Hauspatin Christina Lücke hilft Flüchtlingen "zurück ins Leben"

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Christina Lücke hilft unter anderem afrikanischen Flüchtlingen. Mit der Zeit wächst sie mit den Menschen zusammen.

Balve - Mit einem freundlichen „Hello is everything ok?“ begrüßt Christina Lücke ein paar Flüchtlinge. Seit Herbst vergangenen Jahres ist die Balverin Hauspatin, stand erst hilfesuchenden Menschen im Schwesternheim zur Seite und ist nun für Flüchtlinge im Stockmeier Haus II da.

Unterstützung bekommt sie von ihrer Schwester Sabine Camminady und Sarah Stücken. Wie wichtig ihre Hilfe ist merken die Frauen jeden Tag. Nach ihrer Begrüßung geht Christina Lücke in den Aufenthaltsraum der Unterkunft. 

Zum Jackeausziehen kommt sie jedoch nicht, sofort wenden sich eine Frau und ein Mann aus Afrika an sie. Die Frau klagt über Schmerzen. Die Narbe vom Kaiserschnitt tue ihr weh.

Lücke nimmt ein aktuelles Attest der Frau in Augenschein, erklärt ihr auf Englisch, dass der Arzt mit dem Verlauf der Heilung zufrieden sei und die Frau noch etwas Geduld haben müsste. Schließlich widmet sich Lücke dem Mann zu. Er will unbedingt arbeiten. Dafür, so Lücke, benötige er noch ein Papier von der Ausländerbehörde. „Ich kümmere mich darum“, verspricht Lücke.

Wenn Christina Lücke mit den Flüchtlingen spricht, ist sie in ihrem Element. Der Umgang mit Menschen liegt ihr, das wird schnell klar: „Am Anfang habe ich gedacht, das Ganze erschlägt mich. Aber jetzt bin ich sehr froh, den Schritt gegangen zu sein. Es ist super spannend hier - die fremden Menschen und Kulturen.“

35 Flüchtlinge aus verschiedenen Regionen

Im Stockmeierhaus II leben derzeit 35 Flüchtlinge vom Balkan, aus Syrien und Afrika. Der Großteil der syrischen Flüchtlinge sei super ausgebildet: „98 Prozent sprechen ein sehr gutes Englisch.“ Sie strebten schnellstmöglich nach einem neuen Leben, nach Arbeit: „Sie wollen lernen, lernen, lernen.“ 

Shhadeh Loutfi kam mit seiner Ehefrau Dima und Töchterchen Pamela aus Syrien nach Deutschland. 

Einer von ihnen ist Shhadeh Loufti. Er floh mit seiner Frau Dima und Töchterchen Pamela aus Syrien. Er will unbedingt Deutsch lernen. Es sei schwer aber nicht unmöglich, sagt er. Kompliziert finde er die Artikel. So sei in seiner Heimat zum Beispiel der Tisch weiblich während er in Deutschland männlich ist.
 
„Da hilft nur auswendig lernen und immer wiederholen, wiederholen“, rät Lücke. Dann gibt sie dem Syrer spontan eine kleine Deutschstunde, geht einige Artikel mit ihm durch. Es sind Momente wie dieser, für die Lücke gern ihre Freizeit zur Verfügung stellt. Das sehen auch ihre Mitstreiter so. Regelmäßig gibt es Treffen der Paten aus den Stockmeierhäusern I und II.

Ehrenamtliche finden Lösungen für Probleme

Bei diesen Gelegenheiten tauschen sich die Ehrenamtlichen aus, finden Lösungen für Probleme. So hätte vor Kurzem an den Fahrrädern der Flüchtlinge die Beleuchtung gefehlt. Schnell waren Freiwillige gefunden, die die Räder reparierten oder den Flüchtlingen das Reparieren beibrachten. „Hilfe zur Selbsthilfe ist das Motto“, sagt Lücke. 

