„Das Radio ist immer dabei“

Andreas Tautz in der Zentrale seines Internet-Radios: Mehrere Computer, Boxen, Kopfhörer und ein Mikrofon vor dem Mund – so sendet der Garbecker seine „schwarzen“ Klänge vom Sauerland aus hinaus in die Welt. - Foto: Koll

Balve - Kein Wort bekam Andreas Tautz heraus an diesem Tag vor gut sechs Jahren. „Das war echt krass“, erinnert er sich. „Ich war so schüchtern, hatte Herzrasen und alles drum und dran.“ Aber dann habe ihn der Chef im Chat ermahnt, doch auch mal zu moderieren. Schließlich machte der heute 44-Jährige da gerade seine erste Radio-Sendung.

Aus Langeweile habe Tautz damals damit angefangen – seinerzeit beim Internet-Radio Ghostface. Als nach anderthalb Jahren der Sender seinen Betrieb einstellte, ergriff der Garbecker kurzerhand selbst die Initiative: Radio Dextera war geboren und ging am 1. April 2011 an den Start.

„Es hat mir einfach Spaß gemacht, auf Sendung zu sein“, erinnert sich der Facharbeiter für Werkzeugmaschinen. Ja, er habe sogar eine Leidenschaft dafür entwickelt. Das führte dazu, dass er heute „fünf bis sechs Stunden am Tag – sieben Tage die Woche“ für sein eigenes Projekt arbeitet: Er moderiert selbst, macht die Einsatz- und Urlaubspläne seines Teams, wirbt für sein Radio, pflegt Neuigkeiten auf der Internet-Seite ein und spricht Interview-Termine ab.

Radiobetrieb kostet 1500 Euro im Jahr

Ganz kostenfrei ist das alles auch im Internet nicht: „Da kommen pro Jahr etwa 1500 Euro zusammen, die ich bezahlen muss. Für mich ist das aber mehr als ein Hobby“, stellt der sympathische Mittvierziger dar. Dann überlegt er kurz und fügt an: „Wenn ich alles zusammenrechne, dann hätte ich mit meiner Frau für das Geld auch zwei schöne Weltreisen machen können.“

Dafür erhält der Musik-Fan aber auch immer pressfrische CDs sowie kostenfreie Downloads neuer Alben, um sein Programm stets aktuell zu halten. Einerseits senden ihm immer wieder neue Bands ihre Musik zu. Und der Radio-Chef unterstützt auch gerne Newcomer. Andererseits bemustern ihn Plattenfirmen – Labels genannt – aus der ganzen Welt: „Ich bekomme CDs beispielsweise aus Deutschland, Finnland, Spanien, den USA, Südamerika“, zählt er auf.

„Dextera ist Latein und heißt: rechte Hand“, verrät Tautz. Doch politisch sei das nicht gemeint: „Sowas ist bei uns verboten, ebenso wie religiöse Statements der Moderatoren. Glaube kommt allenfalls mal in den Songtexten vor“, betont der Radio-Macher.

Er spricht den Mordfall an, bei dem 2001 ein Ehepaar in Witten aus satanischen Motiven heraus tötete. Die beiden wurden seinerzeit mit der schwarzen Szene in Verbindung gebracht. Daraus lasse sich jedoch nicht ableiten, dass alle, die diese Musik hörten, Satanisten seien: „Das ist Blödsinn“, stellt Tautz klar. „Damit wollen wir nichts zu tun haben.“

„Wir“ – das sind derzeit acht Moderatoren, die das Team von Radio Dextera bilden. Zwischendurch läuft aber auch der Auto-DJ: Der Computer-Server übernimmt dann die Programmgestaltung. Die echten Moderatoren leben über ganz Deutschland verteilt – vom Osten über Bayern bis hin ins heimische Sauerland.

Der Radio-Betreiber, der selbst übrigens gebürtiger Leipziger ist, kennt sie aber alle persönlich und nicht bloß über das Internet: „Das ist mir ganz wichtig. Das macht die Zusammenarbeit leichter.“ Auch stärke das das Vertrauen zueinander. Das sei ebenso entscheidend, schließlich könne Tautz, etwa wenn er arbeitet, ja nicht immer hören, was die anderen senden.

