Zentrale Sprachenschule für Flüchtlinge

Sprache und Beruf sinnvoll verzahnen

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Lernen fleißig, aber auf beengtem Raum: Flüchtlinge in Altena.

Altena - Sprachkompetenz zu erwerben, ist für Flüchtlinge das „A“ und „O“, um im deutschen Alltag zurecht zu kommen. Altena leistet da auf vielen Gebieten – einmal mehr – vorbildliche Arbeit.

Die Stadt setzt nicht allein auf „amtliche“ Kurse, die beispielsweise in der Trägerschaft der Volkshochschule, VHS, angeboten werden. Auch viele Ehrenamtler, besonders des Stellwerks, engagieren sich uneigennützig. Beim Besuch von NRW-Integrationsstaatssekretär Thorsten Klute fiel von Bürgermeister Dr. Andreas Hollstein eher als Nebensatz die Bemerkung, für ihn mache eine Art zentrale Flüchtlingssprachenschule durchaus Sinn. Und Altena hätte da Kapazitäten frei.

Herr Bürgermeister - würden Sie bitte diese, Ihre Idee, noch einmal etwas präzisieren? Und die jetzige Praxis gegenüberstellen.

Dr. Andreas Hollstein: Gerne. Momentan bemühen sich unstreitig alle um Integration. Fördermaßnahmen schießen aus dem Boden. Sprachkurse auch. Das, was meiner Meinung nach fehlt, sind Bildungsketten, damit die Flüchtlinge je nach Schnelligkeit organisiert und ohne Wartezeiten an Sprache, Kultur und auch berufsvorbereitende Maßnahmen herangeführt werden. In einer Integrationsschule könnte man ohne Pause verzahnten Unterricht und Heranführung koordinieren.

Ist es richtig, dass Sie das auf verschiedenen Ebenen schon vorgetragen haben, aber sich nicht so recht durchsetzen konnten? In Gegenwart des Herrn Klute sprachen Sie vom „Kirchturmdenken verschiedener Amts- und Mandatsträger im Umfeld“, die das wohl ausgebremst haben.

Dr. Andreas Hollstein: Ich habe das am Rande einer Sitzung des Beirates des Jobcenters und in der letzten Bürgermeisterkonferenz in den Raum geworfen und auch mit einigen Organisationen mal diskutiert. Aber dem einen Verantwortlichen ist es lieber, eine Maßnahme unbedingt in seinen Mauern zu haben. Dem nächsten geht es um Konkurrenz bei den Bildungsträgern. Die Förderung in Deutschland geht auch nach Sparten. So ist das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) für die Integrationskurse verantwortlich, die Jobcenter und die Arbeitsagentur für die Integrationsmaßnahmen, die an den Arbeitsmarkt heranführen.

Es gab Interesse, aber es gibt auch viele formale Hinderungsgründe. Die Räume im Stellwerk sind beengt - auch in der VHS ist nicht viel Raum. Jetzt ist ja das Begegnungszentrum mit massiver Förderung (488 000 Euro durch das Land) auf dem Weg. Reicht das nicht aus?

Dr. Andreas Hollstein: Das Begegnungszentrum soll die Möglichkeiten für die Begegnung von geflüchteten und hier wohnenden Menschen verbessern. Daneben sollen die beengten Bedingungen für die Einstiegssprachkurse durch das Stellwerk verbessert werden und gemeinnützige Tätigkeiten für die Menschen angeboten werden. Die Idee einer Integrationsschule greift später und weiter. Sie soll in einer Win-Win-Situation die Verzahnung von Sprache und ersten beruflichen Orientierungen ermöglichen. 

Wer seinen Sprachkurs macht, soll übergangslos und ohne Wartezeit in die nächste Stufe kommen und parallel die Möglichkeit haben, Deutsch für die Arbeitswelt, deutsche Kultur und Geschichte zu erlernen und sich auch für handwerkliche oder industrielle Berufe mit den allerersten Schritten vorklassifizieren. Tote Zeiten und das Warten zermürbt die Menschen, ist aus Sicht der Volkswirtschaft blöd und kostet unnötig viel Steuergeld.

