„Rent a dog“: Daisy ist ein gemieteter Vierbeiner

Das ist Daisy. Sie wurde 2009 geboren und lässt mit ihren großen Augen und dem wuscheligen Fell alle Herzen schmelzen. Foto: Fischer-Bolz

Nachrodt-Wiblingwerde - Niedlicher geht es eigentlich nicht: große Knopfaugen, wuscheliges Fell. Wenn Daisy angerannt kommt, dann schmelzen die Herzen. Der Cairn Terrier ist aber nicht nur zauberhaft, er hat auch eine besondere Geschichte: Er ist ein Miethund. Tatsächlich gehört er nämlich nicht Lilo Schürmann, bei der er lebt. Der tapsige Vierbeiner kommt aus der Vermittlung von „Bluebello“ – das ist eine Hunde-„Agentur“, die treue Vierbeiner an ältere Menschen vermittelt. Mit Rückgaberecht.

Lilo Schürmann hatte immer Hunde. „Mein erster Hund war ein Boxer“, erzählt die sympathische Nachrodterin. Als Nora verstarb, entschied sie sich mit ihrem Mann für einen Dackel. „Das war schon eine große Umstellung. Dackel sind viel lebendiger. Wir haben sie dann auch gezüchtet“, schwärmt die heute 80-Jährige. Mit 15 Jahren musste ihre letzte Hündin mit dem stolzen Namen Gisa von der Klarashöh eingeschläfert werden. Das war 2014. Schon lange lebte Lilo Schürmann zu dieser Zeit allein. Ihr Mann verstarb 2001, die fünf Kinder waren längst aus dem Haus. Einen neuen Hund wollte sie sich nicht zulegen.

„Was ist, wenn mir etwas passiert? Was ist, wenn ich ins Krankenhaus muss? Wer kümmert sich dann um den Hund?“ Mit 80 Jahren, so glaubt Lilo Schürmann, kann „ja jeden Tag etwas sein.“ Aber ein Leben ohne Hund? „Man geht gar nicht mehr vor die Tür“, sagt die agile Rentnerin, die den „Zustand“ fast ein ganzes Jahr aushielt. Ihre Kinder recherchierten im Internet und stießen auf das Angebot von „Bluebello“. Und so kam Daisy ins Haus – zunächst vier Wochen auf Probe. Jetzt für immer. Hund und Frauchen sind ein Herz und eine Seele. Nur der Preis ist nicht ganz ohne: 150 Euro zahlt Lilo Schürmann für Daisy. Jeden Monat. Dafür gibt es Futterlieferungen und der „Partnerhund“, wie ihn „Bluebello“-Inhaberin Katrin Rösemeier offiziell bezeichnet, ist haftpflicht- und OP-versichert.

Zudem wird er, wenn Lilo Schürmann einmal krank ist oder gar ins Krankenhaus muss, innerhalb kürzester Zeit abgeholt. Auch als Daisy jetzt einen Kreuzbandriss hatte, war sie bei ihrer eigentlichen Besitzerin.

„Es ist nichts Anrüchiges dabei“, sagt Katrin Rösemeier über ihr ungewöhnliches Geschäftsmodell. Im AK-Gespräch möchte sie nicht preisgeben, wie viele Hunde sie in Deutschland bisher an ältere Menschen vermittelt hat. „Aber ich bin in den letzten fünf Monaten 22000 Kilometer gefahren.“ Sie schaue sich nämlich genau an, wo ihre Hunde hinkommen würden. „Ich habe keine Hunde aus Polen oder Spanien. Die Hunde, die ich an ältere Menschen vermittle, kommen aus schlechten Verhältnissen oder von Familien, die die Tiere nicht mehr haben wollen.“

Und: Ältere Menschen würden die Hunde auch nicht abgeben. Es sei also kein kurzes Gastspiel. Im Gegenteil. „Was will man denn machen, wenn man alt ist? Und ab einem gewissen Alter ist es schwer, einen Hund aus dem Tierheim zu bekommen“, sagt Katrin Rösemeier. Tierschützer sehen das „Modell Miethund“ allerdings kritisch. Tiere dürften nie zur Sache werden und in Deutschland wie Autos vermietet werden.

Auch Lilo Schürmann findet nicht alles perfekt rund um ihren Vertrag. „Im Moment soll Daisy abnehmen. Sie konnte lange wegen des Kreuzbandrisses nicht laufen und hat ordentlich zugelegt. Sie soll Möhren mit Reis und etwas Fleisch bekommen. Aber das zahle ich selbst. Zu den 150 Euro.“ Dennoch ist sie mit Daisy sehr glücklich. Der Hund ist lieb und hört gut. Er knurrt, wenn jemand am Gartentörchen hantiert und würde auch bei jedem möglichen Einbrecher sofort Alarm schlagen.

„Und er bleibt auch allein, wenn ich zum Friseur oder Arzt muss. Aber eine Scheibe Wurst muss dann drin sein“, lacht Lilo Schürmann und streichelt Daisy. Am Bauch gekrabbelt zu werden, das hat die fast siebenjährige Hündin am liebsten. Würde Lilo Schürmann „rent a dog“ empfehlen: „Ja, eigentlich schon. Obwohl es teuer ist.“

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