Bei anderen Radiosendern dürften die Dextera-Moderatoren indes nicht arbeiten. Und sie dürften auch nicht „stockbesoffen“ auf Sendung gehen. „Zwei Mal habe ich deswegen schon einen aus dem Team gekickt“, gesteht Tautz, der 1992 nach Westdeutschland übersiedelte und seit anderthalb Jahren mit Sabrina verheiratet ist.

Wer nun die Homepage des Senders besucht, wird empfangen vom Schriftzug: „The Right Hand of Black Souls“ (zu deutsch: die rechte Hand schwarzer Seelen). Es ist also klar: Das ist die Heimat für sogenannte Grufties. „Unsere Musik ist ja im Sauerland leider nicht weit verbreitet“, bedauert Tautz. Aber: Nur ein paar Klicks auf der Dextera-Internetseite weiter kann auch der Sauerländer diese Welt für sich öffnen.

Andreas Tautz hat seine Frau gleich vorgewarnt

Sein Radio sei alles andere als einseitig orientiert, erläutert Tautz: „Gothic, Dark Wave, Heavy Metal, Symphonic Metal, Mittelaltermusik, Industrial, EBM“, zählt er auf, was alles bei Dextera läuft. „Und meine Frau ist die Fachfrau für Rockmusik“, ergänzt er. Diese habe er gleich zu Beginn ihrer Beziehung vorgewarnt: „Du musst Dir gewiss sein, dass das Radio immer dabei ist.“

Nur Mainstream-Musik laufe nicht auf Dextera. Und doch: Stars wie Fields of the Nephilim, Sisters of Mercy, Nightwish und Depeche Mode gehören auch zu dem Radioprogramm. „Das sind Kultbands“, erläutert Tautz. „Die laufen natürlich bei uns auch. Ebenso wie Manowar, Front 242, Kraftwerk, The Cure, Lacrimosa und Sepultura“, fügt er noch hinzu.

Für ihn selbst seien diese „Kultbands“ der Einstieg in die Szene gewesen. „Anfang der 80er-Jahre habe ich mich mit Depeche Mode ‘infiziert’. Von denen habe ich seither alles gesammelt“, sagt Tautz und zeigt auf einen CD-Ständer. „Da ist nichts anderes drin.“ Gegenüber an der Wand hängt ein anderthalb Meter hoher Kerzen-Halter in Form eines auf dem Kopf stehenden Pentagramms – ein vorchristliches Symbol, welches Dämonen und das Böse schlechthin verbannen sollte.

Tautz macht auch gerne Interviews mit Künstlern – stets am Wochenende und immer live „auf Sendung“. Mal fragt er bei einer Band an, mal melden sich Musiker bei ihm, mal wünscht sich die Plattenfirma Sendezeit auf Dextera in Form eines Live-Gesprächs.

Zuletzt hat Tautz so einen Musiker aus Peru zwei Stunden lang über seinen Radiosender vorgestellt. Ihm und den anderen Moderatoren hören übrigens 20 bis 80 Hörer zu. „Die 100er-Marke haben wir noch nicht durchbrochen“, sagt Tautz. „Andere Internet-Radios halten aber grad mal ein halbes Jahr durch“, weiß er, dass er doch bereits viel erreicht hat.

Wer dem Dextera-Programm lauscht, sieht auf der Homepage gleich, welches Stück von welchem Künstlern gerade läuft. Durch Anklicken des Titels öffnet sich die Homepage des Interpreten. Mit „Daumen hoch“ und „Daumen runter“ kann der Hörer die Stücke bewerten. Daraus ergeben sich die Dextera-Monats-Charts. Momentan liegt in dieser Hitparade Eric Fish mit dem Stück „Bildungsoffensive“ ganz vorn.

Angemeldete Radio-Fans – derzeit sind das gut 350 Menschen – können im Dextera-Chat dem gerade agierenden Moderator Musikwünsche schreiben. Aber jeder der acht Moderatoren hat seinen eigenen Stil, sein eigenes Repertoire. Und alle machen den „Job“ ehrenamtlich. Manche unterstützen den Garbecker sogar bei den Radio-Kosten.

Sponsoren sind Andreas Tautz stets willkommen. Kontakt gibt es über die Internet-Seite www.radio-dextera.de.

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