Gut, Sie sprechen vom Vergeuden von Ökonomie in Sachen Sprachlern-Training. Machte es dann nicht sogar Sinn, nicht nur Ehrenamtler, sondern möglicherweise sogar Voll-Pädagogen, zum Einsatz kommen zu lassen?

Bürgermeister Dr. Andreas Hollstein kann sich eine zentrale Sprachenschule für Flüchtlinge gut vorstellen.

Dr. Andreas Hollstein: Die tollen Menschen im Stellwerk begleiten die ersten Schritte und geben Soforthilfe. Teilweise können sie als ehemalige Pädagogen die Flüchtlinge auch noch für das Niveau von ersten Klassen (zum Beispiel A1) qualifizieren. Später müssen Profis ans Werk. Sprachliche Integration bis zur C-Ebene, die für ein Studium qualifiziert, muss der Staat beziehungsweise Bildungsträger im staatlichen Auftrag machen. Ich glaube nur, dass es in einer Schule, in der man neben den einzelnen Sprachlevel auch Deutsch für die Arbeitswelt, deutsche Kultur und Geschichte und Berufsorientierung vermittelt, besser geht, als mit den schon vorhandenen Bildungsangeboten.

Hört sich gut an, aber wer soll das bezahlen?

Dr. Andreas Hollstein: Ich glaube, dass eine solche Schule für volljährige Migranten sogar viel wirtschaftlicher wäre, da die Übergangszeiten zwischen Kursen wegfielen, die Integrationszeit bis zum Arbeitsmarkt kürzer würde und sogar die Berufswahl besser verzahnt würde. 

Und das Jobcenter könnte Case-Management betreiben und auch bei Problemfällen konsequenter und schneller handeln. Bei den Kindern ist der Spracherwerb viel einfacher. Hier haben fast alle Städte mit Integrationsklassen an den Grundschulen und den weiterführenden Schulen gehandelt. Länger und komplizierter ist der Weg für Erwachsene und Sprache ist der Schlüssel für Integration!

Sie haben angeboten, eine aufgegebene Schule am Ort für eine entsprechende Sprachschul-Nutzung sogar kostenlos bereit zu stellen. Wäre das überhaupt möglich angesichts eines Haushaltssicherungskonzeptes.

Kirchtumdenken muss der Vergangenheit angehören, so Dr. Andreas Hollstein.

Dr. Andreas Hollstein: Naja, nahezu kostenlos. Denn mit einer sehr geringen Miete und der Übernahme der Nebenkosten wäre der Haushalt der Stadt schon entlastet. Aber so eine Bildungseinrichtung müsste nicht unbedingt bei uns in Altena angesiedelt werden. Sie müsste für viele Menschen lediglich zentral liegen. Mir geht es um den Aufbau einer Bildungs- und Berufsvorbereitungskette in einer Räumlichkeit.

Das Liechtensteiner Sprachmodell kann ja jetzt dank Ihrer Initiative in eine weitere Runde gehen. Haben Sie damit gerechnet und stellen Sie die Pädagogik und den Sprachenerwerb jetzt komplett am Ort darauf um, wenn es um Flüchtlinge geht?

Dr. Andreas Hollstein: Die Sprachkurse sind Sache der Freiwilligen. Sie entscheiden, wie sie unterrichten. Aber von den Sprachlehrerinnen, die für die Liechtenstein- Kurse ausgebildet werden, wird es angewendet. In Kürze startet der erste Mütter-Kind- Sprachkurs nach dieser Methode. Auch die circa fünf bis sieben Lehrer, die nicht an der Weiterbildung teilgenommen haben, leisten vorbildliche Arbeit.

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