Verfahren gegen Rentner eingestellt

Balve/Menden - Als ein gebürtiger Balver am 30. November vergangenen Jahres seinen Einkauf in Menden erledigt hat, ahnt er noch nicht, dass er kurz darauf das Leben einer Frau wohl für immer negativ verändern wird.

Es ist etwa 17 Uhr, der Jahreszeit entsprechend dunkel – und regnerisch. Der 77-Jährige will gerade in seinem Auto den Parkplatz des Supermarktes verlassen, als er einen Ruck spürt. Der Mann steigt aus und entdeckt eine am Boden liegende Frau – er hatte sie umgefahren.

Gestern musste sich der Rentner dafür im Amtsgericht Menden wegen fahrlässiger Körperverletzung verantworten. Die Frau sei sehr dunkel gekleidet gewesen, so dass er sie nicht gesehen habe, erklärte der Angeklagte. Zudem habe er nicht gewusst, dass sich an dieser Stelle ein Fußgängerüberweg befindet. Tatsächlich gibt es dort keinen Fußgängerüberweg im Sinne der Straßenverkehrsordnung, sondern eine sogenannte Fußgängerfurt, klärte der Richter auf. Auf der Straße sind keine Zebrastreifen, sondern lediglich gestrichelte Linien aufgezeichnet. Zudem gibt es kein Schild, das Autofahrer auf Fußgänger hinweist. Wer allerdings als Benutzter des Fußweges unterwegs ist, würde von einem blauen Fußgänger-Verkehrsschild schnell dazu verleitet, die Straße zu überqueren, stellte der Vorsitzende fest.

Die Geschädigte erschien gestern mit Gehhilfen im Gerichtssaal. Sie habe wie immer den Fußweg über die Straße benutzt. „Auf einmal gab es einen Knall und ich weiß nichts mehr“, berichtete die 76-Jährige. Erst im Krankenhaus sei sie wieder aufgewacht. Sie hatte sich eine Schädelprellung und diverse Hämatome am ganzen Körper zugezogen: „Ich war wirklich überall blau.“ Am schlimmsten habe es ihr Knie erwischt. Das Gelenk war durch den Unfall gebrochen. Eine Operation habe es sofort am nächsten Morgen gegeben, ein weitere stehe noch aus. „Der Arzt sagt, es ist sehr kompliziert. Ich habe jeden Tag Schmerzen“, gab die Geschädigte an.

Ein weiterer Autofahrer bestätigte, dass die Frau nicht gut zu erkennen gewesen sei. Und so entschied das Gericht letztlich das Verfahren gegen den Balver einzustellen. Er muss aber 500 Euro Geldbuße an die Straßenverkehrswacht zahlen. Der Vorsitzende begründete die Entscheidung damit, dass die Beschilderung „Unfall provozierend“ sei. Zudem habe die Geschädigte wohl nicht richtig auf den Verkehr geachtet und sei aufgrund dunkler Kleidung schlecht zu sehen gewesen.

Ein Freispruch kam gestern nicht in Betracht. Dafür hätte das Gericht entscheiden müssen, dass der Angeklagte gar nichts für den Unfall konnte. Das sei aber nicht der Fall, da der Rentner aufgrund des Supermarktes generell mit Fußgängern hätte rechnen müssen.

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