerber möglichst schnell die deutsche Sprache lernen können. Bisher gibt es diese Möglichkeit im Stellwerk in Altena und bei der Flüchtlingsberatung der Diakonie in ISerlohn. Es wäre aber schön, wenn es solche Möglichkeiten am Ort selbst geben würde.

Problematisch ist ja nach wie vor, dass die Kommunen für die Behandlungskosten kranker Flüchtlinge aufkommen müssen. Ist die Gemeinde davon auch betroffen? Wie hoch sind diese Kosten?

Eine Vielzahl der Flüchtlinge nimmt psychologische Hilfe in Anspruch. Hinzu kommen auch Erkrankungen, die zwingend behandelt werden müssen. Beispielsweise haben wir einen Asylbewerber, der Diabetes hat, ein anderer hat eine schwere Krebserkrankung und wieder ein anderer hat erhebliche Herzprobleme. Darüber hinaus kommt es auch immer wieder vor, dass gerade die Kinder wegen Kinderkrankheiten ein Krankenhaus aufsuchen müssen. Die dadurch entstehenden Kosten stellen für die Gemeinde schon ein Problem dar, weil alle Abrechnungen direkt an die Gemeinde gehen und von keiner Krankenkasse übernommen werden. Dadurch hat die Gemeinde im vergangenen Jahr knapp 36 000 Euro an Krankenkosten aufgewandt. In diesem Jahr liegen wir – stand: 30. Juni – bei knapp 72 000 Euro. Das hängt einerseits mit der erhöhten Zuweisung insgesamt und andererseits mit einer erhöhten Zuweisung von kranken Asylbewerbern zusammen.

Wieviele Flüchtlinge erwarten Sie in diesem Jahr noch? Reichen die Unterkünfte dafür aus oder wie sollen die Menschen untergebracht werden?

Aufgrund der erzeitigen Entwicklung in den Aufnahmeländern und der Tatsache, dass immer noch mit mehr Flüchtlingen auch im Mittelmeer gerechnet werden muss, gehe ich davon aus, dass wir in Nachrodt bis zum Jahresende noch mindestens 40 Personen bekommen werden. 20 Personen würden wir im Moment noch gut in den drei Häusern unterbringen können – soweit es sich um männliche Einzelpersonen handelt. Bei Familien müssten wir dann gegebenenfalls sofort wieder Kontakt mit der Baugenossenschaft aufnehmen, um diese dann direkt in Mietwohnungen unterzubringen. Allerdings ist diese Situation nicht planbar, weil wir als Gemeinde jeden Tag damit rechnen müssen, Personen aufzunehmen. Jedoch können wir – wenn es sich um Familien handelt – mit Hilfe der Baugenossenschaft und des Arbeitskreises Asyl sehr schnell handeln.

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