Gemeinnützige Baugenossenschaft Nachrodt-Wiblingwerde steht vor der Auflösung

Altenaer Baugesellschaft prüft Übernahme

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Johannes Eickmann und Renate Rump (von links) müssen im kommenden Jahr aus ihrem Amt ausscheiden. Dann würde auch Jürgen Röll (rechts) seinen Posten im Vorstand räumen

Nachrodt-Wiblingwerde - Es war ein Paukenschlag. Die Gemeinnützige Baugenossenschaft Nachrodt-Wiblingwerde könnte es schon bald nicht mehr geben. Zumindest nicht mehr in bisheriger Form. Die aktuelle Entwicklung fordert ein Umdenken. Denkbar wären eine Auflösung, eine Übernahme des Bestandes durch die Altenaer Baugesellschaft oder ein hauptamtlicher Vorstand, der eingestellt werden müsste. Die 317 Mieter schien das am Freitagabend, 7. Oktober, aber  kaum zu interessieren. Lediglich 25 hatten sich im Saal der Rastatt zur Genossenschaftsversammlung eingefunden.

Dabei waren sie im Vorfeld alle angeschrieben worden. Mit einem Brief machte der Vorstand auf die anstehenden Veränderungen aufmerksam. Seit geraumer Zeit beschäftigen sich Vorstand und Aufsichtsrat mit der Thematik. Denn schon im kommenden Jahr würden Johannes Eickmann und Renate Rump aus dem Vorstand ausscheiden.

Vorstand verändert sich

 Auch Jürgen Röll würde dann sein Amt niederlegen. Bisher hatten sie ehrenamtlich die Geschicke der Genossenschaft bestimmt. Einen neuen ehrenamtlichen Vorstand zu finden, sei nahezu unmöglich. Die Summen, mit denen gearbeitet wird, gehen in die Millionen, die gesetzlichen Anforderungen werden immer größer und die Erwartungen der Mieter an den Vorstand steigen. Die Arbeitsbelastung beläuft sich auf mehrere Tage in der Woche. Das kann ehrenamtlich nicht mehr länger geleistet werden. Hinzu kommt, dass die Gewinne immer kleiner werden und in diesem Jahr sogar ein Verlust verzeichnet werden musste. „Ausgangspunkt für diese Problematik ist die seit geraumer Zeit für uns schwierige Situation auf dem Wohnungsmarkt, die sich

Schwierige Situation

durch ein großes Angebot an Wohnungen in unserer Region ausdrückt“, erklärte Röll. Dies führe zu einer abnehmenden Nachfrage im Ort und zahlreichen Mieterwechseln. Interessierte Mieter hätten zudem gestiegene Erwartungen an Zuschnitt und Zustand der Wohnungen. „Dies ist nur mit erheblichen Aufwendungen, Modernisierungen und Sanierungen möglich – und die kosten Geld“, betonte Röll. Es sei zwar gelungen, die Leerstandsquote in den vergangenen Jahren zu senken, die Zukunftsaussichten seien jedoch nicht gerade rosig. Zudem sei aufgrund des demografischen Wandels eine weitere deutliche Senkung des Leerstands nicht zu erwarten. „Vielmehr wird der Verkauf oder Abriss weiterer Wohnhäuser und eine Modernisierung und Anpassung des verbleibenden Wohnbestandes an den heutigen Standard erforderlich sein“, sagte Röll.Aus diesem Grund hätten Vorstand und Aufsichtsrat versucht, Kooperationen mit anderen Genossenschaften zur Teilübertragung von Aufgaben wie Buchhaltung oder technische Betreuung einzugehen. „Diese konnten jedoch aus Kapazitätsgründen oder Desinteresse an einer Zusammenarbeit nicht realisiert werden“, erklärte Aufsichtsratsvorsitzende Birgit Tupat. Verhandlungen mit in der Region tätigen nicht genossenschaftlichen Wohnungsunternehmen

Übernahme möglich

zwecks Zusammenarbeit beziehungsweise Übernahme hätten ergeben, dass lediglich bei der Altenaer Baugesellschaft grundsätzliche Bereitschaft bestehe. „Die Mietverhältnisse würden unverändert bestehen bleiben“, betonte Tupat. Voraussetzung hierfür wäre jedoch die Auflösung und Liquidation der Genossenschaft durch einen

Nur wenig Interesse zeigten die Mitglieder.

Beschluss der Mitgliederversammlung. Joachim Effertz, Vorstand der Altenaer Baugesellschaft, war ebenfalls anwesend und erklärte, wie konkret die Überlegungen bereits sind, denn die Gespräche wurden bereits vor zwei Jahren aufgenommen. So wolle man auf jeden Fall in Nachrodt-Wiblingwerde präsent sein. Vorstellbar wäre die Errichtung eines Treffpunkts am Hermann-Löns-Weg. Die jetzigen BG-Häuser, die dort leer stehen, sollen abgerissen werden. Mitglied Peter Herbel wollte das nicht so einfach durchwinken: „Wir sollten sehen, dass wir einen

Herbel fordert externe Experten

externen Experten zu Rate ziehen, der uns genau sagt, was es kostet, einen Vorstand hauptamtlich zu beschäftigen und was im Falle einer Liquidation auf uns zu käme. Sonst könnte es sein, dass wir einen voreiligen Beschluss später bereuen.“ Ein Vorschlag, der Zustimmung fand und auf jeden Fall umgesetzt werden soll. Aufsichtsratsmitglied Heinz Hermann sagte aber auch: „Wir haben bei der Verbandsprüfung gesagt bekommen, dass eine Genossenschaft mit diesen Erträgen langfristig nicht tragbar ist, wir sind uns bewusst, was es bedeutet eine so traditionsreiche Genossenschaft aufzulösen. Genau deswegen müssen wir genau überlegen, denn wir wollen auch in 40 Jahren noch aufrecht durch die Gemeinde gehen können.“

Sieben Millionen Euro Bilanzsumme

Deutlich kritischer sah Peter Joergens das Geschehen: „Sind denn Bemühungen gemacht worden, jemanden zu finden, der das ehrenamtlich fortsetzen könnte?“ Dem entgegnete Mitglied Michael Schlieck: „Tatsache ist, dass ein Unternehmen mit fast sieben Millionen Bilanzsumme nicht ehrenamtlich geführt werden kann. Wir müssen den Weg gehen, der für alle Seiten am besten ist.“ Nun soll zunächst das von Herbel geforderte externe Gutachten erstellt werden. Danach wird in einer außerordentlichen Mitgliederversammlung über die Zukunft der Baugenossenschaft beraten und abgestimmt.

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