Beim Stichwort Fahrrad fällt ihr eine Anekdote ein. „Viele Flüchtlinge können gar nicht Fahrrad fahren“, sagt sie. Und so hätten zwei Männer aus Syrien auf einem Fahrrad gesessen. Anstatt voran zu kommen, seien sie im Graben gelandet. Passiert sei nichts. Die Männer hätten darüber gelacht und es gleich noch einmal probiert.

Beschäftigung sei sehr wichtig für die Flüchtlinge: „Sie sind hier abgeschottet, können die Sprache nicht, hängen den ganzen Tag ab. Sie suchen sich eine Beschäftigung, das könnte dann auch in die kriminelle Schiene.“ Deshalb sei Lücke froh, dass es in Balve so viel Unterstützung und damit Ablenkung für die Menschen gibt.

Durchgreifen statt zuviel Naivität

„Wir Balver sind ein tolles Volk. Wenn es hart auf hart kommt, halten wir zusammen“, findet Lücke. Das Verständnis für die Flüchtlinge müsste vorhanden sein. Sicher gebe es auch schwarze Schafe. „Wir sind hier nicht naiv. Wir müssen auch durchgreifen“, stellt Lücke klar.

So hätten einige Flüchtlinge einen ganz anderen Tagesrhythmus als die Deutschen. „Manche gehen erst nach Mitternacht ins Bett – auch die Kinder“, berichtet die Hauspatin. In der Schule seien die Jungen und Mädchen dann nicht richtig wach und aufnahmefähig. Deshalb wollen die Hauspaten versuchen, eine Hausordnung aufzustellen, damit wenigstens die Kinder genug Schlaf bekommen.

Auch Aufklärung steht auf dem Plan der Hauspaten. Den Männern müsste klar gemacht werden, dass sich Frauen im Sommer locker anziehen weil ihnen warm ist und dass das keineswegs eine Einladung zum Anfassen ist. Wenn es um das Thema anfassen geht, achten auch die Hauspaten ganz genau auf ihr Verhalten: „Am Anfang sind wir sowohl bei Frauen, besonders aber bei Männern sehr zurückhaltend.“ Erst mit der Zeit käme es zu freundlichen Annäherungen in Form von Umarmungen und Händedrücken.

Wenn sie vertrauen, erzählen sie von ihren Erlebnissen

„Gerade die Menschen aus Syrien brauchen oft lange Zeit“, hat Lücke festgestellt. Wenn sie aber erst Vertrauen gefasst haben, erzählten sie auch von ihren Erlebnissen. So sei eine Frau mit ihren fünf Kindern mit dem Schlauchboot aus Syrien geflohen. Ihren Mann habe sie zurückgelassen, da er sich um die Eltern kümmern muss. Und dann war da noch ein Junge, der mit ansehen musste, wie sein Vater erschossen wurde.

All das geht Lücke sehr nahe. Umso wichtiger sei es, den Menschen zu helfen: „Wir nehmen sie mit in die Stadt, ins Leben. Das ist wichtig.“ Dass sich die Flüchtlinge sofort anpassen, sei nicht möglich. Vielmehr sollte es darum gehen, sich zu begegnen. „Solange eine Seite versucht, die andere Seite zu sich zu ziehen funktioniert es nicht. Es gibt nicht nur Schwarz und Weiß sondern so viele Grautöne. Wir müssen Brücken bauen. Wir können jetzt beweisen, dass wir aus unserer Geschichte gelernt haben oder wir können sie wiederholen“, erklärt Lücke.

Kulturen näher bringen

Inzwischen breitet sich ein fremdartiger Duft in der Unterkunft aus – die Flüchtlinge kochen. „Wir wurden schon oft zum Essen eingeladen. Was wir alles schon gegessen haben“, sagt Lücke und lacht. Aber auch das gehöre dazu und bringe die Kulturen aneinander näher. „Manchmal entstehen sogar Freundschaften“, sagt Lücke und lächelt dabei.

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