Bau der Ortsumgehungsstraße "B 229n" noch nicht auf der Agenda 

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Die im Bundesverkehrswegeplan ausgezeichnete, etwa 5,9 Kilometer lange Ortsumgehung um Balve soll unter anderem an der Luisenhütte am Woklumer Hammer vorbei führen.

Balve - Schon lange im Gespräch, oft diskutiert, doch bis heute gibt es sie nicht: Eine Ortsumgehungsstraße, die den Hauptstrom des Pkw- und Lkw-Verkehrs um die Balver Innenstadt herumleiten soll. Im neuen Bundesverkehrswegeplan, der kürzlich veröffentlicht wurde, ist das „Projekt B229n“ aber aufgeführt – und ihm wird sogar „vorrangiger Bedarf“ bescheinigt.

Bei der vom Landesbetrieb Straßen.NRW entwickelten Vorplanung ist eine 4,9 Kilometer lange Ortsumgehungsstraße angedacht, die von der Kreuzung in Sanssouci hönneaufwärts über das Gelände der Firma Stockmeier, durch die Sillhaue in Richtung der Kreisstraße 12 (Mellen-Balve) und aus dem Tiefental in Richtung Langenholthausen führt, wo sie letztendlich am Hundeplatz auf die vorhandene B 229 trifft.

Im Tiefental zwischen Balve und Mellen soll die Umgehungsstraße auf einer Länge von etwa 1,2 Kilometern auf der Trasse der K12 verlaufen; die verbleibenden Reste der Kreisstraße sollen hier zurückgebaut werden. Diese rund 4,9 Kilometer lange Ortsumgehung, die die Innenstadt insbesondere vom Schwerlastverkehr entlasten soll, soll laut Straßen.NRW etwa 19,2 Millionen Euro kosten.

Widerstand gegen Ortsumgehung im Internet

Obwohl es sich bisher nur um eine grobe Vorplanung handelt, regt sich bereits Widerstand gegen die Umgehungsstraße. Im Internet gründeten Gegner der Planung bereits die Facebook-Gruppe „B 229n Balve Umgehung verhindern!“, die innerhalb weniger Tage auf knapp 400 Mitglieder angewachsen ist. Doch nicht nur die Balver Bürger reagieren mit Ablehnung und Unverständnis auf das Projekt, das im Bundesverkehrswegeplan aufgeführt ist, denn auch die Balver Einzelhändler, die in der Innenstadt angesiedelt sind, sind mehr als skeptisch: „Balve ist auf den Durchgangsverkehr in der Innenstadt angewiesen. Wenn die Ortsumgehung wie geplant kommen sollte, können viele Einzelhändler einpacken. Dann geht das Licht aus“, sagt Rolf Biggemann, Vorsitzender des Balver Fachhandels.

So hätten die Händler es bereits jetzt sehr schwer, sich in der Innenstadt zu halten. Ein großes Plus in Balve seien hier noch die Parkmöglichkeiten, die in anderen Städten nicht gegeben seien. „In Balve können die Menschen, anders als zum Beispiel in Neuenrade, noch direkt an der Hauptstraße parken. So sind auch kleine Besorgungen recht problemlos möglich.“

Wozu eine fehlgeleitete Verkehrsplanung führen könne, könne man an den Städten Menden oder Sundern sehen, meint Biggemann: „Menden hat sehr viele Leerstände im Innenstadtbereich. Das ist grauenhaft“, so Biggemann. Heute hätten die Städte mehr Probleme damit, die Auswirkungen der Verkehrsumleitung wieder auszugleichen.

Stadt begrüßt Pläne für ersten Bauabschnitt

Bürgermeister Hubertus Mühling versteht die Sorgen der Balver Einzelhändler und sieht deren Argumente als „nicht ungewichtig“ an. Allerdings gibt er zu bedenken, dass niemand panisch werden müsse: „Es sind bislang nur Entwürfe, die der Landesbetrieb veröffentlicht hat. Mit uns als Kommune, die auch eine Entscheidungskompetenz besitzt, hat noch niemand gesprochen. Es sind keine Entscheidungen getroffen und in Stein gemeißelt worden“, sagte Mühling auf Anfrage unserer Zeitung.

Es gebe, anders als in Neuenrade, keinen konkreten Planungsstand. „Auch nach dem alten Bundesverkehrswegeplan gab es zahlreiche Projekte, die dann doch nicht umgesetzt wurden“, weiß das Stadtoberhaupt. Allerdings begrüße die Stadtverwaltung den ersten geplanten Bauabschnitt, der von der Kreuzung in Sanssouci bis zur K 12 führt. „Hierbei hat Straßen.NRW schon zugesagt, dass dort in den nächsten fünf Jahren etwas passieren wird. Das ist auch wichtig, damit die Verkehrssituation am Nadelöhr Sanssouci entlastet wird“, sagt Mühling.

Kosten von 19,2 Millionen "eine Illusion"

Die geplante Umgehungsstraße verläuft von Sanssouci im Norden bis nach Langenholthausen im Süden.

„Entsprechende Planungen gab es bereits vor Jahrzehnten. Auch diese wurde immer wieder verworfen“, sagt der Vorsitzende der Balver Grünen, Ottmar Herrmanns, über die Umgehungsstraße. Er selbst lehnt den Bau nach dem entsprechenden Plan von Straßen.NRW ab: „Mir fehlt etwas der Überblick, aber es ist meine persönliche Meinung, dass damit eine Landschaftszerstörung in hohem Maß verursacht würde.“

Das Problem des hohen Verkehrsaufkommens in und um Balve solle besser anders gelöst werden. Nicht jeder brauche ein Auto – zudem sollten Carsharing und Fahrgemeinschaften gefördert werden. Des Weiteren sieht er die Pläne finanziell sehr kritisch.

Hermanns ist sich sicher, dass die geplanten 19,2 Millionen Euro für die Ortsumgehung nicht reichen werden: „Es ist eine Illusion, zu glauben, dass es dabei bleibt. Ich rechne eher mit Kosten in Höhe von rund 30 Millionen Euro.“

Balver Bürger sollten befragt werden

Diese Einschätzung hält Lorenz Schnadt, Vorsitzender des städtischen Ausschusses für Umwelt, Planen und Bau, sogar für untertrieben: „In der Regel werden viele Straßenbauprojekte eher doppelt so teuer, so dass ich glaube, dass so eine Umgehung wie im Plan eher bis zu 40 Millionen Euro kosten würde“, sagt Schnadt.

Wieso die Balver Ortsumgehung nun plötzlich wieder im Fokus stehe, kann sich der UWG-Politiker nicht erklären. „Das sind Überlegungen, die fast 40 Jahre alt sind. Die letzten Stellungnahmen der Stadt dazu sind von 1998, deshalb bin ich mir sicher, dass die Umsetzung niemals so geschehen wird, wie es im Plan des Verkehrsministeriums vorgesehen ist“, meint Schnadt.

Er hält es für sehr wichtig, dass vor der Umsetzung solcher Projekte die Bürger zu den Vorhaben befragt werden. „Die Frage ist doch einfach: Braucht und will man noch eine Umgehungsstraße? Ich bin mir sicher, dass man in Balve kaum Menschen findet, die für den Bau der Umgehungsstraße sind.“

Negativbeispiele in Balver Nachbarschaft

Die Leute seien schlauer, als noch vor zehn bis 15 Jahren, als sich noch viele Bürger für eine Ortsumgehung aussprachen. Auch Schnadt argumentiert hierbei mit Beispielen aus der Umgebung: „In Lendringsen wurde vor rund 15 Jahren ebenfalls eine Ortsumgehungsstraße gebaut. Die Auswirkungen sind heute noch deutlich spürbar, denn in der Innenstadt ist kein einziges, vernünftiges Geschäft mehr zu finden“, sagt der Ausschussvorsitzende und zeigt somit ebenfalls Verständnis für die Befürchtungen der Einzelhändler.

Gerade der Durchgangsverkehr sei besonders wichtig, weil dadurch ein Großteil der Laufkundschaft in die Hönnestadt komme. Des Weiteren sei der mit dem Bau der Straße verbundene Eingriff in die „beste Sauerländer Landschaft“ und die damit verbundene Zerstörung der Natur nicht zu rechtfertigen.

Kritik an Christel Voßbeck-Kayser

Schnadt kritisiert zudem die CDU-Bundestagsabgeordnete Christel Voßbeck-Kayser, die sich kürzlich für die Umsetzung des Projektes „B 229n“ ausgesprochen hat. „Ich verstehe nicht, warum Frau Voßbeck-Kayser das Projekt so bejubelt. Ich glaube eher, dass sich die Bundestagsabgeordnete in Berlin gar nicht damit beschäftigt hat“, vermutet Schnadt.

Bürger können Stellungnahme abgeben

Das Ministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI), das für den aktuellen Bundesverkehrswegeplan verantwortlich ist, will bei der Aufstellung des Wegeplans die öffentliche Meinung zu den Projekten miteinbeziehen. Deshalb haben die Bürger noch bis zum 2. Mai die Möglichkeit, per Brief an das Berliner Ministerium oder per Online-Formular ihre Ansichten zu den Verkehrsprojekten zu äußern.

Das Ministerium will nach Auswertung der fristgerecht eingereichten Stellungnahmen der Bürger deren Wünsche und Einwände in die jeweiligen Projekte einfließen lassen und diese gegebenefalls ändern.

Die Adresse des Ministeriums sowie das Online-Formular finden die Bürger im Internet auf der Homepage des BMVI im Bereich „Verkehrsinfrastruktur“. Dort sind alle Projekte des Bundesverkehrswegeplan aufgelistet. www.bmvi.de

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